Bastian Zwölfer: DieKarikierung des Königs Ödipus in Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ (2017)

Für den Workshop Elfriede Jelinek: Wissenschaft – Kunst – Demokratie soll ein Kapitel aus meiner Dissertation Die Sprachkomik Elfriede Jelineks und Johann Nestroys ausgearbeitet und Jelineks komische Umschreibung des antiken Königs Ödipus, unter Berücksichtigung der Arbeit Das Heilige und die Gewalt von René Girard, analysiert werden.

Das Theaterstück Am Königsweg (2017) karikiert den Typus des despotischen Herrschers, wofür die Satirikerin den – mittlerweile wiedergewählten – Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump als Vorlage verwendet. In ihrem Stück ist der „König“ kein außergewöhnlicher Charakter, der seine Tat bereut und verantwortungsbewusst Konsequenzen aus seinem Fehlverhalten zieht, sondern ein von sich selbst geblendeter Narziss, der das Volk betrügt und für seine Zwecke missbraucht. Zudem weist Jelinek anhand der Arbeit Girards auf den Schaden hin, der mit einem solchen „König“ einhergeht: Despoten (wie Trump) zerstören die kulturelle Ordnung einer Gesellschaft, also die Differenz des Opferkults, und stürzen eine Kultur zwangsläufig in die Barbarei. Die Diagnose Jelineks ist demnach, dass Trump kein König ist, sondern lediglich vorgibt, einer zu sein; er ist kein besonderes, opferwürdiges Mitglied der Gesellschaft, sondern ein Betrüger.

Da der Workshop nicht nur nach den Befunden Jelineks, sondern auch den konkreten Strategien fragt, um antidemokratischen Diskursen und Rhetoriken entgegenzuwirken, soll in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Sprachkomik in der Literatur Jelineks erörtert werden. Ihre sprachkomischen Verfahren wie Wort- und Sprachspiele, Kalauer oder Neologismen werden von der Autorin oft als subversive Verfahren eingesetzt, um die politischen Strukturen, Ideologien und Machtgefüge in einer neoliberalen Gesellschaft zu dekonstruieren. Die Sprachkomik Jelineks zielt darauf ab, den „König“ der Lächerlichkeit preiszugeben und ihm jene medial erzeugte, religiöse Aura zu nehmen, die ihn als König erscheinen lässt. Daher ist schon der Titel des Theaterstückes eine ironische Zuspitzung Jelineks: Auch wenn sich Trump gerne als absolutistischer Herrscher inszeniert und von der medialen Berichterstattung gelegentlich als König interpretiert wird, so liegt die tatsächliche Gefahr weniger in seinem Despotismus, sondern vielmehr in seiner Unzulänglichkeit. Das Lachen, das auf die Rezeption des Theaterstückes erfolgen soll, ist als „soziale Züchtigung“ – nicht im Sinne Henri Bergsons – zu verstehen. Es soll das Publikum über den „König“ (Trump) und die Risiken seiner antidemokratischen Herrschaftsform aufklären.

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Bibliografie:

  • Janke, Pia (Hg.): Jelinek-Handbuch. Unter Mitarbeit von Christian Schenkermayr. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Metzler 2024.
  • Janke, Pia / Kovacs, Teresa (Hg.): Postdramatik. Reflexion und Revision. Wien: Praesens 2015.
  • Janke, Pia / Schenkermayr, Christian (Hg.): Komik und Subversion – Ideologiekritische Strategien. Wien: Praesens Verlag 2020.
  • Wirth, Uwe (Hg.): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler 2017.

Julia Vogel: Ästhetische Praxis als Form von Agency unter Bedingungen von Gewalt – Trost und Trotz. Künstlerischer weiblicher Widerstand als Gegenentwurf zu autoritären Diskursen

Das Forschungsvorhaben untersucht, mit welchen ästhetischen Strategien Frauen unter Bedingungen politischer Gewalt, Ausgrenzung und autoritärer Herrschaft künstlerische Handlungsspielräume eröffnen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich in literarischen und musikalischen Formen Widerstand, Selbstbehauptung und kollektive Würde artikulieren und als ästhetische Gegenpraktiken zu autoritären Diskursen wirksam werden.

Ausgangspunkt bildet das Werk der jüdischen deutsch-tschechischen Dichterin und Musikerin Ilse Weber (1903–1944). Ihre im Ghetto Theresienstadt entstandenen Gedichte und Lieder zeigen exemplarisch, wie poetische und musikalische Formen unter extremen Bedingungen Trost stiften, Erfahrungen artikulieren und symbolische Räume menschlicher Autonomie eröffnen. Gerade im Spannungsfeld von Lagerrealität, Fürsorge und künstlerischer Praxis wird sichtbar, wie Musik einerseits für propagandistische Zwecke instrumentalisiert, andererseits jedoch von den Inhaftierten als Medium emotionaler Stabilisierung, kollektiver Identitätsbildung und symbolischer Selbstbehauptung genutzt wurde.

Über diese Fallstudie hinaus fragt der Beitrag, wie sich künstlerische Ausdrucksweisen als spezifische Formen geschlechtlich geprägter kultureller Gegenrede beschreiben lassen. Ziel ist es, ästhetische Strategien weiblicher Widerständigkeit herauszuarbeiten, die nicht nur Zeugnis ablegen, sondern autoritären Ordnungen symbolisch entgegenwirken und alternative Wahrnehmungs- und Denkräume eröffnen.

