Nicolai Busch: Wut als Text-Kontext Phänomen. Am Beispiel von Elfriede Jelineks Wut (2015)

Masterarbeit

Konzept der Masterarbeit

In ihrem Theatertext Wut widmet sich Elfriede Jelinek 2015 erstmals intensiv jener Emotion, die ihrem Œuvre als produktive Grundstimmung längst eingeschrieben ist. Verfasst in den Wochen nach den Anschlägen auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar 2015, bewegt sich der Text in unterschiedlichsten Diskursräumen internationaler Raserei. Sprachfetzen sprechwütiger Bürger, digitaler Hetzer, Völkermörder aus Ruanda, rechter Ideologen, islamistischer Terroristen und antiker Götter hat die Autorin ihrem kulturellen Erregungsspeicher entrissen und neu angeordnet.

Vor dem Hintergrund aktueller Emotionsforschung erörtert das Projekt die Emotion ›Wut‹ zunächst als Diskursphänomen und entwickelt anschließend eine Text-Kontext-Theorie zur Analyse ihrer Repräsentationsformen im literarischen Text. Die Art und Weise, wie Jelineks Wut die Kontingenz der Emotion, ihre Unmittelbarkeit, ihre Bildhaftigkeit und ihre religiöse Mythenhaftigkeit dekonstruiert, offenbart sich dem Projekt als selbstreflexive Verhandlung der Möglichkeiten und Grenzen einer literarischen Darstellung von Emotion. Unter der postmodernen Folie Frederic Jamesons erscheint Jelineks ›Wut‹ als ästhetisch und kulturell gleichgeschaltes Phänomen unserer Zeit.

18.5.2018
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Franz Hintereder-Emde: Schneewittchen in der Literatur des 20. Jahrhunderts

Aufsatz

Abstract

Anlässlich des 200-jährigen Erscheinungsjubiläums der Kinder- und Hausmärchen von den Gebrüdern Grimm im Jahr 2012 fand insbesondere Schneewittchen vermehrte Aufmerksamkeit. Im Rahmen eines Projekts zum Thema Hohe und niedere Literatur habe ich mich mit unterschiedlichen Verfilmungen davon beschäftigt. Schneewittchen wurde aber auch in der Literatur bereits früher mehrfach adaptiert.
In meinem Projekt Schneewittchen in der Literatur des 20. Jahrhunderts beschäftige mich mit den unabhängig voneinander entstandenen Schneewittchen-Bearbeitungen folgender Autoren: mit Robert Walser (1878-1956), mit dem Amerikaner Donald Barthelme (1931-1989), mit der amerikanischen Lyrikerin Ann Sexton (1928-1974) und schließlich mit Elfriede Jelinek (1946-).
Ausgangspunkt ist das Dramolett Schneewittchen von Robert Walser, das 1901 in der Zeitschrift die Insel erschienen ist. Hier wird ein reflektierend-argumentierendes Schneewittchen gezeigt, das den Verlauf des Märchens aus der Bahn wirft. Das Novum besteht darin, der stereotypen Prinzessinnenfigur psychische und reflexive Züge zu verleihen. In meinem Projekt, das von meiner Fakultät für Humanwissenschaften der Universität Yamaguchi gefördert wird, will ich untersuchen, wie die Schneewittchen-Figur im jeweiligen Zeitkontext, vom postmodernen Anti-Märchen Barthelmes über „confessional poetry“ von Ann Sexton bis hin zu Jelineks Gender- und Machtdiskurs in ihren Prinzessinnendramen interpretiert wird.
Geplant ist eine Publikation in japanischer Sprache in der Zeitschrift Hikakubungaku/Journal of Comparative Literature und in deutscher Sprache in der japanischen Zeitschrift Neue Beiträge zur Germanistik.

