Stephanie Karmel: Opfer „In den Alpen“ Kapruns. Eine intertextuelle Analyse von Elfriede Jelineks „In den Alpen“

Bachelorarbeit

„Jeder Tag wird zum absoluten Erlebnis. Bis auf 3.029 m Höhe erstreckt sich das Gletscherskigebiet Kitzsteinhorn. Dies bietet Ihnen ganzjährig Schneegarantie“ 1) , wird groß auf der offiziellen Homepage der Gemeinde Kaprun verkündet. Das als „schlimmsten Katastrophe der österreichischen Nachkriegsgeschichte“ 2)  bezeichnetem Brandunglück am 11. November 2000, bei dem 155 Menschen im Tunnel der Kapruner Gletscherbahn auf dem Weg zum Gipfel verbrannten, wird in keinem Wort erwähnt. Anders natürlich zur Zeit der Katastrophe. Medial groß ausgeleuchtet, war dieses wochenlange Thema Nummer eins in den österreichischen Nachrichten, allen voran in News, das als österreichische Hochglanz-Wochenzeitschrift von Sensationen, Rankings und Seitenblick-Berichterstattung lebt  3). Der groß aufgezogenen Boulevard-Berichterstattung dieser Zeitschrift widmet sich Jelinek in ihrem Theatertext In den Alpen. Sie paart das Seilbahnunglück jedoch mit einem weiteren Ereignis in Kaprun, das bereits unter der Zeit des Nationalsozialismus offiziell 161 Opfer forderte. Bereits in den 1920er Jahren geplant, entstand bis in die Mitte der 50er das Speicherkraftwerk Kaprun. Der Spatenstich dieses Kraftwerkbaus erfolgte nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938. Der Bau wurde während des Krieges unter gefährlichsten Bedingungen, trotz Lawinenabgängen und Materialmängeln, fortgesetzt. Zu dieser Zeit wurden Zwangsarbeiter für den Kraftwerksbau eingesetzt, die vorwiegend Kriegsgefangene aus Russland, der Ukraine und Fremdarbeiter aus verbündeten und besetzten Ländern waren. 4) Nach Beendigung des Krieges konnte der Bau des Kraftwerks mithilfe des Marshall-Plans weiterfinanziert werden, Arbeit fanden hier nun all jene, die sonst keine Arbeit fanden, wie zum Beispiel ehemalige Nazis, Flüchtlinge, Ausgebombte und aus Konzentrationslagern befreite Sozialdemokraten und Kommunisten. 5)  In den 50ern konnte das Kraftwerk fertiggestellt werden, die Eröffnung des Kraftwerkes fand 1955, im Jahr des Österreichischen Staatsvertrags, statt. Als Symbol für den österreichischen Wiederaufbau und als technisches Wunderwerk gefeiert, zieht das Kraftwerk bis heute jährlich etliche Besucher an, von den 161 Opfern, welche der Bau forderte, ist jedoch niemals die Rede. Elfriede Jelinek greift in In den Alpen genau die Diskrepanz zwischen wochenlanger Berichterstattung über das Seilbahnunglück in Kaprun und dem Verdrängen der Opfer des Nationalsozialismus auf. Sie hat sich in den Vorarbeiten für In den Alpen intensiv mit verschiedenen Quellen auseinandergesetzt und erzeugte, wie stets in ihren Theatertexten, ein intertextuelles Sprachgeflecht. In diesem Fall sind die beiden wichtigsten Intertexte die trivial aufbereitete Berichterstattung des Magazins News, und Paul Celans hoch poetischer Text Gespräch im Gebirg. Durch die Kombination dieser so unterschiedlichen Intertexte entsteht sprachlich ein ganz eigener Duktus.Genau diese beiden sprachlichen Stränge, einerseits die sensationslustige Mediensprache von News, andererseits die sehr reflektierte, lyrischen Sprache Celans, werden in dieser Arbeit intertextuell analysiert. Anhand dieser Analyse soll deutlich gemacht werden, wie sich Jelineks Anspruch an den Umgang mit den Opfern Kapruns und des Nationalsozialismus manifestiert, wie sie diesen in ihren Texten deutlich macht. Die zu beantwortenden Fragen lauten: Welchen Anspruch stellt Jelinek an den Umgang mit den Opfern? Woran übt sie in diesem Zusammenhang Kritik? Durch welches intertextuell verwendete (Sprach-)Material verdeutlicht sie ihre Forderungen auf einer sprachlichen Ebene? Wie werden diese Intertexte verwendet, eingearbeitet, adaptiert, deformiert?

