Marie Theissing: Heim(at)suchungen. Verfahren der versuchten Verdrängung der österreichischen

Elfriede Jelinek kritisiert in ihren Werken häufig die mangelnde Aufarbeitung der österreichischen Geschichte – so auch in ihrem Theatertext Rechnitz (Der Würgeengel), in dem sie sich auf das Massaker an rund 200 jüdischen Zwangsarbeitern im März 1945 im Ort Rechnitz bezieht, das nach wie vor nicht adäquat aufgearbeitet ist. Jelinek verarbeitet die geschichtlichen Ereignisse und ihre mediale Vermittlung in Form eines Botenberichts. Die vorliegende Arbeit analysiert Rechnitz (Der Würgeengel) aus Perspektive der Hantologie, einem Forschungsfeld, das verschiedene Arten der Heimsuchung, unter anderem geschichtlicher Natur, analysierbar macht. Neben dem Aufbrechen einer linearen Zeitkonzeption sowie einem damit verbundenen unabgeschlossenen Geschichtsbegriff ist das Motiv der Verdrängung in Jelineks Text zentral. Die Analyse konzentriert sich daher auf drei sprachliche Verfahren, die von den Bot:innenfiguren angewandt werden, um die historischen Ereignisse zu verdrängen oder zu verharmlosen: erstens die Unzuverlässigkeit der Bot:innen durch die Verwendung vermittelter Perspektiven, zweitens die Entmenschlichung der Opfer des Massakers und die gleichzeitige Vermenschlichung der Geschichte selbst und drittens die Zurückweisung der Verantwortung durch die Bot:innen. Trotz dieser Verdrängungsverfahren werden die historischen Ereignisse jedoch sichtbar gemacht, etwa durch Wiederholungen oder das explizite Ausstellen der Sprache der Täter:innen. Aus diesem Grund argumentiere ich in der vorliegenden Arbeit, dass dieses Emporkommen der Geschichte als Form der Heimsuchung gelesen werden kann.

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