Anna Brod: Chancen und Grenzen künstlerischer Auseinandersetzung mit dem NSU in Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“

Teilaspekt des Forschungsprojekts
(für den Nachwuchsworkshop 2018)

Der Literaturwissenschaftler Andreas Heimann konstatiert in seinem Aufsatz Den Untergrund erzählen, dass in Jelineks Theatertext Das schweigende Mädchen, der
sich auf die Verbrechen der neonazistischen Terrorgruppe NSU (‚Nationalsozialistischer
Untergrund’) und deren juristische und gesellschaftliche Aufarbeitung im sog. NSU-Prozess bezieht, „die generelle Möglichkeit einer Bewältigung der Geschehnisse in der künstlerischen Auseinandersetzung in Frage“1) gestellt werde. Mein Beitrag für den Nachwuchsworkshop, der ein Teilkapitel meines Dissertationsprojekts und eine Fortsetzung meiner im letzten Workshop vorgestellten Überlegungen darstellt, versteht sich als Widerrede: Auch wenn im Theatertext permanent Wissen infrage gestellt wird, wenn beispielsweise die Figuren ‚Engel’ und ‚Propheten’ sowohl in juristischer als auch in religiöser Hinsicht an ihrer Aufgabe des Bezeugens scheitern oder die Position des Bezeugens wie von der auf die Autorin verweisenden Figur ‚Ich’ gänzlich abgelehnt wird, bedeutet das keine grundsätzliche Absage an das Wirkungspotenzial politischer Kunst. Mein Ziel ist es zu zeigen, dass Jelinek ihrem Theatertext, der für eine Aufführung vor ZuschauerInnen bestimmt ist, vielmehr das Potenzial zuschreibt, als Schauspiel eine Erfahrung des Erschauens zu ermöglichen, die rein diskursive Erkenntnis (ratio bzw. dianoia) überschreiten und eine intuitive Einsicht in größere Zusammenhänge (intellectus bzw. nous) ermöglichen kann. Dazu analysiere ich die intertextuellen Bezüge in Das schweigende Mädchen zu Giorgio Agambens Das unsagbare Mädchen und stelle Elemente aus den beiden Inszenierungen in München und Dortmund vor, die dies Form der Erkenntnis unterstützen können.

Fußnoten
Heimann, Andreas: Den Untergrund erzählen. Textuelle Verfahren der Leerstelle und des Unbestimmten in Elfriede Jelineks Das schweigende Mädchen. In: Kritische Ausgabe. Zeitschrift für Germanistik & Literatur 20 (2016), Nr. 31 Untergrund, S. 7‐11, hier: S. 10.

2.7.2018
Informationen zu Anna Brod