Ilse Weber bildet dabei den ersten analytischen Ausgangspunkt. Im Rahmen einer weitergehenden Forschung soll die zu untersuchende Fallmenge auf weitere weibliche künstlerische und musikalische Widerstandsformen während der NS-Zeit ausgeweitet werden, um mögliche Gemeinsamkeiten und Handlungsmuster zu identifizieren, die auf heutige Krisen- und Konfliktregionen angewendet werden können.

Damit schließt das Vorhaben an den Forschungshorizont „Wissenschaft – Kunst – Demokratie“ an und knüpft insbesondere an Elfriede Jelineks Analyse antidemokratischer Diskurse und ihrer sprachkritischen Verfahren an. Im Fokus steht die Frage, wie ästhetische Praxis zur kritischen Sichtbarmachung von Machtverhältnissen beiträgt und als Medium kritischer Imagination gesellschaftlicher Alternativen fungieren kann.

Methodisch basiert das Vorhaben auf einer qualitativen Analyse ausgewählter Texte und Lieder aus meiner abgeschlossenen MA-Arbeit an der Universität Mozarteum Salzburg sowie auf einer kulturhistorischen Kontextualisierung. Perspektivisch wird der Ansatz auf weitere Beispiele weiblicher künstlerischer Widerstandsformen im Nationalsozialismus erweitert, um strukturelle Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und deren Anschlussfähigkeit für die Analyse gegenwärtiger autoritärer Dynamiken zu prüfen.

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Bibliografie:

  • Bick, Martina. „Musik und Widerstand – engagierte Komponistinnen“. Text. Digitales Deutsches Frauenarchiv, 2. August 2021. https://www.digitales-deutsches- frauenarchiv.de/themen/musik-und-widerstand-engagierte-komponistinnen.
  • Peduzzi, Lubomír. Musik im Ghetto Theresienstadt: Kritische Studien. Barrister & Principal, 2005.
  • Weber, Ilse. Wann wohl das Leid ein Ende hat: Briefe und Gedichte aus Theresienstadt. Herausgegeben von Ulrike Migdal. München: Carl Hanser Verlag, 2008.
  • Yad Vashem. „Documentation of Ilse (Herlinger) Weber, 1933–1945“. Yad Vashem. The World Holocaust Remembrance Center. Zugegriffen 5. Februar 2026. https://collections.yadvashem.org/en/documents/10480916.

Janka Vida: Elfriede Jelineks Sprachmacht als Werkzeug für die Entlarvung demokratieschwächender Phänomene. Zu Schwarzwasser

Südöstlich von dem Medien-Imperium-Projekt der Freiheitlichen Partei Österreichs[1], besteht seit sechzehn Jahren eine autokratische Regierung unter dem Deckmantel „illiberaler demokratische Rechtsstaat Ungarn“[2]. Der fortwährende Rechtsruck in Österreich, aber auch in Deutschland, Italien und Polen scheint demokratische Grundprinzipien zu übertönen und „[…] de[n] Atem der Demokratie schwächer [werden lassen].“[3] Von der Volksmusik zum „Volkskanzler“[4], bis hin zum ‚Volksradio‘ – „Austria First!“[5].

Die Tendenz ‚Rechts‘ zu wählen verschiebt sich demografisch und immer mehr junge Menschen wählen rechtsnationale, rechtspopulistische Parteien. Dabei entkräftet sich der bis dato ‚altbewährter‘ Mythos der vermeintlich ‚konservativen älteren‘ Generationen.

Österreich war in den 1980ern von politischer Brisanz gezeichnet, vor allem aufgrund der Kurt-Waldheim-Affäre[6] um 1986 sowie der künstlerischen Interventionsarbeit[7] zur Dekonstruktion der österreichischen Opfer-These[8], insbesondere, durch SchriftstellerInnen wie Elfriede Jelinek mit Burgtheater[9] (1985) sowie Thomas Bernhard mit Heldenplatz[10] (1988). Der Nerv der österreichischen Politik und Vergangenheitsbewältigung schmerzte. 

Zudem eröffnete Jelinek mit ihrer Heinrich-Böll-Preisrede In den Waldheimen und auf den Haidern[11] einen literarischen Dialog in der Politiklandschaft Österreichs und daraufhin wurden ihr im Zuge der Skandalisierungen rund um Burgtheater 1985 medial diffamierende Zuschreibungen wie jene der „Nestbeschmutzerin[12]“ attribuiert.

Ihr umfassendes politisch-aktivistisches Engagement bis in die frühen 2000ern ist vor allem in Jelinek & Österreich – Die Nestbeschmutzerin, herausgegeben von Pia Janke, ausgiebig dokumentiert worden. Seit dem Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit schreibt Jelinek etwa gegen politisch verharmlosenden Medienpessimismus etwa in Stecken, Stab und Stangl[13], an, in dem der „mediale Einheitsbrei“ bezüglich verharmlosender Berichterstattungsmodi satirisch demontiert wird.[14]

Jelineks Schreibverfahren ist maßgeblich von den ästhetischen Positionen der 1960er geprägt, insbesondere im Hinblick auf Roland Barthes‘ Alltagsmythen[15]. Durch Destruktions- und Verfremdungsverfahren werden auf impliziter und poetischer[16] Art und Weise, speziell, ihre Kurzprosatexte, Essays und Theatertexte zu einem politisch-aufklärerischen Sprachrohr[17]. Die Position die dabei entsteht ist jene der aktiven Beobachterin.