3.4.2018

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Cornelia Wech: Pushing at Boundaries and Challenging Normativity in the Writing of Elfriede Jelinek, Elisabeth Reichart and Charlotte Roche

Dissertation

Abstract

Diese Dissertation beschäftigt sich mit Normativität im Werk der deutschsprachigen Autorinnen Elfriede Jelinek, Elisabeth Reichart und Charlotte Roche. Obwohl die drei Autorinnen nicht nur unterschiedlichen Generationen angehören, sondern auch verschiedenen professionellen und künstlerischen Hintergründen entstammen, eint ihr Werk die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau und weiblicher Identität in unserer Gesellschaft. Gerade weil sich Jelinek, Reichart und Roche auf unterschiedliche Weise mit der Verbindung zwischen Identität, Sprachgebrauch und Machtstrukturen beschäftigen, verspricht eine komparative Analyse ihrer Werke zu veranschaulichen, wie normatives Denken auf verschiedenen Wegen aufgebrochen werden kann.
Theoretische Grundlage der Dissertation ist die Annahme, dass Gender, Sexualität und Identität keineswegs essentialistische, natürliche Kategorien sind, sondern performativ hergestellt werden und dabei einer ganzen Reihe von sozialen, kulturellen und politischen Normen unterliegen. Nach Judith Butler werden Gendernormen performativ durch sprachliche und körperliche Akte reproduziert, was bedeutet, dass diese wiederum durch genau diese Akte destabilisiert werden können. Verstehen wir Literatur und den einzelnen Text selbst als performatives Medium, kann gezeigt werden, wie literarische Werke Gendernormen sichtbar machen und kritisieren.
Unter der Berücksichtigung von Performativitäts- und Performancetheorie werden daher einerseits ausgewählte Texte der drei Autorinnen analysiert, die sich sowohl thematisch mit gender- und geschlechtsspezifischen Fragen auseinandersetzen, als auch ästhetische Konventionen aufbrechen. Das passiert beispielsweise im Überschreiten von narrativen Grenzen oder in der Schwierigkeit, sie einem bestimmten Genre zuzuordnen. Andererseits wird auf die unterschiedlichen Kontexte der Publikationen und deren Rezeption in Medien und Wissenschaft eingegangen, um nachzuvollziehen, wie die Texte selbst als kulturelle Äußerungen die Realität, in der sie produziert wurden, reflektieren. Hinterfragt wird hierbei zudem, inwieweit sich die Autorinnen in ihrem Werk mit feministischen, psychoanalytischen und literarischen Theorien und Traditionen auseinandersetzen bzw. sich davon distanzieren.
Es wird davon ausgegangen, dass Texte nicht nur den Kontext, in dem sie produziert wurden, reflektieren, sondern auf unterschiedliche Weise Einfluss auf die Leser/innen haben. Ziel dieser Dissertation ist daher, sichtbar zu machen, wie die Werke Jelineks, Reicharts und Roches Normen nicht nur aufzeigen und kritisieren, sondern eine Art Intervention darstellen, die den Leser/innen Raum für Reflektion und Hinterfragen der Normen in ihrer eigenen Realität geben.

19.2.2018

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Kathrin Klöckl: Fragmentieren, Animalisieren und Verdinglichen. Zur Funktion von Körper(de)konstruktionen in ausgewählten Werken Maria Lassnigs und Elfriede Jelineks

