Anita Scheuermann: Heimatgesang. Gewalt, Sprache und demokratische Aushandlungsprozesse in literarisch-filmischer Montage

Das Projekt Heimatgesang ist als künstlerisch-wissenschaftliches Vorhaben an der Schnittstelle von Literatur, Film und sozialwissenschaftlicher Gewaltforschung angesiedelt. Im Zentrum steht ein Romanprojekt, das durch einen dreiminütigen Fotofilm ergänzt wird. Beide Formate basieren einer biografischen Feldforschung zu Familie und Österreich. In Form von narrativen Interviews mit Frauen unterschiedlicher Generationen sowie Fotos und Videos zu zeithistorischen Orten wird die Verschränkung von familiären Gewaltverhältnissen, gesellschaftlichen Strukturen und deren sprachlich-symbolischer Rahmung untersucht.

Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich männliche Gewalt in familialen Kontexten über Generationen hinweg in Körper, Erinnerung und Sprache einschreibt und welche Rolle gesellschaftliche Institutionen und Diskurse dabei spielen. Der Roman erzählt die Rückkehr einer Protagonistin (Anna) in ihre Herkunftsregion (Oberösterreich) und ihre Auseinandersetzung mit der Gewaltgeschichte ihrer Familie, insbesondere den Gewalterfahrungen der Frauen durch Väter und Ehemänner. In Gesprächen mit Mutter und Großmutter tritt ein Spannungsfeld zwischen Offenlegung, Loyalität gegenüber gewalttätigen Männern sowie verschiedene Formen weiblichen Vergessens (Assmann 2016) zutage, das auf strukturelle Bedingungen von Geschlecht, Herkunft und nationaler Selbstbeschreibung verweist (Bourdieu 2005).

Formal wird dieses Erkenntnisinteresse durch eine Montage ästhetischer und dokumentarischer Verfahren umgesetzt. Der begleitende Fotofilm arbeitet mit der Verschränkung von privaten Bildräumen, historischen Medienbildern und rechtlichen Texten. Fotografien aus den 1980er- Jahren – insbesondere aus der Zeit vor der strafrechtlichen Anerkennung von Vergewaltigung in der Ehe – werden mit politischen Reden, Zitaten feministischer Literatinnen und juristischen Formulierungen (u. a. § 44 ABGB) kombiniert. Durch gezielte Schnitttechniken (Hard Cuts, Überblendungen, Match Cuts) wird ein Spannungsfeld zwischen Intimität, männlicher Gewalt und institutioneller Rahmung sichtbar gemacht. Sprache erscheint dabei nicht als neutrales Medium, sondern als Träger ideologischer Ordnungen, die Gewalt legitimieren, verschleiern oder herausfordern. Der Fotofilm fungiert dabei als ästhetische Verdichtung und analytische Zuspitzung der im Roman entwickelten Fragestellungen

Das Projekt steht in einem expliziten Dialog mit dem Werk von Elfriede Jelinek, insbesondere mit dem Roman Die Liebhaberinnen. Während Jelinek in der Figur der Paula die Verstrickung von weiblicher Biografie, Ehe und ökonomischer Abhängigkeit in den 1970er-Jahren analysiert, lässt sich Heimatgesang als eine Fortschreibung dieser Konstellation lesen: Im Fokus steht eine nachfolgende Generation, die Hauptfigur Anna, die als „Paulas Tochter“ die sedimentierten Gewaltverhältnisse, Sprachmuster und gesellschaftlichen Erwartungen erbt und zugleich zu durchbrechen versucht. Diese genealogische Perspektive erlaubt es, Kontinuitäten und Transformationen geschlechtsspezifischer Gewalt im Kontext gesellschaftlicher und rechtlicher Veränderungen sichtbar zu machen.

Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um die Erosion demokratischer Verbindlichkeiten versteht das Projekt Gewalt gegen Frauen nicht allein als individuelles oder familiäres Problem,sondern als demokratiepolitische Herausforderung. Es fragt danach, welche Rolle künstlerische und wissenschaftliche Verfahren dabei spielen können, Gewaltverhältnisse sowie Anerkennungs- und Erinnerungskulturen sichtbar zu machen, dominante Sprach- und Bildordnungen zu irritieren und alternative Formen des Wissens und Erinnerns zu eröffnen.

In diesem Sinne begreift sich Heimatgesang als Beitrag zu einer künstlerischen Forschung, die ästhetische Praxis und sozialwissenschaftliche Erkenntnis miteinander verschränkt, um neue Perspektiven auf das Verhältnis von Wissenschaft, Kunst und Demokratie zu entwickeln.

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Bibliografie

Aleida Assmann (2016): Formen des Vergessens. Göttingen: Wallstein.

Pierre Bourdieu (2005): Die männliche Herrschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Elfriede Jelinek (1975): Die Liebhaberinnen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.