Elfriede Jelinek schreibt gegen den „schönen Schein“[18] der vergangenen und aktuellen Ereignisse sowohl österreichspezifisch als auch mit einem geschärften Augenmerk auf globale Phänomenen an. Ihr wird eine Art scharf- und hellsichtige prógnōsis zugeschrieben, in der sich kassandra-ähnliche, vorausahnende Mechanismen in Bezug auf politische Umbrüche manifestieren[19].  In ihrem Werk werden antidemokratische Tendenzen angeschnitten und Elfriede Jelinek gilt als Vorreiterin unter österreichischen Künstler*innen dieser Geschichtsentlarvung, denn ihr Œuvre resoniert intensiv auf politische Wandel und die Politik resoniert ebenso auf ihr Werk.

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[1] Vgl. Florian Bayer: Parteisender in Österreich – Propagandaradio für Patrioten. taz.de. Berlin: taz Verlags u. Vertriebs GmbH. . Erscheinungsdatum: 19.01.2026. https://taz.de/Parteisender-in-Oesterreich/!6146339/ (Zugriff: 15.03.2026).
Vgl. Colette M. Schmidt Fabian Schmid: FPÖ-Kanal Mit Mainstream-Hits gegen den „Mainstream“: Das blaue Radio Austria First. Oscar Bronner (Hg.) Wien: STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H.  Erscheinungsdatum: 25.01.2026. https://www.derstandard.at/story/3000000304980/mit-mainstream-hits-gegen-den-mainstream-das-blaue-radio-austria-first (Zugriff: 16.03.2026).

[2] Vgl. Petra Horbrietz: Wir werden Europa erobern! Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie. München: Verlag Antje Kunstmann, 2025.

[3] Elfriede Jelinek, Der Atem-Automat. 2014.

[4] Pelinka, Peter, u.a: „Reformkanzler“ gegen „Volkskanzler: Das schwierige erste Jahr des Andreas Babler“. In: Österreichisches Jahrbuch für Politik 2023, 1.Auflage 2023. Wien: Böhlau Verlag, 2024. S. 195–210.

[5] https://www.zeit.de/kultur/2026-01/radio-austria-first-fpoe-patriotismus (Zugriff: 20.03.2026) & https://austriafirst.at/ (Zugriff 28.03.2026).

[6] Vgl. Siegfried Mattl: Ästhetik als Opposition. Wien: Praesens-Verlag, 2008, S. 45; Vgl. Veronika Zangl: Austria’s post-89: staging suppressed memory in Elfriede Jelinek’s  and Thomas Bernhard’s plays Burgtheater and Heldenplatz. 2013, S. 272. 

[7] Elfriede Jelinek: „diese verlogene Unschuld Österreichs war schon immer mein Thema gewesen“. Wien.  Praesens. 2020, S. 108. Im Interview-Gespräch mit Elfriede Jelinek spricht Pia Janke über Stecken, Stab  und Stangl – Eine Handarbeit (1997) und Rechnitz (Der Würgeengel)(2008) und beleuchten die  Kernthematik der ‚vermeintlichen‘ Unschuldigkeit Österreichs sowie der mangelnden Vergangenheitsbewältigung nationalsozialistischer Verbrechen

[8] Vgl. Sylvia Paulischin-Hovdar: Der Opfermythos bei Elfriede Jelinek: Eine historiografische  Untersuchung. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag. 2017.

[9] Jelinek, Elfriede & Ute Nyssen: Theaterstücke. 7. Auflage. Reinbek bei Hamburg:  Rowohlt- Taschenbuch-Verlag,  2004, S. 130-189.

[10] Thomas Bernhard: Heldenplatz. Erstausgabe., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988.

[11] Elfriede Jelinek: In den Waldheimen und auf den Haidern. Rede gehalten am 2.12.1986 in Köln. Erschienen in der „ZEIT“ 50 (1986); auch in: Alms, Barbara (Hg.): Blauer Streusand. Frankfurt am Main 1987, S. 42-44

[12] Pia Janke: Jelinek & Österreich – Die Nestbeschmutzerin. Salzburg und Wien: Jung und Jung- Verlag. 2002. S.7.

[13] Jelinek, Elfriede, Stecken, Stab und Stangl. Eine Handarbeit [1995], in: , Stecken, Stab und  Stangl. Raststätte oder Sie machens alle. Wolken.Heim. Neue Theaterstücke, 3. Auflage, Reinbek, bei Hamburg: Rowohlt, 2004, 15–68.

[14] Vgl. Monika Sczepaniak: Elfriede Jelinek. Literatur Kompakt. Baden-Baden: Tectum. 2022, S. 26.

[15] Vgl. Christa Gürtler (Hg.): Gegen den schönen Schein – Texte zu Elfriede Jelinek. Frankfurt (Main): Verlag Neue Kritik, 1990

[16] Vgl. Sigrid Schmid-Bortenschlager: Gewalt zeugt Gewalt zeugt Literatur… „wir sind lockvögel baby!“ und andere frühe Prosa. In: Christa Gürtler (Hg.): Gegen den schönen Schein – Texte zu Elfriede Jelinek. Frankfurt (Main): Verlag Neue Kritik, 1990. S. 30.

