Sebastian Weirauch: Die Entfernung des Ichs ‒ Über die Konstruktion der Erzählinstanz in Elfriede Jelineks Prosa und Theaterstücken

Dissertation

Abstract

Mein Dissertationsprojekt untersucht die Beschaffenheit der Erzählinstanz in Elfriede Jelineks Werk. Ich verfolge dabei die These, dass in den prosaischen und dramatischen Texten der Autorin ein personaler, heterodiegetischer Narrator spricht, der in der Tradition des Pikaresken und des „Ver-rückten“ steht. Diese Erzählinstanz ist konstitutiv gespalten zwischen den Redemodi der
Narratio und der Moralisatio und erst beider wesentliche Asynchronizität setzt Jelineks ambivalente politische Ästhetik ins Werk, die zwischen einem wilden subjektlos-unbewussten Reden und einem distanziert-analytischen Kommentieren hin- und herschwankt. Im Wechselspiel von Sprachwut und Stottern, Entfesselung und Zügelung hält der gespaltene Ich-Narrator die Übersetzung von Wirklichkeit in Sprache aufrecht und zwar durch seine fortlaufende Konfrontation mit der eigenen und kollektiven Wunde (dem Trauma), um seine Entfremdung und sein repetitives Sprechen in den Dienst der politisch motivierten Verfremdungsästhetik von Jelineks Texten zu stellen.
Wie ich in meiner Untersuchung darlege, markiert die bewusste „Entfernung des Ichs“ den strategischen Versuch der Autorin, das pikaresk-traumatisierte Narratoren-Ich, das durch seine „Ver-rücktheit“ per se unglaubwürdig spricht, aus dem Zentrum ihres Schreibens zu entfernen, um im marxistischen Sinne politisch-aufklärerisch sprechen und damit „Wahres“ ausdrücken zu
können. Zugleich aber bleibt der Prozess der „Entfernung“ notwendigerweise unvollkommen, denn ohne die Zerrissenheit und die Wahrnehmung des Ichs öffnet sich das Spiel der Übersetzung, der
Riss des Realen nicht. Und darum redet das Narratoren-Ich aus der Entfernung heraus vorlaut in die Texte hinein und setzt in seiner Double-Bind-Adressierung und seiner Selbstwidersprüchlichkeit jene ästhetische Kraft frei, durch die Jelineks Werke oftmals einen politisch-ästhetischen Dissens erzeugt haben, da sie quer zu den gängigen literarischen und politischen Diskursen standen.
Anhand dreier wichtiger Texte aus Jelineks Werk ‒ dem Präsensroman Die Ausgesperrten (1980), dem Bewusstseinsroman Die Kinder der Toten (1995) und dem Restaurationstext Winterreise. Ein Theaterstück (2012) ‒ zeige ich narratologisch und poetologisch, wie sich die „Entfernung des Ichs“ angesichts des historisch-politischen Wandels der Mehrheitsgesellschaft, aber gerade auch durch den Zerfall des für die Autorin zentralen marxistisch-ästhetischen Rahmennarrativs mit den Jahren immer weiter gelockert hat. Immer stärker ist seither die aporetische Ausgangssituation des politisch-ästhetischen Sprechens und des gespaltenen Ich-Narrators in den Vordergrund getreten, bis dieser sich zuletzt sogar unverborgen auf der Bühne von Jelineks Sprechen zu zeigen wagte. Anknüpfend an diese Beobachtungen formuliere ich Überlegungen zur Rolle des Ich-Narrators in der (politischen) Gegenwartsliteratur und skizziere ein essayistisch-wissenschaftliches Projekt, das sich unter dem Gesichtspunkt der „erzählten Unordnung“ exemplarischen Untersuchungen über die Poetiken von Heinrich von Kleist, Elfriede Jelinek, Marcel Beyer, Herta Müller, Reinhard Jirgl, W.G. Sebald, Alexander Kluge, Felicitas Hoppe und Cormack McCarthy widmen wird.

2.10.2015

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