Diplomarbeit

Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek und die Malerin Maria Lassnig gehören zu den wichtigsten Vertreterinnen ihrer Generation. In dieser Arbeit werden ausgewählte Werke der beiden Künstlerinnen einem intermedialen Vergleich unterzogen und so eine Brücke zwischen Literatur und Malerei geschlagen. Dabei determiniert vor allem Lassnigs und Jelineks spezifischer Umgang mit dem menschlichen Körper – sei es als künstlerisches Motiv, als Komponente im künstlerischen Produktionsprozess oder als Denkfigur im theoretisch philosophischen Diskurs – die Perspektive der Analysen. In der Repräsentation, respektive Konstruktion von Körperbildern greifen beide Künstlerinnen, wie gezeigt wird, auf drei zentrale künstlerische Verfahren zurück: Namentlich das Fragmentieren, Animalisieren und Objektivieren des mehrheitlich weiblichen Körpers. Um die Funktion und die Bedeutung dieser Verfahren offen zulegen, wurde ein Rückgriff auf feministisch-psychoanalytische Theorien – unter ständiger Berücksichtigung des Konzepts der Dekonstuktion – und die Analyse der Werke im Kontext der Tradition von Groteske und Ironie vorgenommen. Dabei zeigte sich, dass die künstlerischen Verfahren des körperlichen Fragmentierens, Animalisierens und Verdinglichens auf den Symbolcharakter des (weiblichen) Körpers referieren und daher in zwei Kontexten gelesen werden können: Erstens, als die Auseinandersetzung beider Künstlerinnen mit der Krise weiblicher Identitätsrepräsentation jenseits einer wie auch immer gearteten Form der Körperreferenzialität, innerhalb einer patriarchal-kapitalistisch geprägten Ordnung und zweitens, als spezielle Ausprägungen von Ironie und Groteske, teilweise Michael Bachtins Konzept des grotesken Leibes travestierend, welche die Praktiken tradierter Körperrepräsentation in Frage stellen und so den Werken der beiden Künstlerinnen ein gesellschaftspolitisch subversives Potential verleihen.

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14.2.2018

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Timo Pichler: „Die Kinder der Toten“ im Spiegel der literarischen Memoria. Österreichische und französische Fremdheitserfahrungen mit dem Roman Elfriede Jelineks sowie dessen Bedeutung für eine europäische Erinnerungskultur