[17] Vgl. Christa Gürtler: Vorwort. In: Christa Gürtler (Hg.): Gegen den schönen Schein – Texte zu Elfriede Jelinek. Frankfurt (Main): Verlag Neue Kritik, 1990. S. 8.

[18] Ebd., S. 7.

[19] Vgl. Monika Sczepaniak: Elfriede Jelinek. Literatur Kompakt. Baden-Baden: Tectum. 2022, S. 11ff. 

Johanna Peimpolt / Anja Schaflinger: Performativität und Widerstand in „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“. Wie durch Narration und Filmtechnik Gedächtniskultur erschaffen wird

Der Dokumentarfilm Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen (2022) schreibt sich mit den Mitteln der Performativität und der Montage in das politisch-aufklärerische Programm der Autorin ein. Als dokumentarischer Kompilationsfilm betreibt er aktiv filmische Erinnerungsarbeit und wirft im Sinne Elfriede Jelineks „ein scharfes Schlaglicht auf die Wirklichkeit“. Autoritäre Machtbewegungen werden mit den Mitteln der Montage abgebildet und durch sprachliche und mediale Muster offengelegt. Die Montagetechnik hat dabei eine politische, aufklärerische Funktion.

Die vielstimmige Narrativität ist ein Grundbestandteil des vorliegenden Kompilationsfilms. Er arbeitet mit zeitgeschichtlichem und privatem Archivmaterial, das sich aus unterschiedlichen Medienformen zusammensetzt. Es stellt sich in Bezug auf dieses Zusammenspiel die Frage, wie dieses Material im Dokumentarfilm Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen ausgewählt und durch diverse Montagetechniken angeordnet wird, sodass die Performativität des Films wirksam wird. Laut Sergei Eisenstein entsteht Bedeutung im Montageprozess. Nach dem Konzept der Assoziationsmontage erschließt sich der Sinn erst im Zusammenschnitt zunächst konträr erscheinender Bilder. So werden im behandelten Dokumentarfilm beispielsweise aktuelle Bilder von Partyexzessen aus Ischgl in der Abfolge unmittelbar einer atmosphärischen Landschaftsaufnahme aus den 50ern entgegengestellt. Zur Vermittlung zwischen den Szenen dienen die eingesprochenen Zitate aus den Werken der Autorin Elfriede Jelinek, die Macht und Gewalt thematisieren. Durch diese gemeinsame Anordnung von Sprechakten und Archivmaterial eröffnet sich ein performativer Raum, in welchem sich Erinnerungsarbeit als nie abgeschlossener Prozess fortschreibt. Der Film betreibt Gedächtnisarbeit nach dem Konzept doing memory, laut dem sich das kollektive Gedächtnis durch konkrete Erinnerungsakte formt. Davon ausgehend formulieren wir thesenartig, dass die filmische Aufbereitung nicht auf der individuellen Ebene der Biographie Elfriede Jelineks verharrt, sondern ein kollektives, historisches Bewusstsein konstruiert.

Dem geschilderten Forschungsinteresse soll im Rahmen eines kollaborativen Projekts nachgegangen werden. Im Zuge dessen wird das Verfassen einer literatur- und filmwissenschaftlichen Arbeit angestrebt, die zudem mit kulturwissenschaftlichen Fragestellungen interagiert.

Schlüsselwörter: Performativität – Kompilationsfilm – doing memory – Montage – Gedächtnisarbeit – Elfriede Jelinek.

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Bibliografie:

  • Bal, Mieke: Performanz und Performativität. In: Huber, Jörg (Hrsg.): Kultur – Analysen. Wien und New York: Springer-Verlag 2001, S. 197–242.
  • Bruzzi, Stella: New Documentary. A Critical Introduction. London: Routledge 2000.
  • Eisenstein, Sergej: Sergej Eisenstein Selected Works. Volume II. Towards a Theory of Montage. Taylor, Richard (Hrsg.). London: Bloomsbury Publication 2010.
  • Müller, Claudia: Elfriede Jelinek. Die Sprache von der Leine lassen. Österreich & Deutschland: 2022.

Qi Li: Tiermetaphorik als ästhetische Strategie in Elfriede Jelineks „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr“ — Kritik an Antidemokratie, Petromaskulinität und literarischer Pseudoautonomie

Mit einem Perspektiv aus Ökokritik und Kritik der Petromaskulinität untersucht der vorliegende Beitrag die Tiermetaphorik in Elfriede Jelineks Prosatext Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr als zentrale ästhetische Strategie zur Kritik politischer, ökonomischer und geschlechtsspezifischer Machtstrukturen. Ausgangspunkt ist die These, dass Tiere in Jelineks Text nicht als traditionelle Naturzeichen fungieren, sondern als deformierte und funktionalisierte Opferfiguren erscheinen, die einerseits durch Materialisierung des Großkapitals entfremdet, getötet und verziert werden; andererseits werden Tiere ebenso durch literaturgeschichtliche Reproduktion als Darstellung des Kunstideals kultiviert und mystifiziert werden.

