Kathrin Klöckl: Fragmentieren, Animalisieren und Verdinglichen. Zur Funktion von Körper(de)konstruktionen in ausgewählten Werken Maria Lassnigs und Elfriede Jelineks

Diplomarbeit

Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek und die Malerin Maria Lassnig gehören zu den wichtigsten Vertreterinnen ihrer Generation. In dieser Arbeit werden ausgewählte Werke der beiden Künstlerinnen einem intermedialen Vergleich unterzogen und so eine Brücke zwischen Literatur und Malerei geschlagen. Dabei determiniert vor allem Lassnigs und Jelineks spezifischer Umgang mit dem menschlichen Körper – sei es als künstlerisches Motiv, als Komponente im künstlerischen Produktionsprozess oder als Denkfigur im theoretisch philosophischen Diskurs – die Perspektive der Analysen. In der Repräsentation, respektive Konstruktion von Körperbildern greifen beide Künstlerinnen, wie gezeigt wird, auf drei zentrale künstlerische Verfahren zurück: Namentlich das Fragmentieren, Animalisieren und Objektivieren des mehrheitlich weiblichen Körpers. Um die Funktion und die Bedeutung dieser Verfahren offen zulegen, wurde ein Rückgriff auf feministisch-psychoanalytische Theorien – unter ständiger Berücksichtigung des Konzepts der Dekonstuktion – und die Analyse der Werke im Kontext der Tradition von Groteske und Ironie vorgenommen. Dabei zeigte sich, dass die künstlerischen Verfahren des körperlichen Fragmentierens, Animalisierens und Verdinglichens auf den Symbolcharakter des (weiblichen) Körpers referieren und daher in zwei Kontexten gelesen werden können: Erstens, als die Auseinandersetzung beider Künstlerinnen mit der Krise weiblicher Identitätsrepräsentation jenseits einer wie auch immer gearteten Form der Körperreferenzialität, innerhalb einer patriarchal-kapitalistisch geprägten Ordnung und zweitens, als spezielle Ausprägungen von Ironie und Groteske, teilweise Michael Bachtins Konzept des grotesken Leibes travestierend, welche die Praktiken tradierter Körperrepräsentation in Frage stellen und so den Werken der beiden Künstlerinnen ein gesellschaftspolitisch subversives Potential verleihen.

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14.2.2018

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Timo Pichler: „Die Kinder der Toten“ im Spiegel der literarischen Memoria. Österreichische und französische Fremdheitserfahrungen mit dem Roman Elfriede Jelineks sowie dessen Bedeutung für eine europäische Erinnerungskultur

