Péter Munkácsi: „Das Leben stottert im trunkenen Mut. Das Gesetz aber spricht mit nüchternem Sinn.“ Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ aus der interdisziplinären Perspektive von Recht und Literatur

Wir sind das größte Problem, das sie haben, wir sollen zur Hölle gehen, wir sollen nicht unbehelligt hier leben dürfen. Für uns kein Grund, hier zu bleiben, kein Grund, hier zu wohnen, und daher auch keine Grundrechte für uns. Allerdings auch keine Grundbesitzabgaben. Kein Grund, kein Grundgesetz, keine Bürger – kein Bürgerrecht und keine Gleichheit, für niemanden, für uns schon gar nicht, wir verlieren die Rechte zuallererst, die Rechte will es so. Sie säumen nicht, da strenge Not sie zwingt oder was sie halt antreibt, uns auszutreiben.“[1]

Elfriede Jelineks dramatisch kraftvolle Zeilen aus „Die Schutzbefohlenen” haben mich dazu inspiriert, ihr Werk aus einer interdisziplinären Perspektive zwischen Recht und Literatur zu untersuchen. Während die Migrations- und Asylpolitik, insbesondere das Management von Landesgrenzen, das Wirtschaftswachstum und die Einhaltung des Völkerrechts und der Menschenrechte, ist von zentraler Bedeutung für die innere Sicherheit der EU. Die Anti-Migrations-Rhetorik und der Vormarsch des populistischen Nationalismus in Europa lassen sich in der Politik und im Rechtssystem Polens, der Slowakei und Italiens deutlich erkennen. Bedauerlicherweise trifft diese Feststellung auf das von Viktor Orbán proklamierte „illiberal-demokratische“ Ungarn, das Land, aus dem ich stamme, in noch viel stärkerem Maße zu. Die Europäische Kommission hat im Jahr 2024 den Pakt zu Migration und Asyl verabschiedet, um die Migration auf würdige und nachhaltige Weise zu steuern. Im selben Jahr überarbeitete Elfriede Jelinek ihren 2013 verfassten Text „Die Schutzbefohlenen“, aus dem ich das obige Zitat entnommen habe. Jelineks Werk und dessen deutschsprachige Theaterinszenierungen gelten als eklatantes Beispiel für eine kosmopolitischere Annäherung an das Thema der Situation der Flüchtlinge.

Mit der Hilfe dieses Workshop-Projekts möchte ich Jelineks Werk unter dem Aspekt das Recht und Literatur in den Fokus rücken und präsentieren. Die Forschungen zum Thema „Recht und Literatur“ sind Teil sogenannter interdisziplinärer Ansätze, die – im Vergleich zum spezifischen Begriffsapparat und den Analyseverfahren der „autonomen Rechtswissenschaft“ – versuchen, solche Begriffe, Inhalte, Methoden und Erkenntnisse von Wissenschaftsbereichen und Wissensformen heranzuziehen, die in Bezug auf jeden einzelnen dieser Bereiche selbst sehr vielfältig sind.[2]

Ein weiteres Ziel des Projekts ist die Wiederaufnahme meines im Herbst 2025 unterbrochenen Promotionsverfahrens, in dessen Rahmen ich an der Fakultät für Staats- und Rechtswissenschaften der ELTE in Budapest an einer Dissertation mit dem Arbeitstitel: „Intellekt – Genius. Die Vorgeschichte von Recht und Literatur in der ungarischen Rechtsphilosophie der Zwischenkriegszeit“ arbeite.

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[1] https://www.elfriedejelinek.com/die-schutzbefohlenen/

[2] McCrudden, Christopher: Legal research and the social sciences In: The Law Quarterly Review.  122. Oct. (2006.) p.632-650.; The Oxford handbook of empirical legal research. Oxford; New York: Oxford University Press, 2012. xv, 1094 p. Baron, Jane B.: Law, Literature, and the Problems of Interdisciplinarity. Essay. In: Yale Law Journal , Vol. 108, Issue 5 (March 1999), pp. 1059-1086.Vick, Douglas W. :Interdisciplinary and the Discipline of Law. In: Journal of Law and Society, Vol. 31, Issue 2 (June 2004), pp. 163-193.