Im Beitrag wird drei Tiere analysiert: Hirsch, Insekten und Vogel. Der Hirsch, traditionell als „König des Waldes“ aufgeladen, wird in eine Logik der „Verfleischerung“ überführt: Fleisch fungiert als Metapher ökonomischer Verwertung und verweist auf die Reduktion von lebendigen Tieren auf konsumierbare Materie, in welchem Prozess Tötung vom ökonomiscen Gewinn der Massenschlachtung neutralisiert wird. Zugleich fungiert die Figur des „Kaufhauskönigs“ als Herrscher des Waldes und wird als Repräsentant kapitalistischer Macht eingeführt, der die symbolische Ordnung der Natur ersetzt. In dieser Konstellation erscheint der Hirsch als Opfer einer patriarchal-kapitalistischen Herrschaftsstruktur, wobei die Jagdmotive eine historische Resonanz zur nationalsozialistischen Praxis herstellen und zugleich den traditionellen Heimatbegriff dekonstruieren.

Die Analyse der Insektenmetaphorik verdeutlicht eine weitere Dimension der Entwertung von Leben und Schmerzen aus der NS-Geschichte. Schmeißfliegen erscheinen einerseits als Verweis auf barocke Kunst- und Vanitas-Semantik, andererseits als anonyme Opfer von Vernichtungsmechanismen, die sich etwa in der Bildlichkeit von Giftgas[1] verdichten. Der Käfer verweist einerseits auf Wittgensteins Käfermetapher und referiert andererseits intertextuell auf Kafkas Die Verwandlung; darüber hinaus ironisiert der Roman durch die Darstellung von Parasiten mediale ideologische Propaganda.

Letztendlich wird Vogeldarstellung als Ironie von Pseudo Autonomität der Kunstschöpfung analysiert, die Künstlerinnen scheinbar genießen, werden in der Tatsache von Verlagswesen und Kunstmarkt kontrolliert wird. Darüber hinaus verknüpft der Roman das Motiv des Fliegens mit dem Bildungsniveau der Frauen und greift dabei die Raubtier-Topoi Baudelaires auf, der Autorinnen als Raubtiere metaphorisiert. Zudem thematisiert der Roman das Scheitern des Fliegens – das Fallen –, das im vorliegenden Beitrag als Entmystifizierung des Ikarus-Mythos analysiert wird. Der Roman inszeniert das Motiv des Fliegens als vermeintlicher Ausdruck künstlerischer Freiheit, jedoch zugleich als „Pseudo-Fliegen“ entlarvt. Die Gegenüberstellung von Fliegen und Boden markiert eine grundlegende Entfremdung, die sich sowohl auf den Verlust von Heimat als auch auf die Bedingungen literarischer Produktion bezieht. Unter Rückgriff auf literatursoziologische Ansätze lässt sich zeigen, dass Autorschaft im Kontext des Verlagswesens zunehmend ökonomischen Selektionsmechanismen unterliegt, wodurch das Ideal künstlerischer Autonomie strukturell unterlaufen wird.

Vor diesem Hintergrund wird die Tiermetaphorik als ästhetische Verdichtung jener Prozesse lesbar, in denen Natur, Körper und Kreativität gleichermaßen den Logiken von Kontrolle, Verwertung und geschlechtlich codierter Macht unterworfen sind. In Anknüpfung an das Konzept der Petromaskulinität lässt sich diese Dynamik als Teil einer umfassenderen Struktur der Naturbeherrschung verstehen, die nicht geschlechtsneutral ist, sondern in hegemoniale Männlichkeitsentwürfe eingebettet bleibt. Die Analyse zeigt somit, dass Jelineks Text weder eine romantische Naturästhetik noch eine autonome Kunstpraxis affirmiert, sondern vielmehr deren Bedingungen radikal in Frage stellt.

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Bibliografie:

  • Daggett, Cara New. Petromaskulinität: Fossile Energieträger und autoritäres Begehren. Übersetzt von David Frühauf, 2. Aufl., Matthes & Seitz Berlin, 2023. (Fröhliche Wissenschaft, Bd. 216.)
  • Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus. München: Hanser Verlag. 2022
  • Amlinger, Carolin. Schreiben: Eine Soziologie literarischer Arbeit. Suhrkamp Verlag, 2021.
  • Waldner, Gernot: Ecology and its Discontents: the Concept of Nature in Elfriede Jelinek’s Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr. Ecologies of Socialism. 2019. Germany, Nature, and the Left in History, Politics, and Culture. (Ed.) Sabine Mödersheim, Scott Moranda, Eli Rubin. https://doi.org/10.3726/B11146.
  • Heberger, Alexandra: Der Mythos Mann in ausgewählten Prosawerken von Elfriede Jelinek. Osnabrück: Der Andere Verl. 2002. S.123.

[1] Jelinek, Elfriede: Oh Wildnis, Oh Schutz vor Ihr. Reinbek am Hamburg: Rowohlt Verlag. 2004. [3] Aufl., S.36.

Sebastian Kugler: Kannibal und Kapital. Zur autoritären Selbstaufhebung der Demokratie in Form des ‚Präsidenten‘ in Elfriede Jelineks „reinGOLD“ und „Präsident Abendwind“

Der vorgeschlagene Beitrag geht von der These aus, dass Elfriede Jelinek Demokratie nicht als Gegenmodell zur kapitalistischen Vergesellschaftung entwirft, sondern als deren spezifische Erscheinungsform verhandelt – und zwar als eine Form, in der sich Prozesse der Kapitalisierung als Kannibalisierung bis zur autoritären Selbstaufhebung des Demokratischen vollziehen. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Krisendiagnosen – Erosion demokratischer Institutionen, autoritäre Verschiebungen und populistische Mobilisierung – wird demnach gefragt, inwiefern Jelineks Texte diese Entwicklungen nicht nur reflektieren, sondern deren strukturelle Logik freilegen. Im Zentrum steht dabei die Figur des „Präsidenten“ als Form, in der sich das Verhältnis von Kapital und Demokratie politisch artikuliert und selbst aufhebt – als Kannibalisierung des Demokratischen unter Bedingungen seiner Kapitalisierung.

