Amrit Mehta: Meine Übersetzung von Jelineks Paula auf Hindi

1998 habe ich eine Anthologie zeitgenössischer österreichischer Literatur mit 20 Texten herausgebracht, die u.a. Texte von Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer, Gernot Wolfgruber, Ilse Tielsch, Robert Menasse, Milo Dor und Radek Knapp enthielt. Ich hatte auch Jelineks Paula für diese Anthologie ausgewählt. Frau Jelinek hatte die Lizenzrechte dieser Erzählung. Die österreichische Botschaft in Indien hat damals für die Lizenzrechte aller Texte gesorgt, aber Frau Jelinek war in dieser Hinsicht nicht zu erreichen. Alle Briefe und Faxe an sie blieben unbeantwortet. Ich hatte keine andere Wahl und mußte Paula fallen lassen. Aber dann sagte ich mir, Mensch, hier ist eine Geschichte, die die Hindi-Leser toll finden werden, Paula könnte auch eine Inderin sein, eigentlich könnte sie eine verfolgte Frau in jedwedem Land sein, ihre Probleme sind nicht anders als diejenigen von unseren Frauen. Obwohl voll Ironie, Sarkasmus und Untertreibung (Litotes) war die Geschichte gar nicht schwer zu übersetzen, weil die Sprache ziemlich schlicht war – nicht blumig. Ich habe den Text übersetzt, und in meiner dreimonatigen Zeitschrift Saar Sansaar veröffentlicht, die direkt aus den Fremdsprachen übersetzte Texte auf Hindi herausbringt. Ich überlegte mir, Frau Jelinek kann es nicht erfahren, daß ich ihren Text ohne ihre Genehmigung in meiner Zeitschrift veröffentlicht habe. Ich bin froh, daß ich in dieser Sache betrogen habe, da ich daraus kein Geld verdient habe, weil meine Zeitschrift kein kommerzielles Unternehmen, sondern ein intellektuelles Publikationsforum ist; und ich habe meinen Lesern etwas angeboten, was ihnen große Freude gemacht hat. Dadurch habe ich Frau Jelinek und die österreichische Literatur in Indien bekannt gemacht – damals war meine Zeitschrift bloß drei Jahre alt. Im Jahr 1999 fand in Hyderabad einen Seminar über diese Nummer von Saar Sansaar statt, die auch Prosatexte von Heinrich Böll, Adolf Muschg, Ivan Bunin, Günter Wallraff und Luise Rinser enthielt. Die Teilnehmer waren die Hindi-Schriftsteller von Hyderabad. Paula war die meistgelobte Erzählung in diesem Seminar. Ich hatte in meinem Leitartikel geschrieben: „Meiner Meinung nach ist der von der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek verfaßte Text Paula der wichtigste in dieser Nummer, weil man sich darin selbst finden wird. Obwohl die Liebhaber der fremdsprachigen Literatur grundsätzlich eine fremde Kultur kennenlernen wollen, suchen sie trotzdem irgendwo auch ihr Selbst in dieser Literatur. In der österreichischen Literaturszene wird Jelinek als ein kompliziertes Wesen betrachtet. Diese Kompliziertheit spiegelt sich auch in ihrem Werk wider. Es ist schwer zu verraten, was als nächstes in ihren Geschichten folgen wird. Obwohl kompliziert, ist Jelinek eine sehr angesehene Autorin in der deutschsprachigen Welt. Sehr beliebt.“ Ich möchte es nochmal betonen, daß ich darauf stolz bin, meinen Landsleuten Jelinek vorgestellt zu haben – in einer der meistgesprochenen Sprachen der Welt – viel früher, bevor sie mit dem Literaturnobelpreis gewürdigt wurde. Als jeder in Indien 2004 gefragt hat: „Elfriede wer…?“, war sie – dank meiner Zeitschrift – vielen Intellektuellen schon bekannt.

Amrit Mehta ist Universitätsprofessor in Hyderabad.

Weblinks

Saar Sansaar. A Quarterly Magazine of Foreign Language Literatures in Hindi