Dissertation

Abstract

Elfriede Jelinek hält in ihrem Roman Die Kinder der Toten Österreich den Spiegel der eigenen Vergangenheit vor und thematisiert die dunkelsten Jahre der österreichischen Geschichte. Sie beweist zudem einen feinen Blick auf die gesellschaftlichen Vorgänge bzw. auf die vergesellschaftete Verdrängung, die Österreich bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beherrschte.
Die Dissertation soll eine umfassende Interpretation und Diskussion des Romans darstellen, der verschiedene Konzepte und Theoreme der Kultur- und Geisteswissenschaften zugrunde liegen. Zwei Theoreme, die in dieser Diskussion besonders miteinander verknüpft werden sollen, sind die Psychoanalyse und die interdisziplinäre Gedächtnisforschung. Es sollen unter diesem Gesichtspunkt jene Aspekte des Romans diskutiert werden, die einen Bezug zur Dichotomie Erinnern-Vergessen herstellen, wobei der Verdrängung bzw. dem österreichischen Ver-drängungsprozess der eigenen NS-Vergangenheit besondere Aufmerksamkeit zukommt. Auf Freuds Theorie basierend, soll der Roman also dahingehend interpretiert werden, um diesen kollektiven – und z.T. staatlich gelenkten – Verdrängungsprozess in Österreich und in der österreichischen Identität nachzuzeichnen und um zu zeigen, inwiefern der massive Bruch mit dieser österreichischen „Verdrängungskultur“ der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Fremdheitserfahrung für österreichische Leserinnen und Leser darstellt. In Bezug auf österreichische Fremdheitserfahrungen mit dem Roman soll geklärt werden, inwiefern auch religiöse Inhalte des kollektiven Gedächtnisses zu einer ebensolchen beitragen. Die Literatur Österreichs war – bzw. ist es nach wie vor – stark vom Katholizismus geprägt, weswegen besprochen werden soll, wie Elemente des Satanischen (unter besonderer Rücksichtnahme auf Josef Dvorak, dem die Autorin auch dankt) eine profunde (evtl. sogar unbewusste) Fremdheit gegenüber diesem Roman auslösen, oder um es mit Freud auszudrücken, ihn unheimlich erscheinen lassen. Das unheimliche Potential des Romans – um gleich daran anzuschließen – soll unter der Berücksichtigung der ästhetischen Fragestellung nach der Realitätsprüfung analysiert werden, wobei hier Theorien des französischen Philosophen Jacques Derrida als Basis dienen sollen.
Der Roman soll – und damit wird die Idee der Fremdheitserfahrung weitergetragen – auch nach der Dekonstruktion gelesen werden. Jelinek spielt insofern mit ihrem Publikum, da sie gesellschaftlich etablierte Oppositionen aufhebt bzw. deren Grenzen verschwimmen lässt. Ganz konkret sollen dabei u.a. die Oppositionen Leben-Tod sowie die Opposition Erzähler-Leser auf textimmanenter Ebene diskutiert werden. Jelinek versteht es durch ganz bestimmte Mechanismen, ihre Leserinnen und Leser in den Text hineinzuziehen bzw. so miteinzubeziehen, als würde man gemeinsam mit der Erzählstimme an der Kameraführung beteiligt sein. Die Theorie der Dekonstruktion soll zudem dahingehend angewendet werden, um zu analy-sieren, wer nun tatsächlich im Roman spricht. Der Roman ist durch die (Schein-)Präsenz eines Anderen gekennzeichnet (ganz im Sinne Derridas), wodurch dem Leser vermittelt wird, dass noch etwas nicht Ausgedrücktes in den Darstellungen anwesend zu sein scheint. Dieses Andere – bitte das zunächst nur als subjektives Gefühl während der persönlichen Lektüre zu verstehen – soll versucht werden, als etwas zu charakterisieren, dass die Masse der Toten im gesamten Roman – auch als weiteres unheimliches Element – allgegenwärtig werden lässt.
Die Theorie der Intertextualität soll die Arbeit insofern bereichern, da gezeigt werden soll, welche Texte Jelinek beeinflusst haben bzw. wie diese auch im Roman repräsentiert sind. Zudem soll der Roman auch dahingehend gedeutet werden, inwiefern er auf ein europäisches kulturelles Gedächtnis zurückgreift und bedeutende kulturhistorische Texte dekonstruiert, sie desillusioniert und gewissermaßen als Antithese zu diesen gelesen werden kann.
Ganz im Sinne eines europäischen Kollektivgedächtnisses bzw. einer europäischen Erinnerungskultur – in diesen Bereich fällt auch der eben genannte intertextuelle Aspekt – soll auch die Rezeption des Romans im französischen Literaturraum diskutiert werden. Wieder unter dem Leitgedanken der Fremdheitserfahrung soll gezeigt werden, inwiefern die Übersetzung bzw. der Roman mit seinen Inhalten selbst befremdlich auf französische Leserinnen und Leser wirkt. Selbst wenn durch die Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 2004 eine gewisse Universalität der Jelinek’schen Sprache und Lektüre impliziert wurde und da der Übersetzer Olivier Le Lay darauf verweist, dass der Roman „traduit de l’allemand (Autriche)“ sei, müssen in ihm Spuren einer literarischen österreichischen Identität vorhanden sein. Diese Frage nach einer österreichischen Literatur, die noch immer nicht restlos geklärt zu sein scheint, sollen z.T. aus französischer Perspektive anhand von befremdlichen Inhalten, aber auch anhand ei-ner befremdlichen Sprache diskutiert werden. In diesem Zusammenhang können die E-Mails aus dem Verkehr zwischen der Autorin und dem Übersetzer ausgewertet werden und dienli-che Hinweise für das Verständnis von österreichischer Literatur liefern.
Wie bereits oben ausgeführt, sollen Fremdheitserfahrungen mit dem Roman Die Kinder der Toten untersucht werden. Im Zentrum der Arbeit steht die These, dass der Roman eben nicht nur befremdlich auf ein österreichisches Publikum wirkt, sondern auch auf ein europäisches, wobei es gilt, eben genau diese Aspekte des Romans herauszuarbeiten und zu interpretieren, die als Auslöser für solche Fremdheitserfahrungen (man denke an die Pressestimmen nach Erscheinen des Romans) fungieren können. Werden österreichische Fremdheitserfahrungen mit dem Roman diskutiert, so sollen besonders der Konnex zur Verdrängung der Täterrolle Österreichs während der NS-Zeit im Zentrum des Interesses stehen, aber auch Veränderungen in der österreichischen Gesellschaft, die die Autorin scharfsinnig erkennt und ihrem Publikum präsentiert.
Der Versuch, eine Antwort auf die Frage nach europäischen Fremdheitserfahrungen zu geben, soll zunächst mittels einer breitangelegten intertextuellen Analyse erfolgen, deren Absicht es sein wird, zu zeigen, welche Texte und Strömungen der europäischen Geistesgeschichte einen Einfluss auf den Roman haben und wie er sich gewissermaßen als Antithese zu diesen versteht. Als Fokussierung auf einen weiteren europäischen Literaturraum sollen auch Fremdheitser-fahrungen des französischen Publikums herausgearbeitet werden. Diese beiden Thesen, einerseits, dass sich der Roman als Antithese zu bedeutenden Texten der europäischen Geistes-geschichte lesen lässt, und andererseits, dass er auch auf französischsprachige Leserinnen und Leser befremdlich wirkt, soll seine Einbettung in eine europäische Erinnerungskultur und seine Bedeutung für eine solche unterstreichen. Vor dem Hintergrund der Anmerkung „traduit de l’allemand (Autriche)“ soll mittels der französischen Übersetzung auch die These überprüft werden, dass sich der Roman, aller Befremdlichkeiten zum Trotz, dennoch als repräsentatives Werk der österreichischen Literatur zu gelten hat, da ansonsten ein derartiger Hinweis obsolet wäre.