Ausgangspunkt ist Präsident Abendwind (1988), Jelineks Adaption von Nestroys Häuptling Abendwind (1862) vor dem Hintergrund der Waldheim-Affäre. Bereits hier wird demokratische Herrschaft als Form der Konsumtion inszeniert: Der Präsident von Großjuhu spricht das Volk als „Mitesser“ an, um es zugleich selbst zu verzehren. Die wiederholte tautologische Formel „gewählt ist gewählt“ markiert dabei die formale Legitimation politischer Macht, die am Ende in die Gewaltformel „Gewalt ist Gewalt“ umschlägt. In dieser Verschiebung tritt die innere Logik demokratischer Repräsentation zutage: Ihre Legitimität gründet nicht außerhalb der Macht, sondern reproduziert deren Durchsetzung. Wenn Abendwind von seinen Wähler:innen sagt: „Die wern scho lernen, was ein Präsident is“, erscheint politische Souveränität als Gewaltverhältnis, das sich erst durch die demokratische Legitimierung realisiert. Diese wirkt als pädagogisierte (Selbst-)Unterwerfung. Nur durch diese autoritäre Präformatierung des Demokratischen kann Abendwind „ein Präsident für alle Großjuhuer“ sein. Die Kannibalisierung der Demokratie geht dabei mit ihrer Kapitalisierung einher: Das Wahlvolk wird entweder direkt verspeist oder als Fleischexport verwertet.

Kapitalisierung als Kannibalisierung der Demokratie wird in Rein Gold (2013) – Jelineks Fort- bzw. Umschreibung von Wagners Das Rheingold, dem ersten Teil des Ring des Nibelungen-Zyklus (1876) – anlässlich der Finanz- und Schuldenkrise von 2008ff unter veränderten historischen Vorzeichen neu artikuliert. Geld, Wert, Profit, Schuld und Zirkulation strukturieren die Sprache der Figuren. Der dabei wiederholt als „Präsident“ adressierte Wotan fungiert nicht als souveräner Ursprung politischer Ordnung, sondern als Funktionsträger innerhalb einer totalisierten Verwertungslogik, die kein Außen mehr kennt. Während Präsident Abendwind die politische Form der Konsumtion drastisch materialisiert, erscheint sie in Rein Gold als abstrakte Bewegung ökonomischer Prozesse, die politische Souveränität von vornherein unterlaufen. Kapitalisierung erscheint so als Kannibalisierung in zwei Modi – als materielle Verzehrung und als formale Verwertung. In beiden Fällen stellt die Figur des „Präsidenten“ die politische Vermittlungsform jenes Kannibalisierungsprozesses des Demokratischen dar, dessen Opfer sie schließlich auch selbst wird.

Abschließend soll gezeigt werden, dass Jelineks ästhetische Verfahren – insbesondere die an Nestroy geschulte immanente Kritik der Phrase – als epistemische Strategie zu verstehen sind. Indem die Texte demokratische Legitimation bis zur Selbstaufhebung treiben, machen sie die immanente Verflechtung von Kapital und politischer Form sichtbar und eröffnen so einen kritischen Zugriff auf gegenwärtige autoritäre Dynamiken, die die liberale Demokratie nicht von außen zu zerstören, sondern von innen zu verschlingen drohen.

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Bibliografie:

  • Elfriede Jelinek: Präsident Abendwind. In: Herbert Wiesner (Hg.): Anthropophagen im Abendwind. Berlin: Literaturhaus Berlin, 1988, S.19–35.
  • Elfriede Jelinek: Rein Gold. Ein Bühnenessay. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2013
  • Johann Nestroy: Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl. In: Johann Nestroy: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Jürgen Hein, Johann Hüttner, Walter Obermaier und William Edgar Yates. Wien: Deuticke, 1977–2010. Bd. Stücke 38. Hg. v. Peter Branscombe, S. 41–79.
  • Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend. Textbuch mit Varianten der Partitur. Hg. v. Egon Voss. Stuttgart: Reclam, 2009

Antonella Candela: Rewriting Jelinek. Mediation, Market Forces, and the Politics of Reception in Italy

This paper investigates the Italian reception of Elfriede Jelinek through the lens of mediation, with particular attention to the role of publishers, translators, editors, and cultural institutions in shaping the circulation and interpretation of her work. Drawing on Pierre Bourdieu’s theory of the literary field and André Lefevere’s concept of rewriting, the project conceptualizes reception not as a passive process, but as an active site of ideological negotiation, in which aesthetic, political, and market-driven forces intersect.

The Italian case offers a particularly revealing perspective. Since the early 1990s, Jelinek’s works have often been framed within an eroticized interpretive horizon, especially through editorial positioning, paratextual strategies, and marketing choices. This framing, while

contributing to the author’s visibility within the heteronomous pole of the literary field, has simultaneously obscured the critical and political dimensions of her writing, which engage with issues such as gender violence, the legacy of fascism, and the mechanisms of capitalist and media-driven societies.

