Elfriede Jelineks Klima-Trilogie Sonne/Luft/Asche thematisiert die Klimakatastrophe als allgegenwärtigen Zustand und als Konflikt um Sprache, Wahrnehmung und Deutungshoheit. Der Beitrag geht von der These aus, dass Jelinek die Katastrophe nicht einfach abbildet, sondern konkurrierende Redeweisen freilegt, in denen diese Krise benannt, verharmlost, verwaltet oder aufgeschoben wird. Im Zentrum des Beitrags steht die Frage, wie Sprache die Sichtbarkeit, Verantwortungszuschreibung und Wahrnehmung der Klimakatastrophe organisiert. Die Klimakatastrophe wird somit zu einem diskursiven Schauplatz, auf dem wissenschaftliche, philosophische, politische, mediale und ökonomische Redeweisen um Geltung ringen.
Im Fokus stehen zunächst jene Redeweisen, in denen die gegenwärtige Klimakrise verhandelt wird. Begriffe wie „Nachhaltigkeit“, „Bio“ oder „CO2-Ausgleich“ sowie technologische Heilsversprechen treten im Text als semantisch aufgeladene Formen auf, die die bestehende Logik von Verwertung, Konsum und Kontrolle fortschreiben. Es wird gezeigt, dass die Klimakrise durch scheinbar vernünftige und lösungsorientierte Redeweisen verharmlost werden kann. Entscheidend ist daher nicht nur, was über das Klima gesagt wird, sondern auch, welche Begriffe gesellschaftlich verfügbar sind, um die Krise überhaupt wahrnehmbar zu machen, und in welchen Sprachordnungen sie bereits entschärft erscheint. Auf diese Weise legt Jelinek offen, dass die Sprache der Rettung oft gerade jene Verhältnisse stabilisiert, die zur Katastrophe beitragen.
Darüber hinaus rückt die politische Dimension des Klimadiskurses in den Blick. Wissenschaftliches und technikphilosophisches Wissen erscheinen in der Trilogie nicht als neutrale Erkenntnisinstanzen. Vielmehr greifen Diagnose und Heilsversprechen ineinander und erzeugen ambivalente Effekte: Warnung und Beschwichtigung sowie Erkenntnis und neue Illusionen. Vor diesem Hintergrund werden Formen desökologischen Protests häufig als irrational oder störend markiert, während technokratische und ökonomische Problemlösungsrhetoriken als sachlich und alternativlos gelten. Jelinek macht diese Asymmetrie sichtbar, indem sie aufzeigt, welche Stimmen als legitim gelten, welche ausgeschlossen werden und welche Verantwortlichkeiten im Modus scheinbarer Sachlichkeit unsichtbar bleiben.
Schließlich gilt besondere Aufmerksamkeit Jelineks ästhetischer Form. Durch Fragmentierung, syntaktische Instabilität, semantische Drift und rhythmische Atemnot wird die Sprache selbst zum Ort der Katastrophe. Die formale Desintegration fungiert dabei als Wahrnehmungsform, in der Desorientierung, Überforderung und der Verlust begrifflicher Sicherheit erfahrbar werden. Gerade weil Jelineks Sprache diese Erfahrung weder glättet noch ordnet, entzieht sie sich jenen Redeweisen, die die Klimakatastrophe als beherrschbar oder verwaltbar erscheinen lassen. Darin liegt ihre künstlerische Intervention: Sonne/Luft/Asche formuliert weder eine neue Meistererzählung noch eine alternative Lösungssprache für die Klimakrise. Stattdessen unterbricht und zersetzt der Text jene Sprachordnungen, die Verantwortung verschieben, Natur funktionalisieren und Zukunft auf Verwaltung oder Konsum reduzieren. Auf diese Weise eröffnet Jelineks Schreiben einen kritischen Wahrnehmungsraum, in dem dominante Sprachordnungen der Klimakatastrophe sichtbar und fragwürdig werden.
Bibliografie:
Horn, Eva: Klima. Eine Wahrnehmungsgeschichte. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2024.
Lücke, Bärbel: Archiv und Apokalypse. Essays zu neueren Theatertexten von Elfriede Jelinek. Wien: Praesens Verlag, 2025.
Jelinek, Elfriede: Sonne / Luft. In: Theater heute 02/2023 (Das Stück).
Jelinek, Elfriede: Asche, online verfügbar unter: https://www.elfriedejelinek.com/sonne-luft-asche/ (= Elfriede Jelineks Webseite, Rubriken: 2024) (zuletzt abgerufen am: 05.12.2025)