Das Schreiben Elfriede Jelineks ist ein janusköpfiges. Ihre Texte erschüttern in einem Moment das stabil geglaubte Fundament gesellschaftlicher Strukturen und weisen in einem anderen auf die freigelegten Grundfesten dieser Systeme als umso wichtigere Verhandlungsräume hin. Im Zentrum dieses Spannungsfeldes aus Dekonstruktion und asymmetrischer Validierung steht ihr Roman Die Klavierspielerin. Das vorliegende Paper untersucht, wie Jelinek darin die Kategorien Wissenschaft, Kunst und Demokratie einer Belastungsprobe unterzieht, indem sie den Ekel als Werkzeug nutzt, um die darin verborgenen Machtstrukturen freizulegen und neue Formen des Sagbaren zu erschließen.
Methodisch verschränkt die Untersuchung Julia Kristevas Theorie der Abjektion mit Michel Foucaults Sexualitätsdispositiv. In der Figur der Erika Kohut vermag es Jelinek sowohl Erikas Einbindung in etablierte Machtstrukturen des bürgerlichen und akademisch-künstlerischen Lebens wie auch ihre Affinität zum Abstoßenden, Abscheulichen, Ekelhaften als subversive Gewalt zu vereinen. In ihrer Rolle als Klavierlehrerin richtet sie als Manifestation einer sich elitär und wissenschaftlich gebenden Hochkultur über ihre SchülerInnen. Im Privaten ist es dagegen sie selbst, die von der Mutter diszipliniert wird und deren sexuelles Begehren streng überwacht wird. Als Ausweg aus ihrer diffizilen Verstrickung in diese traditionellen Hierachien versucht Erika, im Abjekten über sich zu herrschen und sucht doch zugleich die Beherrschung. In dem Oszillieren Erikas zwischen Objekt und Abjekt macht Jelinek die Gewalt sichtbar, die von der Normalitität, die von Wissenschaft, Kunst und Demokratie ausgehen.
Der Ekel äußert sich innerhalb des Romans in Erikas blutigen Selbstverletzungen, ihrer Faszination für Sekrete und der Aufsuchung heterotopisch-maskulin codierter Orte der Lust. Jelinek gibt dem Austretenden, Ausgetretenen und Herausgetretenen eine Sprache und fokussiert gerade jenen Punkt, an dem die Stabilität des Ordentlichen zur Gewalt am Außerordentlichen wird. Das Abjekte ist bei Jelinek dabei mehr als reiner Schockeffekt: Wo die demokratische Gesellschaft die freie Entfaltung des Individuums angesiedelt glaubt, enthüllt Jelinek durch die Darstellung des Abscheulichen die verdrängte Gewalt dahinter. Die Grenzen zwischen Herrschaft und Beherrschtwerden verschmelzen hier zu einem Körper – einem Januskopf.
Jelineks Kritik an der hohen Kunst, an der kalten Wissenschaft und der formal herrschenden Demokratie mündet nicht in vollständiger Ablehnung; vielmehr nutzt sie den Ekel, um den Kern und die Macht dieser Instanzen freizulegen. Eine Kunst, die
‚Natürlichkeit‘ dekonstruiert, eine Wissenschaft, die nicht festschreibt, sondern öffnet, und eine Demokratie, die Individualität und Selbstwirksamkeit ermöglicht, werden durch Jelineks Verfahren denkbar, erstrebenswert und sie werden schließlich ‚sagbar‘, indem Jelinek das Abjekte als verdrängten Teil des Diskurses ernstnimmt und aufnimmt.
Bibliografie
Foucault, Michel: Analytik der Macht. Hg. v. Daniel Defert und François Ewald. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005 (= stw, 1759).
Frietsch, Ute: Geschlecht als Tabu. In: Janke, Pia (Hg.): JELINEK[JAHR]BUCH. Elfriede Jelinek-Forschungszentrum 2014-2015. Wien: Praesens Verlag 2015, S. 159–167.
Kristeva, Julia: Powers of Horror. An Essay on Abjection. New York: Columbia University Press 2024.
Wright, Elizabeth: Eine Ästhetik des Ekels. Elfriede Jelineks Roman »Die Klavierspielerin«. In: TEXT + KRITIK 117 (1993), S. 51–59.