5.12.2017

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Nina Dangendorf: Lust am Sprachspiel – Zu Elfriede Jelinek

Masterarbeit

„Die Sprache will jetzt sprechen gehen!“ Das Zitat aus Lust beschreibt den Schreibstil der Autorin Elfriede Jelinek ganz konkret. In ihren Romanen ist nicht die Figur der Protagonist, sondern die Sprache. Sie gilt als Meisterin der Sprache, denn sie versteht ihr Handwerk, das Spiel mit der Sprache. Ihre Texte sind Spielfelder, auf denen die Wörter wie Spielfiguren mal hierhin, mal dorthin geschoben werden. Hierbei repräsentiert Jelinek die Spielleiterin, die ihre eigenen Regeln entwickelt und diese dem Leser durch die Sprache vorgibt. Sie konstruiert mit Lust immer neue und andersartige Spiele, auf die der Rezipient während der Lektüre nicht nur visuell, sondern auch klanglich aufmerksam gemacht wird.
Das Sprachspiel stellt zum einen den spielerischen Umgang mit der Sprache dar und zum anderen ist es als Begriff auch Gegenstand philosophischer Diskurse. Diesen beschreibt der Philosoph Ludwig Wittgenstein als eine alltägliche Tätigkeit des Menschen. Damit das Sprachspiel funktioniert, braucht es, wie jedes andere Spiel Regeln. Überdies sind im Spiel selbst immer neue Kombinationen und Variationen der sprachlichen Konstruktion möglich. Wittgensteins These sagt aus, dass jede sprachliche Aussage ihre Bedeutung im Gebrauch und im Kontext hat.
Es kommt die Frage auf, wie die philosophischen Erkenntnisse über Spiele in der natürlichen, alltäglichen Sprache mit dem experimentellen, spielerischen Schreibstil der österreichischen Autorin Jelinek zusammenzubringen sind, denn sie benutzt, wie jede andere Schriftstellerin die literarische Sprache. Die Auffassung Wittgensteins, dass alle sprachlichen Aussagen auch Sprachspiele sind, spricht für die Anwendung der philosophischen Thesen auf die Sprache und Sprachspiele der Literaturwissenschaft. Dies macht es möglich, einige Kenntnisse Wittgensteins für die Analyse und Interpretation von Jelineks Sprachspielen fruchtbar zu machen.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, inwieweit der philosophische Begriff des Sprachspiels für die Literaturwissenschaft im Allgemeinen und vor allem im Hinblick auf die Analyse des Schreibverfahren von Elfriede Jelinek in den Romanen Die
Liebhaberinnen, Die Klavierspielerin und Lust verwendet werden kann. Des Weiteren wird die Funktion des Spiels mit der Sprache und den Worten anhand von beispielhaften Textstelle aus den vorliegenden Romanen analysiert.
Kritiker bewerten Jelineks Texte als frauenfeindlich, da die weiblichen Figuren oftmals unterdrückt und erniedrigt dargestellt werden. Allerdings geht die Intention der Autorin in die gegenteilige Richtung, denn durch ihre radikalen und drastischen Beschreibungen will sie die schlechte soziale Stellung der Frau in der Gesellschaft kritisieren und anprangern. Dies gelingt ihr, indem sie die Wahrheit durch die Sprache benennt und dabei nicht die abgegriffene Rede, die schon in der Sprachkrise Probleme bereitet hat, benutzt. Sie erfindet die Sprache neu, indem sie immer neue kombinierbare Sprachspiele erschafft.
Zunächst steht der Begriff des Sprachspiels nach Ludwig Wittgenstein im Fokus. Darauffolgend wird der Schreibstil der Autorin und die damit verbundene Mythenaufdeckung im Bezug auf Roland Barthes Begriff des Mythos analysiert. Dann werden verschiedene Sprachspiele, die Jelinek in ihren Werken benutzt, analysiert und interpretiert. Im letzten Kapitel wird ein besonderes Sprachspiel, die Satire aufgegriffen, denn diese stellt ein Sprachrohr für Jelinek dar, um dem Frust über die negative Wirklichkeit Ausdruck zu verleihen.