By focusing on key mediators—such as translators, editors, and curators—and on specific moments of reception (including re-editions, theatrical adaptations, and the impact of Michael Haneke’s film adaptation The Piano Teacher), this paper examines how Jelinek’s work has been continuously recontextualized and, at times, strategically misread. These processes can be understood as forms of rewriting that not only adapt the text to new audiences, but also participate in broader cultural dynamics of selection, simplification, and ideological framing.

Within the framework of the workshop’s focus on Science – Art – Democracy, the paper argues that the mediation of Jelinek’s work provides a compelling case study for analyzinghow literary texts that critically interrogate anti-democratic tendencies can themselves be neutralized or transformed by the very cultural systems that disseminate them. In particular, the reduction of Jelinek’s complex linguistic and aesthetic strategies to an “erotic” label can be seen as part of a broader mechanism of cultural consumption that privileges immediacy, affect, and marketability over critical engagement.

Methodologically, the project combines qualitative analysis of paratexts with digital humanities tools, including data visualization and social network analysis, in order to mapthe relationships between mediators and to visualize shifts in the author’s position within the Italian literary field over time. These visualizations are not merely illustrative, but function as analytical instruments that make visible otherwise opaque structures of cultural production and circulation.

Ultimately, the paper contributes to current debates on the role of literature and the arts in contemporary democratic societies by highlighting the tension between critical artistic production and the conditions of its mediation. It suggests that understanding these mediating processes is essential for assessing the capacity of literature to intervene in, resist, or be co-opted by dominant ideological and economic frameworks.

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Bibliography

  • Bourdieu, Pierre. 2005. Le regole dell’arte. Genesi e struttura del campo letterario. Milano: Il Saggiatore.
  • Casanova, Pascale. 1999. La République mondiale des lettres. Paris: Seuil.
  • Lefevere, André. 2017. Translation, Rewriting, and the Manipulation of Literary Fame. Routledge.
  • McDonough Dolmaya, J. (2024). Digital Research Methods for Translation Studies. Routledge.
  • Sisto, Michele. 2023. World literature(s). Traduzioni e storia letteraria nazionale. Rome: Sapienza University Press.

Janka Vida: ‚Gspaßiges‘ Verschweigen in Elfriede Jelineks „Burgtheater“. Posse mit Gesang. Komik als diskursive und performative Gewaltform

Elfriede Jelineks Theatertext Burgtheater. Posse mit Gesang wurde erstmals 1982 in der Zeitschrift manuskripte veröffentlicht und 1985 in Bonn uraufgeführt.[1] Erst nach einem vierzigjährigen Aufführungsverbot wurde der Text schließlich auch am Wiener Burgtheater zur Aufführung gebracht.

Burgtheater thematisiert im Zuge der österreichischen Vergangenheitsverdrängung des Nationalsozialismus die opportunistische Mittäterschaft österreichischer KünstlerInnen während des Nationalsozialismus sowie deren Mitwirkung an heimatidyllisierenden Filmen in der Nachkriegszeit.[2] Unter dem Deckmantel der österreichischen Opferthese wurden bis in die 1980er Jahre nationalsozialistische Verbrechen verdrängt und erst durch künstlerische Interventionsarbeit, mitunter von Elfriede Jelinek, gelang es, den sogenannten ‚Opfermythos‘ zu dekonstruieren.[3]

Die vorliegende Seminararbeit untersucht, durch welche sprachlichen Mittel sich Komik in Jelineks Burgtheater als performative und diskursive Form sprachlicher Gewalt entlarvt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, inwiefern das Verschweigen opportunistischer KünstlerInnen als MittäterInnen des Nationalsozialismus durch komische Strategien vollzogen wird.

Die bisherige Jelinek-Forschung zu Burgtheater hat bereits zahlreiche Analysen zu subversiven Strategien der Komik, zur satirischen Kunstsprache, zum Mythos des Schlüsseldramas sowie zur Skandalisierungsgeschichte des Stücks vorgelegt.[4]

Die vorliegende Arbeit ergänzt diese Forschung durch eine literaturwissenschaftlich-sprachanalytische Perspektive, indem eine Sprachgewaltanalyse des Allegorischen Zwischenspiels durchgeführt wird. Anhand von rekurrierenden Metaphern  wird versucht die Verdrängungsform des Verschweigens herauszuarbeiten. Im Zentrum der Analyse stehen die Figuren Käthe, Istvan, Schorsch, Resi und der Alpenkönig. Durch die Verschränkung von Komik und Gewalt wird eine spezifische Form des Verschweigens freigelegt, die als ‚gspaßiges Verschweigen‘ gefasst wird.

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[1] Vgl. Sabrina Weinzettl: Die 1980er Jahre in Österreich. Chronik der Ereignisse. In: (Hg.)  Wien: Praesens-Verlag. 2018, S. 32.

[2] Vgl. Sylvia Paulischin-Hovdar: Der Opfermythos bei Elfriede Jelinek: Eine historiografische Untersuchung. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag. 2017.

[3] Vgl. Pia Janke und Elfriede Jelinek: „Diese falsche und verlogene Unschuldigkeit Österreichs ist wirklich immer mein Thema gewesen“. Elfriede Jelinek im Gespräch. In: Innerhofer, Roland u. a. (Hg.): Austrian Studies: Literaturen und Kulturen: eine Einführung. Wien: Praesens Verlag 2020.

