Lena Friedrich: Die Beiden: Eine Qualitative Inhaltsanalyse von Jelineks Fassungen (2000 & 2025) ihres Werks „Das Lebewohl“

Die vorliegende Seminararbeit untersucht Elfriede Jelineks Theatertext „Das Lebewohl“ als ein offenes, revisionsfähiges Werk, das in engem Zusammenhang mit konkreten politischen Umbrüchen in Österreich steht. Ausgangspunkt bildet die ursprüngliche Fassung von 2000, die unmittelbar auf den Rückzug Jörg Haiders aus der Bundespolitik reagiert und dessen rhetorische Selbstinszenierung in einer sprachlich übersteigerten Monologstruktur reflektiert. In späteren Überarbeitungen, insbesondere in der Neufassung „DAS LEBEWOHL – nein: DIE ANKUNFT“ (2025), transformiert Jelinek den Text weiter und verschiebt dessen semantische Ausrichtung vom Abschied hin zur Idee einer fortdauernden politischen Präsenz.

Vor diesem Hintergrund analysiert die Arbeit die Textrevision als literarische Strategie, die politische Entwicklungen nicht nur begleitet, sondern ästhetisch kommentiert. Im Zentrum steht ein systematischer Parallelvergleich der Fassungen von 2000 und 2025, wobei die Zwischenfassung „Das Kommen“ als wichtige, jedoch nicht im Fokus stehende Transformationsstufe berücksichtigt wird.

Die leitende Forschungsfrage lautet, wie Jelinek die ursprünglichen Textstrukturen in der Neufassung verändert und inwiefern diese Transformation als Kommentar zum Wandel rechtspopulistischer Diskurse in Österreich gelesen werden kann. Methodisch basiert die Untersuchung auf einer qualitativen, textnahen Inhaltsanalyse, die sich auf ausgewählte Passagen konzentriert und insbesondere rhetorische Verfahren wie Sprecherpositionen, Pronomengebrauch, Wiederholungsstrukturen sowie semantische Verschiebungen untersucht. Ergänzend werden politische Kontexte der Jahre 1999/2000 und 2024/25 herangezogen, um die literarischen Transformationen im Spannungsfeld zwischen Haider und Kickl zu verorten.

Die Analyse zeigt, dass Jelinek zentrale Muster populistischer Rhetorik, etwa die Selbstinszenierung des Sprechers, kollektive Identitätskonstruktionen und Opfer-Täter- Inversionen, in beiden Fassungen aufgreift, jedoch unterschiedlich akzentuiert. Während die Fassung von 2000 stark auf die charismatische Ich-Zentrierung einer Führerfigur fokussiert, verschiebt die Neufassung den Schwerpunkt hin zu einer strukturellen, systembezogenen Rhetorik und einer Semantik der fortgesetzten Machtbehauptung.

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Jelineks Textrevision als literarisches Verfahren fungiert, das politische Sprachmuster über Zeit hinweg sichtbar macht und kritisch reflektiert. „Das Lebewohl“ erscheint somit nicht als abgeschlossener Text, sondern als dynamisches Werkgefüge, in dem sich der Wandel rechtspopulistischer Diskurse exemplarisch nachvollziehen lässt.

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