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29.11.2017

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Naemi Latzer: Polyphone Textflächen aus der theatralen Perspektive der Darstellerin

Künstlerische Bachelorarbeit

Die vorliegende Arbeit ist das künstlerische Begleitschreiben zum praktischen Teil der Bachelorprüfung einer Schauspielstudentin, die sich mit der Inszenierung des vierten Kapitels aus Elfriede Jelineks Winterreise: Ein Theaterstück auseinandersetzt. Dabei zeigt es die Schwierigkeiten und Herausforderungen, zugleich aber auch Möglichkeiten in der Arbeit mit polyphonen Textflächen.
Jelineks Theaterästhetik ist als Geschichte zunehmender Überschreitung der konventionellen Dramenkonstituenten zu beobachten und unterscheidet sich offensichtlich von klassischer Dramatik. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass Jelineks jüngste Theatertexte hauptsächlich oder gänzlich aus Textflächen bestehen, welche von den als allgemein dramatische Struktur vorgesehenen Kriterien abweichen. Auf Rollenangaben und Bestimmungen von Ort, Zeit und Handlung wird verzichtet und die Sprache in den Mittelpunkt gestellt.
Während eine Schauspielerin oder ein Schauspieler im klassischen Drama die Verkörperung einer Person zur Aufgabe hat, will Jelinek keine psychologisch agierenden Darstellungen von Menschen, die eine Geschichte mit sich bringen, ein psychologisches Innenleben besitzen und im Zuge des Theaterstückes eine Entwicklung durchmachen, sondern Schauspielende als reine Projektionsflächen für die Sprache. Doch wie wird eine Schauspielerin oder ein Schauspieler zu einem von einer Handlung losgelösten Sprachkörper? Kann und wie kann man eine polyphone Textfläche spielen? Wie nähert man sich diesem Textgeflecht?

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20.10.2017

Arati Kumari: In search of an “other” theater with Elfriede Jelinek

Dissertation

Abstract

Jelinek’s theater is a product of the complexity of the present (Gegenwart), which emerges out of human progress in different spheres of knowledge in the vast span of time and space of human history. While drawing from different sources (literature, philosophy, history, news, fiction, discourses, other mediums (like television, radio) etc.), Jelinek makes diverse rhizome, and this research work aims to work around those tubers, which link different territories to each other. This research work, which looks at Jelinek’s theater work, as a “complex whole”, is premised on the idea that Jelinek’s theater works are rhizomatic in nature. If written in a rhizomatic fashion, the writings, as they come into the contact of “other” territory, for instance, Jelinek’s theater texts, as they join the field of performance art, they make more rhizomes and hence expand the territory of a particular theater text as well as the piece of performance, which is based on the particular theater text, further. There is where an “other” aesthetic emerges and this emergence of ‘other’ aesthetics is not one time phenomenon, a new aesthetic emerges each time, the text and the performance field join each other. In other words, the deterritorialization of the territories of the literature and the theater is to be achieved in the “other” theater that Jelinek proposes. This research work aims to study the process of this “deterritorialization” in four chapters:
I. Understanding Performance, its Aesthetics and its Emergence Properties: In the first part of the proposed research work, the focus will be in understanding the theories which can be supportive towards exploration of Elfriede Jelinek’s concept of “other” theater.
II. Reading Theater in Jelinek’s Plays: This chapter will takes into account those tubers from the rhizome that Jelinek’s work creates that appear to be carrying properties for the emergence of other ways of doing theater.
III. Engagement with Elfriede Jelinek’s Texts on Theater: This chapter engages itself with Jelinek’s texts on theater and attempts to conceptualize the theater aesthetic that emerge out of her texts.
IV. Analysis of the performance of the Über Tiere and Begierde und Fahrerlaubnis : First, there will be a reading of the two theater texts, Über Tiere and Begierde und Fahrerlaubnis, which will follow with the analysis of the, performance of the texts, Über Tiere under the direction of Nicolas Stemann in 2007 in Berlin and Begierde und Fahrerlaubnis under the direction of Ulrike Ottinger in 1986 in Graz.