1) http://www.kaprun.at/sportfreizeit/winter.html, 26.06.2013.
2) http://www.zeit.de/2009/33/A-Kaprun/seite-1, 26.06.2013.
3) Janke, Pia: Der Mythos Kaprun in In den Alpen und Das Werk. In: Lartillot, Françoise und Dieter Hornig (Hg.): Jelinek, une répétition? Zu den Theaterstücken In den Alpen und Das Werk. Bern: Peter Lang 2009, S. 131.
4) Ebd. S. 130.
5) Ebd.

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16.9.2013

Sabrina Weinzettl: Elfriede Jelineks Dramenästhetik am Beispiel des Theatertextes „Über Tiere“

Bachelorarbeit

Elfriede Jelinek zählt wohl zu den am stärksten polarisierenden AutorInnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Gerade ihr dramatisches Werk und die Frage danach, ob dieses nun als dramatisch zu werten wäre oder nicht, sorgte bisher für reichlich Zündstoff im wissenschaftlichen Diskurs. Klar ist, Elfriede Jelineks Theatertexte distanzieren sich in ihrer formalen Gestaltung von gattungsüblichen Normen – die Auseinandersetzung mit dem Genre selbst, ist ihnen aber gerade durch diese Abgrenzung eingeschrieben. Ihre grundlegenden theaterprogrammatischen Überlegungen deklariert die Autorin in ihren zahlreichen Essays, welche von Beginn an ihr dramatisches Schaffen begleiten. Einen zentralen Aspekt ihrer Poetik bildet die enge Verbundenheit zur Spracharbeit oder wie die Autorin dies selbst zum Ausdruck bringt: „Ich habe nur ein einziges Verhältnis, das zur Sprache.“ (Die Leere öffnen, 2006) Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Theatertext Über Tiere, einem jüngeren Stück der Autorin, welchem bisher innerhalb der literaturwissenschaftlichen Forschung nur selten Beachtung geschenkt worden ist, auseinander. Bei dem Stück handelt es sich um eine „Textfläche“, ein rein auf die Sprache und „das Sprechen“ konzentriertes Konzept, das Jelinek selbst für ihre Theatertexte entwickelt hat. Diese Textflächen montiert Jelinek mit nahezu kompositorischer Sorgfalt aus diskursiven Material, Zitaten und eigenem Schreiben. Ausgehend von Elfriede Jelineks Dramenästhetik, die zu Beginn aus Sicht der bisherigen Forschung sowie anschließend anhand von theaterprogrammatischen Essays der Autorin beleuchtet wird, wird in der Arbeit eine Analyse des Stückes Über Tiere, mit Fokus auf die kompositorischen Textverfahren Jelineks, versucht. Ziel der Arbeit ist es, basierend auf der Untersuchung von der im Stück angewandten Spracharbeit sowie einer Analyse der Struktur des Theatertextes, die rein durch die sprachliche Ebene transportiert wird, aufzuzeigen, weshalb Über Tiere als Text für das Theater zu sehen ist.

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13.9.2013

Agnieszka Jezierska: „Jelinek auf Polnisch. Übersetzungen und Inszenierungen”

