Jakob Buurman: Das Heimliche und Unheimliche in Burgtheater (1982) und Heimkehr (1941)

Die Uraufführung von Burgtheater (1982) löste eine ‚dreifache Kränkung‘ der österreichischen Nachkriegsidentität aus. Betroffen waren die Nationalhelden Paula Wessely und Attila Hörbiger, das Burgtheater als kulturelle Institution und damit verbunden die österreichische Opferthese. Während Paula Wessely als österreichische Ikone in Schutz genommen wurde, wurde Elfriede Jelinek als heimatschädliche ‚Nestbeschmutzerin‘ diffamiert. Die vorliegende Arbeit untersucht angesichts dieses Spannungsfelds das Verhältnis von Heimlichem und Unheimlichem in Elfriede Jelineks Theaterstück Burgtheater vor dessen intertextuellen Folie des NS-Propagandafilms Heimkehr (1941) mit Paula Wessely. Im Zentrum steht die These, dass Jelinek die in Heimkehr etablierten Muster des ‚Heimlichen‘ aufgreift und sie in Burgtheater in ihr unheimliches Gegenteil verkehrt, um die verdrängte und überwunden geglaubte nationalsozialistische Vergangenheit als Fundament der Gegenwart bloßzulegen.

Unter der Zuhilfenahme vierer zentraler Analysekategorien (Kastrationsangst, Doppelgängertum, Animismus und Wiederholung des Gleichartigen) aus Sigmund Freuds Aufsatz Das Unheimliche (1919) werden sowohl Film als auch Theaterstück analysiert. Heimkehr eröffnet sich unter diesem Zugriff als ein besonders ‚heimischer‘ Film: Kastrationserfahrungen affirmieren die Bindung an die deutsche Heimat, Inszenierung und Spielweise verschmelzen Figur, Darstellerin und Privatperson in eine scheinbar natürliche Einheit, auf Basis des Animismus werden Nation und Territorium naturgegeben gedacht und in Wiederholungen wird eine vermeintlich natürliche Heimat beschworen.

Jelineks Burgtheater kehrt diese Kategorien in ihr unheimliches Pendant um: Die Kastrationsangst wird als existenzielle Bedrohung des nationalen Selbstverständnisses erfahren, die Figuren zerfallen in polyphon-doppelgängerische Sprachflächen, der animistische deutsche Boden wird ins Fäkale gekehrt und in Wortneuschöpfungen, die an die Wiederholung bekannter Worte erinnern, tritt ihr gewalttätiger Charakter hervor.

Indem Jelinek die ‚heimischen‘ Muster des Films unheimlich macht, stellt sie die Grundlage des österreichischen Nachkriegsselbstverständnisses in Frage. Der Skandal um Burgtheater erweist sich aus dieser Perspektive als Reaktion auf eine unheimliche Wiederkehr des Verdrängten.

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