Dissertation

Abstract

Elfriede Jelinek hält in ihrem Roman Die Kinder der Toten Österreich den Spiegel der eigenen Vergangenheit vor und thematisiert die dunkelsten Jahre der österreichischen Geschichte. Sie beweist zudem einen feinen Blick auf die gesellschaftlichen Vorgänge bzw. auf die vergesellschaftete Verdrängung, die Österreich bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beherrschte.
Die Dissertation soll eine umfassende Interpretation und Diskussion des Romans darstellen, der verschiedene Konzepte und Theoreme der Kultur- und Geisteswissenschaften zugrunde liegen. Zwei Theoreme, die in dieser Diskussion besonders miteinander verknüpft werden sollen, sind die Psychoanalyse und die interdisziplinäre Gedächtnisforschung. Es sollen unter diesem Gesichtspunkt jene Aspekte des Romans diskutiert werden, die einen Bezug zur Dichotomie Erinnern-Vergessen herstellen, wobei der Verdrängung bzw. dem österreichischen Ver-drängungsprozess der eigenen NS-Vergangenheit besondere Aufmerksamkeit zukommt. Auf Freuds Theorie basierend, soll der Roman also dahingehend interpretiert werden, um diesen kollektiven – und z.T. staatlich gelenkten – Verdrängungsprozess in Österreich und in der österreichischen Identität nachzuzeichnen und um zu zeigen, inwiefern der massive Bruch mit dieser österreichischen „Verdrängungskultur“ der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Fremdheitserfahrung für österreichische Leserinnen und Leser darstellt. In Bezug auf österreichische Fremdheitserfahrungen mit dem Roman soll geklärt werden, inwiefern auch religiöse Inhalte des kollektiven Gedächtnisses zu einer ebensolchen beitragen. Die Literatur Österreichs war – bzw. ist es nach wie vor – stark vom Katholizismus geprägt, weswegen besprochen werden soll, wie Elemente des Satanischen (unter besonderer Rücksichtnahme auf Josef Dvorak, dem die Autorin auch dankt) eine profunde (evtl. sogar unbewusste) Fremdheit gegenüber diesem Roman auslösen, oder um es mit Freud auszudrücken, ihn unheimlich erscheinen lassen. Das unheimliche Potential des Romans – um gleich daran anzuschließen – soll unter der Berücksichtigung der ästhetischen Fragestellung nach der Realitätsprüfung analysiert werden, wobei hier Theorien des französischen Philosophen Jacques Derrida als Basis dienen sollen.
Der Roman soll – und damit wird die Idee der Fremdheitserfahrung weitergetragen – auch nach der Dekonstruktion gelesen werden. Jelinek spielt insofern mit ihrem Publikum, da sie gesellschaftlich etablierte Oppositionen aufhebt bzw. deren Grenzen verschwimmen lässt. Ganz konkret sollen dabei u.a. die Oppositionen Leben-Tod sowie die Opposition Erzähler-Leser auf textimmanenter Ebene diskutiert werden. Jelinek versteht es durch ganz bestimmte Mechanismen, ihre Leserinnen und Leser in den Text hineinzuziehen bzw. so miteinzubeziehen, als würde man gemeinsam mit der Erzählstimme an der Kameraführung beteiligt sein. Die Theorie der Dekonstruktion soll zudem dahingehend angewendet werden, um zu analy-sieren, wer nun tatsächlich im Roman spricht. Der Roman ist durch die (Schein-)Präsenz eines Anderen gekennzeichnet (ganz im Sinne Derridas), wodurch dem Leser vermittelt wird, dass noch etwas nicht Ausgedrücktes in den Darstellungen anwesend zu sein scheint. Dieses Andere – bitte das zunächst nur als subjektives Gefühl während der persönlichen Lektüre zu verstehen – soll versucht werden, als etwas zu charakterisieren, dass die Masse der Toten im gesamten Roman – auch als weiteres unheimliches Element – allgegenwärtig werden lässt.