[4] Anmerkung: Die bisherige Forschung ist umfangreich; exemplarisch seien hier: Pia Janke/Teresa Kovacs/ Christian Schenkermayr/Bettina Chybiorz (2018), Evelyn Annuß: (2005), Uta Degner (2022) u.v.m. genannt.

Marie Theissing: Heim(at)suchungen. Verfahren der versuchten Verdrängung der österreichischen

Elfriede Jelinek kritisiert in ihren Werken häufig die mangelnde Aufarbeitung der österreichischen Geschichte – so auch in ihrem Theatertext Rechnitz (Der Würgeengel), in dem sie sich auf das Massaker an rund 200 jüdischen Zwangsarbeitern im März 1945 im Ort Rechnitz bezieht, das nach wie vor nicht adäquat aufgearbeitet ist. Jelinek verarbeitet die geschichtlichen Ereignisse und ihre mediale Vermittlung in Form eines Botenberichts. Die vorliegende Arbeit analysiert Rechnitz (Der Würgeengel) aus Perspektive der Hantologie, einem Forschungsfeld, das verschiedene Arten der Heimsuchung, unter anderem geschichtlicher Natur, analysierbar macht. Neben dem Aufbrechen einer linearen Zeitkonzeption sowie einem damit verbundenen unabgeschlossenen Geschichtsbegriff ist das Motiv der Verdrängung in Jelineks Text zentral. Die Analyse konzentriert sich daher auf drei sprachliche Verfahren, die von den Bot:innenfiguren angewandt werden, um die historischen Ereignisse zu verdrängen oder zu verharmlosen: erstens die Unzuverlässigkeit der Bot:innen durch die Verwendung vermittelter Perspektiven, zweitens die Entmenschlichung der Opfer des Massakers und die gleichzeitige Vermenschlichung der Geschichte selbst und drittens die Zurückweisung der Verantwortung durch die Bot:innen. Trotz dieser Verdrängungsverfahren werden die historischen Ereignisse jedoch sichtbar gemacht, etwa durch Wiederholungen oder das explizite Ausstellen der Sprache der Täter:innen. Aus diesem Grund argumentiere ich in der vorliegenden Arbeit, dass dieses Emporkommen der Geschichte als Form der Heimsuchung gelesen werden kann.

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Lena Friedrich: Die Beiden: Eine Qualitative Inhaltsanalyse von Jelineks Fassungen (2000 & 2025) ihres Werks „Das Lebewohl“

Die vorliegende Seminararbeit untersucht Elfriede Jelineks Theatertext „Das Lebewohl“ als ein offenes, revisionsfähiges Werk, das in engem Zusammenhang mit konkreten politischen Umbrüchen in Österreich steht. Ausgangspunkt bildet die ursprüngliche Fassung von 2000, die unmittelbar auf den Rückzug Jörg Haiders aus der Bundespolitik reagiert und dessen rhetorische Selbstinszenierung in einer sprachlich übersteigerten Monologstruktur reflektiert. In späteren Überarbeitungen, insbesondere in der Neufassung „DAS LEBEWOHL – nein: DIE ANKUNFT“ (2025), transformiert Jelinek den Text weiter und verschiebt dessen semantische Ausrichtung vom Abschied hin zur Idee einer fortdauernden politischen Präsenz.

Vor diesem Hintergrund analysiert die Arbeit die Textrevision als literarische Strategie, die politische Entwicklungen nicht nur begleitet, sondern ästhetisch kommentiert. Im Zentrum steht ein systematischer Parallelvergleich der Fassungen von 2000 und 2025, wobei die Zwischenfassung „Das Kommen“ als wichtige, jedoch nicht im Fokus stehende Transformationsstufe berücksichtigt wird.

Die leitende Forschungsfrage lautet, wie Jelinek die ursprünglichen Textstrukturen in der Neufassung verändert und inwiefern diese Transformation als Kommentar zum Wandel rechtspopulistischer Diskurse in Österreich gelesen werden kann. Methodisch basiert die Untersuchung auf einer qualitativen, textnahen Inhaltsanalyse, die sich auf ausgewählte Passagen konzentriert und insbesondere rhetorische Verfahren wie Sprecherpositionen, Pronomengebrauch, Wiederholungsstrukturen sowie semantische Verschiebungen untersucht. Ergänzend werden politische Kontexte der Jahre 1999/2000 und 2024/25 herangezogen, um die literarischen Transformationen im Spannungsfeld zwischen Haider und Kickl zu verorten.

Die Analyse zeigt, dass Jelinek zentrale Muster populistischer Rhetorik, etwa die Selbstinszenierung des Sprechers, kollektive Identitätskonstruktionen und Opfer-Täter- Inversionen, in beiden Fassungen aufgreift, jedoch unterschiedlich akzentuiert. Während die Fassung von 2000 stark auf die charismatische Ich-Zentrierung einer Führerfigur fokussiert, verschiebt die Neufassung den Schwerpunkt hin zu einer strukturellen, systembezogenen Rhetorik und einer Semantik der fortgesetzten Machtbehauptung.

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Jelineks Textrevision als literarisches Verfahren fungiert, das politische Sprachmuster über Zeit hinweg sichtbar macht und kritisch reflektiert. „Das Lebewohl“ erscheint somit nicht als abgeschlossener Text, sondern als dynamisches Werkgefüge, in dem sich der Wandel rechtspopulistischer Diskurse exemplarisch nachvollziehen lässt.

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