17.7.2017

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Patricia Heide: Die Rhetorik des postdramatischen Raumes

Seminararbeit

Ob geographische Gegebenheiten, urbane oder ländliche Settings, topologische Kulissen, kulturelle Raumvorstellungen, familiäre und öffentliche Räume, ob Literaturräume oder performative Raumkonzepte – Jelineks Die Schutzbefohlenen bietet ein breites Spektrum an multiperspektivischen Raumkonstruktionen und an unterschiedlichen raumtheoretischen Zugängen. Wer hat Zutritt zu einem bestimmten Raum und wem wird dieser verwehrt? Unterliegen Räume und damit einhergehend auch die dort lebenden und existenten Figuren kulturellen Attributionen, gesellschaftlichen Hierarchien und Zuschreibungen? Elfriede Jelinek diskutiert diese Fragen in ihrem postdramatischen ‚Flüchtlingswerk‘ Die Schutzbefohlenen kontrovers und lässt so Aspekte der Mobilität bzw. Immobilität, der Grenzakzeptanz bzw. Grenzüberschreitung, der Inklusions- und der Exklusionsprozesse sowie Aspekte der xenophoben Stimmen und Gruppierungen relevant werden. Sie konstruiert dabei sowohl architektonische, abstrakte als auch exklusive Räume und vernetzt sie geschickt miteinander, sodass Jelinek eine eigene postdramatische Raumkonzeption entwirft, die in Analogie zu den Raumtheorien Hans-Thies Lehmanns und Erika Fischer-Lichtes betrachtet werden kann. Die Arbeit stellt zunächst deren postdramtische Raumkonzepte vor, bevor Analysen des Raumes in Die Schutzbefohlenen hinsichtlich der Architektur, der Abstraktion, der Exklusivität sowie der Intertextualität angestellt werden.

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1.6.2017

Kathrin Schaber: Haider scheibchenweise oder: Den Trümmern auf der Spur

Bachelorarbeit

Die vorliegende Arbeit fokussiert auf die verschiedenen Teilaspekten, die Jelinek bei
der Sektion der fiktiven Haiderfigur im Lebewohl zum Vorschein bringt. Die Vorlage
des Kärntner Politikers wird dabei als Mythologem für die Mythenkomplexe im
Zusammenhang einerseits mit Heimat und andererseits mit Sexualität gesehen. Ziel
dieser Arbeit ist es, als eine Art Vergrößerungsglas auf den Mythenkadaver Haider
zu blicken und dabei freizulegen, welche Teilebenen Jelinek im Zuge ihrer
dekonstruktivistischen Vorgangsweise im Lebewohl bespielt und welche Strategien
dabei zum Einsatz gelangen. Dabei wird insbesondere Jelineks Verfahren der
Entmythologisierung, das auf Roland Barthes zurückgeht 1), vordergründig betrachtet.
Im Zusammenhang mit den Teilaspekten des Mythos Sexualität setzt sich Jelinek im
Lebewohl mit Aspekten der Verführung auseinander, die sie auf unterschiedliche
Weise an realgeschichtliche Personen und Ereignisse anbindet, um ihren Ersatz-
Haider als Abziehbild eines homophilen Casanovas zu destruieren. Daneben
konstruiert Jelinek (Zerr-)Bilder der Versuchung, die sie letztlich in den Dienst
sexueller bzw. geschlechtlicher Ambivalenz stellt.
Jelinek bemüht im Lebewohl ebenso die Schnittstelle zum Mythenkomplex Heimat
und entlarvt den Monologsprecher als (Un-)Schuldslamm im Wolfspelz. Der
homoerotischen Komponente setzt sie einen ordentlichen Verfechter (r)echter Werte
entgegen und deformiert den Mythos Haider schließlich als reumütigen Heuchler im
Büßerhemd.

1) Vgl. Sander, Margarete: Textherstellungsverfahren bei Elfriede Jelinek. Das Beispiel „Totenauberg„. Würzburg: Königshausen und Neumann 1996. S. 14.

12.5.2017

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