Die Theorie der Intertextualität soll die Arbeit insofern bereichern, da gezeigt werden soll, welche Texte Jelinek beeinflusst haben bzw. wie diese auch im Roman repräsentiert sind. Zudem soll der Roman auch dahingehend gedeutet werden, inwiefern er auf ein europäisches kulturelles Gedächtnis zurückgreift und bedeutende kulturhistorische Texte dekonstruiert, sie desillusioniert und gewissermaßen als Antithese zu diesen gelesen werden kann.
Ganz im Sinne eines europäischen Kollektivgedächtnisses bzw. einer europäischen Erinnerungskultur – in diesen Bereich fällt auch der eben genannte intertextuelle Aspekt – soll auch die Rezeption des Romans im französischen Literaturraum diskutiert werden. Wieder unter dem Leitgedanken der Fremdheitserfahrung soll gezeigt werden, inwiefern die Übersetzung bzw. der Roman mit seinen Inhalten selbst befremdlich auf französische Leserinnen und Leser wirkt. Selbst wenn durch die Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 2004 eine gewisse Universalität der Jelinek’schen Sprache und Lektüre impliziert wurde und da der Übersetzer Olivier Le Lay darauf verweist, dass der Roman „traduit de l’allemand (Autriche)“ sei, müssen in ihm Spuren einer literarischen österreichischen Identität vorhanden sein. Diese Frage nach einer österreichischen Literatur, die noch immer nicht restlos geklärt zu sein scheint, sollen z.T. aus französischer Perspektive anhand von befremdlichen Inhalten, aber auch anhand ei-ner befremdlichen Sprache diskutiert werden. In diesem Zusammenhang können die E-Mails aus dem Verkehr zwischen der Autorin und dem Übersetzer ausgewertet werden und dienli-che Hinweise für das Verständnis von österreichischer Literatur liefern.
Wie bereits oben ausgeführt, sollen Fremdheitserfahrungen mit dem Roman Die Kinder der Toten untersucht werden. Im Zentrum der Arbeit steht die These, dass der Roman eben nicht nur befremdlich auf ein österreichisches Publikum wirkt, sondern auch auf ein europäisches, wobei es gilt, eben genau diese Aspekte des Romans herauszuarbeiten und zu interpretieren, die als Auslöser für solche Fremdheitserfahrungen (man denke an die Pressestimmen nach Erscheinen des Romans) fungieren können. Werden österreichische Fremdheitserfahrungen mit dem Roman diskutiert, so sollen besonders der Konnex zur Verdrängung der Täterrolle Österreichs während der NS-Zeit im Zentrum des Interesses stehen, aber auch Veränderungen in der österreichischen Gesellschaft, die die Autorin scharfsinnig erkennt und ihrem Publikum präsentiert.
Der Versuch, eine Antwort auf die Frage nach europäischen Fremdheitserfahrungen zu geben, soll zunächst mittels einer breitangelegten intertextuellen Analyse erfolgen, deren Absicht es sein wird, zu zeigen, welche Texte und Strömungen der europäischen Geistesgeschichte einen Einfluss auf den Roman haben und wie er sich gewissermaßen als Antithese zu diesen versteht. Als Fokussierung auf einen weiteren europäischen Literaturraum sollen auch Fremdheitser-fahrungen des französischen Publikums herausgearbeitet werden. Diese beiden Thesen, einerseits, dass sich der Roman als Antithese zu bedeutenden Texten der europäischen Geistes-geschichte lesen lässt, und andererseits, dass er auch auf französischsprachige Leserinnen und Leser befremdlich wirkt, soll seine Einbettung in eine europäische Erinnerungskultur und seine Bedeutung für eine solche unterstreichen. Vor dem Hintergrund der Anmerkung „traduit de l’allemand (Autriche)“ soll mittels der französischen Übersetzung auch die These überprüft werden, dass sich der Roman, aller Befremdlichkeiten zum Trotz, dennoch als repräsentatives Werk der österreichischen Literatur zu gelten hat, da ansonsten ein derartiger Hinweis obsolet wäre.