Tagungsbericht

Im Rahmen des kulturell-wissenschaftlichen Projekts Dom Jelinek (Jelineks Haus), das für den Zeitraum 20.-30. April 2013 in Bydgoszcz (Bromberg) geplant war, fand am 23. und 24. April 2013 eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema Jelinek po polsku. Tłumaczenia i inscenizacje (Jelinek auf Polnisch. Übersetzungen und Inszenierungen) statt, an der sich zwölf Jelinek-ForscherInnen und -ÜbersetzerInnen beteiligten.
Das Ziel der Tagung war eine Zusammenfassung der polnischen Jelinek-Rezeption und interdisziplinäre Diskussion über die Präsenz und Aufnahme ihrer Werke in Polen, über die Problematik der Übersetzung ihrer Texte sowie über die Inszenierungen ihrer Stücke auf polnischen Bühnen.
Es war das zweite Jelinek-Symposium in Bydgoszcz (Bromberg), das vorige Ich rede und rede. Elfriede Jelineks theatralische Masken fand 2007 statt. Partner des Projekts waren das Österreichische  Kulturforum Warschau, Teatr Polski Bydgoszcz und Universität Bydgoszcz. Wie 2007 wurde auch diesmal das wissenschaftliche Konzept der Konferenz von Monika Szczepaniak, einer international anerkannten Jelinek-Forscherin, entwickelt.
Anna Majkiewicz, Częstochowa (Tschenstochau), Recepcja prozy Elfriede Jelinek w Polsce (Rezeption von Jelineks Prosa in Polen) zeigte in einer quantitativen Untersuchung Jelineks Prosa im Spiegel der polnischen Presse, wobei sie die Nobelpreisverleihung als eine wichtige Zäsur deutete; als vorläufiges Fazit stellte die Forscherin fest, dass das Interesse an Jelineks Schaffen in Polen allmählich schwindet.
Bożena Chołuj, Warszawa (Warschau)/Frankfurt/Oder, Ciało czy postcielesność – u Jelinek i w jej polskich wersjach (Körper vs. Postkörperlichkeit – in Originaltexten von Elfriede Jelinek und in den Übersetzungen ins Polnische) untersuchte mithilfe der Thesen von Judith Butler die Phänomene „Körper“ und „Postkörperlichkeit“ in Jelineks literarischen (Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft und Die Klavierspielerin) und essayistischen Texten, und beäugte kritisch manche der polnischen Übersetzungen, in denen diese Unterscheidung ausgeblendet werden.
Der Theaterwissenschaftler Artur Duda, Toruń (Thorn), „Babel“ Elfriede Jelinek w inscenizacji Mai Kleczewskiej w kontekście recepcji dramatu austriackiego w Polsce (Elfriede Jelineks „Babel“ in der Inszenierung von Maja Kleczewska im Kontext der Rezeption von österreichischen Dramen in Polen) präsentierte einen Überblick über die österreichischen Dramen, die auf polnischen Bühnen aufgeführt wurden, wobei er die Verdienste von Erwin Axer und Krystian Lupa stark unterstrich und auf die möglichen Hindernisse für den großen Durchbruch der österreichischen „Texte für das Theater“ in Polen hinwies, vor allem auf die traditionelle Schauspielkunst, die an manchen Theatern in Polen immer noch Vorrang hat. In diesem Kontext wurden die Aufführungen von Maja Kleczewska als Fortsetzung eines positiven Trends begrüßt.
Anna Rutka, Lublin, „Zostało nam Wielkie Nic“. Kupieckie kontrakty – Jelinek ekonomiczna na polskiej scenie („Es ist uns ein groβes Nichts geblieben. Die „ökonomische“ Jelinek auf einer polnischen Bühne) schloss sich diesen Überlegungen thematisch an, indem sie eine polnische Aufführung ins Visier nahm, und zwar die Warschauer Inszenierung von Die Kontrakte des Kaufmanns (Kupieckie kontrakty, übers. von Mateusz Borowski und Małgorzata Sugiera, Regie Paweł Miśkiewicz, Teatr Dramatyczny Warszawa, Uraufführung: 03.03.2012), die sie mit der Hamburger Aufführung von Nicolas Stemann (2009, Thalia Theater Hamburg) verglich. Als ein markanter Unterschied wurde u. a. der Verzicht auf den „Chor der Greise“ in der polnischen Inszenierung genannt.
Agnieszka Jezierska, Warszawa (Warschau), Wielogłosowość Jelinek a kwestia przekładu (Jelineks Vielstimmigkeit und die Frage der Übersetzung) berichtete von der Ungleichheit der polnischen und deutschsprachigen Tradition u. a. im Verlagswesen, die die Jelinek-Rezeption in Polen erheblich beeinträchtigt, insbesondere von den (fehlenden) architextuellen Hinweisen und von gewissen literarischen Genres, auf die sich Jelinek in ihrem Schaffen bezieht (u. a. Heimatroman, Unterhaltungsliteratur), die aber in der polnischen Gattungslehre und Tradition keine genauen Entsprechungen finden.
