Ästhetisiert euch ist ein, der sich mit der politischen Wirkmacht von Ästhetik im Kontext rechter Propaganda auseinandersetzt und diese historisch wie gegenwärtig verschränkt. Ausgangspunkt ist die Rückbindung an die Physiognomik im Nationalsozialismus, in der das Gesicht zum ideologischen Träger erklärt und zur Projektionsfläche rassistischer Zuschreibungen wurde. Diese gewaltsame Codierung von Sichtbarkeit bildet den historischen Resonanzraum für eine zeitgenössische Untersuchung ästhetischer Indoktrination. Ästhetik als Karikatur einer vermeintlichen Mündigkeit, die verschleiert wie wir soziale Rollen fremdmaskieren und damit präreflexiv Propaganda bejahen.
Das Projekt knüpft an meine theoretische Auseinandersetzung mit der Fremdmaskierung jüdischer Identitäten an, wie sie im Sinne von Rudolf Münz’ Konzept des „Lebenstheaters“ verstanden werden kann: Identität erscheint hier als performativer Akt unter Zwang, als Anpassung an eine feindliche Blickordnung. In Verbindung mit Judith Butlers Überlegungen zur Subjektivierung durch Wiederholung und Norm sowie Hannah Arendts Analyse der Funktionsweisen rechter Propaganda entsteht ein Spannungsfeld, in dem das Theaterstück operiert: zwischen äußerer Zuschreibung, innerer Aneignung und der Unmöglichkeit, sich diesen Mechanismen vollständig zu entziehen.
Ästhetik materialisiert sich in einer Überpräsenz codierter Gesichter. Die Darstellung nicht objektiver, sondern sozial-performativer Masken, die sich fortwährend verschieben, überlagern und gegenseitig imitieren, wird zum Vergrößerungsglas der Gegenwart. In ihr verdichtet sich eine Epoche unaufhörlicher Visualisierungen, die den Anspruch erheben, Wahrheit nicht nur abzubilden, sondern selbst zu verkörpern. Identität als Gesicht erscheint wie ein Nebellicht, flüchtig, als vermeintliche Wahrheit, zugleich desorientierend und bewegt sich durch einen dichten Smog aus subversiv durchzogenen Bildern und Zeichen. Was sichtbar wird, ist kein stabiles Selbst, sondern eine Serie von Einschreibungen: normierte, deformierte, angeeignete Gesichter, die zwischen Zugehörigkeit und Ausschluss oszillieren.Die Inszenierung macht erfahrbar, wie sich Propaganda nicht nur über Sprache, sondern über ästhetische Wiederholung und visuelle Codierung in Körper einschreibt. Indoktrination erscheint hier als ein Prozess, der sich über das Sichtbare vollzieht. Über das, was als „normal“, „schön“ oder „richtig“ gilt. Gleichzeitig zeigt sich, wie diese Codes zirkulieren und angeeignet werden: als ein „soziales Milieu-Cosplay“, in dem politische Ästhetiken über Lager hinweg übernommen werden, ohne ihre ideologischen Ursprünge offenzulegen. Der Ursprung wird verfremdet, die Form bleibt wirksam.
Im Zentrum steht dabei eine unauflösbare Ambivalenz: Das Gesicht, das angepasst wird, bleibt zugleich das eigene. Die Maske ist nicht abnehmbar, weil sie zur zweiten Haut geworden ist. Das Subjekt erkennt sich im Feindbild wieder, das es reproduziert.
“Your face is not german! My ancestor are shamefully proven to be german.. Why? Because they joined… But your face doesnt look german, you have to fix your nose, this is not a nose from the leading world.”
Dieses Zitat aus meiner eigenen Auslandserfahrung aus Schulzeiten in Thailand fungiert als Störmoment und Verdichtung zugleich: Es legt die Gewalt der physiognomischen Zuschreibung offen und verweist auf ihre fortdauernde Wirksamkeit. Ästhetisiert euch versteht sich als theatrale Versuchsanordnung, die sichtbar macht, wie sich Ideologie in Gesichter einschreibt und wie schwer es ist, ihr zu entkommen, wenn sie zur Form geworden ist.
Bibliographische Angaben:
Münz, Rudolf. (1998). Theater und Theatralität. Stuttgart: Metzler.
Butler, J. (1990). Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Routledge.
Arendt, H. (1973). The origins of totalitarianism. New York, NY: Harcourt, Brace & Company.