5.12.2017

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Nina Dangendorf: Lust am Sprachspiel – Zu Elfriede Jelinek

Masterarbeit

„Die Sprache will jetzt sprechen gehen!“ Das Zitat aus Lust beschreibt den Schreibstil der Autorin Elfriede Jelinek ganz konkret. In ihren Romanen ist nicht die Figur der Protagonist, sondern die Sprache. Sie gilt als Meisterin der Sprache, denn sie versteht ihr Handwerk, das Spiel mit der Sprache. Ihre Texte sind Spielfelder, auf denen die Wörter wie Spielfiguren mal hierhin, mal dorthin geschoben werden. Hierbei repräsentiert Jelinek die Spielleiterin, die ihre eigenen Regeln entwickelt und diese dem Leser durch die Sprache vorgibt. Sie konstruiert mit Lust immer neue und andersartige Spiele, auf die der Rezipient während der Lektüre nicht nur visuell, sondern auch klanglich aufmerksam gemacht wird.
Das Sprachspiel stellt zum einen den spielerischen Umgang mit der Sprache dar und zum anderen ist es als Begriff auch Gegenstand philosophischer Diskurse. Diesen beschreibt der Philosoph Ludwig Wittgenstein als eine alltägliche Tätigkeit des Menschen. Damit das Sprachspiel funktioniert, braucht es, wie jedes andere Spiel Regeln. Überdies sind im Spiel selbst immer neue Kombinationen und Variationen der sprachlichen Konstruktion möglich. Wittgensteins These sagt aus, dass jede sprachliche Aussage ihre Bedeutung im Gebrauch und im Kontext hat.
Es kommt die Frage auf, wie die philosophischen Erkenntnisse über Spiele in der natürlichen, alltäglichen Sprache mit dem experimentellen, spielerischen Schreibstil der österreichischen Autorin Jelinek zusammenzubringen sind, denn sie benutzt, wie jede andere Schriftstellerin die literarische Sprache. Die Auffassung Wittgensteins, dass alle sprachlichen Aussagen auch Sprachspiele sind, spricht für die Anwendung der philosophischen Thesen auf die Sprache und Sprachspiele der Literaturwissenschaft. Dies macht es möglich, einige Kenntnisse Wittgensteins für die Analyse und Interpretation von Jelineks Sprachspielen fruchtbar zu machen.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, inwieweit der philosophische Begriff des Sprachspiels für die Literaturwissenschaft im Allgemeinen und vor allem im Hinblick auf die Analyse des Schreibverfahren von Elfriede Jelinek in den Romanen Die
Liebhaberinnen, Die Klavierspielerin und Lust verwendet werden kann. Des Weiteren wird die Funktion des Spiels mit der Sprache und den Worten anhand von beispielhaften Textstelle aus den vorliegenden Romanen analysiert.
Kritiker bewerten Jelineks Texte als frauenfeindlich, da die weiblichen Figuren oftmals unterdrückt und erniedrigt dargestellt werden. Allerdings geht die Intention der Autorin in die gegenteilige Richtung, denn durch ihre radikalen und drastischen Beschreibungen will sie die schlechte soziale Stellung der Frau in der Gesellschaft kritisieren und anprangern. Dies gelingt ihr, indem sie die Wahrheit durch die Sprache benennt und dabei nicht die abgegriffene Rede, die schon in der Sprachkrise Probleme bereitet hat, benutzt. Sie erfindet die Sprache neu, indem sie immer neue kombinierbare Sprachspiele erschafft.
Zunächst steht der Begriff des Sprachspiels nach Ludwig Wittgenstein im Fokus. Darauffolgend wird der Schreibstil der Autorin und die damit verbundene Mythenaufdeckung im Bezug auf Roland Barthes Begriff des Mythos analysiert. Dann werden verschiedene Sprachspiele, die Jelinek in ihren Werken benutzt, analysiert und interpretiert. Im letzten Kapitel wird ein besonderes Sprachspiel, die Satire aufgegriffen, denn diese stellt ein Sprachrohr für Jelinek dar, um dem Frust über die negative Wirklichkeit Ausdruck zu verleihen.

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29.11.2017

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Naemi Latzer: Polyphone Textflächen aus der theatralen Perspektive der Darstellerin

Künstlerische Bachelorarbeit

Die vorliegende Arbeit ist das künstlerische Begleitschreiben zum praktischen Teil der Bachelorprüfung einer Schauspielstudentin, die sich mit der Inszenierung des vierten Kapitels aus Elfriede Jelineks Winterreise: Ein Theaterstück auseinandersetzt. Dabei zeigt es die Schwierigkeiten und Herausforderungen, zugleich aber auch Möglichkeiten in der Arbeit mit polyphonen Textflächen.
Jelineks Theaterästhetik ist als Geschichte zunehmender Überschreitung der konventionellen Dramenkonstituenten zu beobachten und unterscheidet sich offensichtlich von klassischer Dramatik. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass Jelineks jüngste Theatertexte hauptsächlich oder gänzlich aus Textflächen bestehen, welche von den als allgemein dramatische Struktur vorgesehenen Kriterien abweichen. Auf Rollenangaben und Bestimmungen von Ort, Zeit und Handlung wird verzichtet und die Sprache in den Mittelpunkt gestellt.
Während eine Schauspielerin oder ein Schauspieler im klassischen Drama die Verkörperung einer Person zur Aufgabe hat, will Jelinek keine psychologisch agierenden Darstellungen von Menschen, die eine Geschichte mit sich bringen, ein psychologisches Innenleben besitzen und im Zuge des Theaterstückes eine Entwicklung durchmachen, sondern Schauspielende als reine Projektionsflächen für die Sprache. Doch wie wird eine Schauspielerin oder ein Schauspieler zu einem von einer Handlung losgelösten Sprachkörper? Kann und wie kann man eine polyphone Textfläche spielen? Wie nähert man sich diesem Textgeflecht?

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20.10.2017