Wie kann man die Shoah und andere NS-Verbrechen filmisch darstellen? Mit welchen filmischen Mitteln werden Erinnerungen, Geschichtserzählungen und Bilddokumente repräsentiert? Wie lässt sich überhaupt Immaterielles wie Erinnerung visualisieren? Diese Forschungsfrage beschäftigt mich seit langem und mündete in meiner 2022 verfassten Dissertation „Darstellungsformen von NS-Verbrechen im Kontext des österreichischen Films“ (Kolar 2022), wo die Untersuchung der Eignung des filmischen Botenberichts eine zentrale Rolle spielt und auf welche dieser Beitrag aufbaut.
Gerade die Fortschreibung des Botenberichts im Werk von Elfriede Jelinek scheint diesbezüglich fruchtbar zu sein. Dazu habe ich den von Elfriede Jelinek im Text „Rechnitz (der Würgeengel)“ (Jelinek 2008) verwendeten Botenbericht untersucht und als filmische Darstellungsform in meinen 2014 realisierten gleichnamigen Film angewendet. In dem Film berichten Boten über ein Massaker, das kurz vor Kriegsende im burgenländischen Ort Rechnitz an jüdischen Zwangsarbeitern verübt wurde. Entgegen der etablierten filmischen Methode, Szenen von Schauspieler*innen als Re-Enactments zu inszenieren und damit Authentizität vorzugeben, behauptet der Bote im filmischen Botenbericht nicht, dabei gewesen zu sein. Er ist und bleibt distanter Übermittler, distantes Medium und ist sich dessen auch bewusst.
Ich habe für meinen Film „Rechnitz (Der Würgeengel)“ (Kolar 2014) den Botenbericht und damit eine distanzierte Formensprache gewählt, um nicht einzelne Individuen in den Fokus zu nehmen, sondern den Einzelnen als Stellvertreter für die Opfer und Täter der Shoah. Das gleichnamige Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ (Jelinek 2008) habe ich für meine filmische Bearbeitung unter anderen deshalb gewählt, da es geschichts- und gesellschaftspolitisch die Zeit der Tat während des Nationalsozialismus wie auch die Nachkriegszeit mit der damit verbundenen Aufarbeitung bis hin zur Gegenwart thematisiert.
Jelinek verwendete für ihr Stück Interviewpassagen aus dem Film Totschweigen (Heinrich/Erne 1994) und verarbeitete diese in ihrem Text. Damit findet ein Medienwechsel statt, vom Film zum Text und in meiner Bearbeitung wieder zurück zum Film. Die Protagonisten fungierten in meiner Bearbeitung des Stückes von Elfriede Jelinek als Boten, um über das NS-Verbrechen in Rechnitz zu berichten. Bei meiner filmischen Arbeit war es mir wichtig, eine Brücke in die Gegenwart zu bauen und auf soziale, historische und politische Verhältnisse und der damit verbundenen Verstrickungen einzugehen. Durch diese Analyse wird das Kontinuum von Vergangenheit und Gegenwart aufgezeigt. Weiters war es für mich essenziell, so weit wie möglich jegliche Ästhetisierung zu vermeiden. So habe ich beispielsweise auf den Einsatz von Musik und von Effektgeräuschen gänzlich verzichtet. (Kolar 2022: 149ff.)
Mein Beitrag befindet sich in einem interdisziplinären Spannungsfeld zwischen Kunst, künstlerischer Forschung und Film- und Medienwissenschaft. Meine Dissertation und bisherigen Forschungsbeiträge dienen mir als Basis um im Rahmen des Workshops „Elfriede Jelinek: Wissenschaft – Kunst – Demokratie“ meine theoretischen und künstlerischen Überlegungen weiterzuentwickeln.
Bibliografie
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Filme
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