Ein breites Spektrum von translatorischen Schwierigkeiten kam in mehreren Referaten zum Vorschein. In ihrem Vortrag gewährte Agnieszka Kowaluk, München, Textflächen i Erzählgewässer, czyli co się kryje pod powierzchnią górskich jezior. O tłumaczeniu Dzieci umarłych“ i „Żądzy“ („Textflächen“ und „Erzählgewässer“, also was verbirgt sich unter der Oberfläche der Gebirgsseen) einen Einblick in ihre Werkstatt: sie brachte ihre Zweifel ans Tageslicht, die sie bei der Übertragung von Die Kinder der Toten und Gier begleitet hatten also bei den zwei umfangreichsten Romanen Jelineks, die in Papierform erschienen.
Karolina Bikont, Warszawa (Warschau), Kluczowe zdania w Podróży zimowej“ Elfriede Jelinek (Schlüsselsätze in Elfriede Jelineks „Winterreise“) präsentierte ihre subjektive Wahl der wichtigsten Sätze in Jelineks Winterreise.
Einen Schwerpunkt bildeten Referate der ÜbersetzerInnen von Jelineks Essays. Marek Cieszkowski, Bygdoszcz (Bromberg), O czarowaniu słowem i roz-czarowaniach tłumaczy (Vom Täuschen mit Wörtern und Ent-täuschungen der Übersetzer) stellte ein linguistisches Konzept der Äquivalenz dar und erörterte in diesem Kontext seine Strategie der Übersetzung von Jelineks Sprachspielen im Essay sich mit der Sprache spielen. Johann Nestroy.
Auch Tomasz Ososiński, Warszawa (Warschau), „Regał na Kafkę czy „Regał dla Kafki – problemy z przekładem przemówienia Elfriede Jelinek z okazji odebrania nagrody im. F. Kafki („Ein Regal für Kafka(s Bücher)“ – Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Jelineks Kafka-Preisrede) veranschaulichte anhand einiger Beispiele seine translatorischen Entscheidungen in der polnischen Fassung von Jelineks Kafkapreisrede und erläuterte seine Versuche, die intertextuellen Anspielungen auch in der polnischen Fassung zu retten.
Artur Pełka, Łódź (Lodz), Znoszenie. Jelinek. Między Büchnerem a Heideggerem (Aufheben. Jelinek. Zwischen Büchner und Heidegger) schlug eine Interpretation der von ihm übersetzten Büchnerpreisrede vor, im Hinblick auf Jelineks politisches Engagement und ihre Heidegger-Rezeption.
Anna Wołkowicz, Warszawa (Warschau), Mistycyzmy we wstępie do „Wyboru Jelinek“ (Mystizismen in der Vorrede zu „Jelineks Wahl“) wies auf zahlreiche Heideggerismen und vor allem auf die bisher in der Forschung nicht recherchierten Mystizismen in Jelineks Vorrede zum Band Jelineks Wahl hin.
Die Vortragsreihe schloss Monika Szczepaniak, Bydgoszcz (Bromberg) mit einem Beitrag unter dem vielsagenden Titel Tłumacz na spalonym. Refleksja o tłumaczeniu mowy noblowskiej (Der Übersetzer im Abseits. Randbemerkungen zur Übersetzung der Nobelpreisrede). Szczepaniak reflektierte in einem an Jelineks Oeuvre geschulten Stil in einer essayistischen und sehr persönlichen Form über ihre Arbeit an der Übertragung von Jelineks Nobelpreisrede Im Abseits. Den Ausgangspunkt für ihre Überlegungen lieferte die von Paul de Man vorgeschlagene Deutung der kanonischen Formel Walter Benjamins: „Die Aufgabe des Übersetzers“, wo „Aufgabe“ als permanentes „Aufgeben“ fungiert.
Eine weitere, diesmal nicht akademische Dimension der Konferenz manifestierte sich in der Wahl des Tagungsraumes: alle Vorträge wurden im Foyer des Teatr Polski in Bydgoszcz gehalten, wodurch eine Verbindung zwischen Theorie (akademisches Fachwissen) und Praxis (Theater und Aufführungen) entstand. Den bilateralen Transfer zwischen Wissenschaft und Theaterwesen thematisierte auch Paweł Sztarbowski, der Vizedirektor des Teatr Polski in seiner Begrüßung der TeilnehmerInnen und Gäste.
Die Tagung wurde von mehreren Veranstaltungen begleitet, der Vorstellung des neuen Bandes von Elfriede Jelinek Babel. Podróż zimowa (übersetzt von Karolina Bikont, mit einer Einführung von Monika Szczepaniak, erschienen im Verlag ADiT, Warszawa 2013) sowie den beiden Theateraufführungen: Podróż zimowa (Winterreise, Regie Maja Kleczewska) und O zwierzętach (Über Tiere, Regie Łukasz Chotkowski, beide Texte übers. von K. Bikont). Durch letztere Aufführung entstand eine Verbindung zu der vorigen Jelinek-Konferenz in Bydgoszcz. Im Jahre 2007 wurde als Ergänzung der Tagung der „Text für das Theater“ Über Tiere als szenische Lesung auf Polnisch uraufgeführt.
Zum Schluss nahmen die ReferentInnen an einer Diskussion mit dem namhaften Regisseur Krystian Lupa teil, der u.a. von seiner Hassliebe zu Jelinek berichtete.
Geplant ist ein Tagungsband, der 2013/2014 im Verlagshaus Wydawnictwo UKW erscheinen soll, voraussichtlich ergänzt um Beiträge von Joanna Drynda, Małgorzata Sugiera und Lucyna Wille.

Bydgoszcz, 8.8.2013

Agnieszka Jezierska ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Studium der Germanistik und Polonistik in Warschau. Dissertation zur Bedeutungsverdichtung in Elfriede Jelineks Prosa.