Erna Pfeiffer: Einen „Neid“ will sie sich machen

Auf Neid ist mehr Verlass als auf Solidarität
Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger

Mein erster Eindruck von diesem „Privatroman“ im Inter-nett, der so gar nicht nett zu lesen ist: Dieser Neid ist ein Fass ohne Boden, etwas Un-Fass-Bares. Zwar hat der spanische Philosoph und Dichter Miguel de Unamuno einmal gesagt, der Neid sei eine typisch spanische Krankheit (bzw. Todsünde, wenn man es auf Katholisch ausdrücken möchte), aber ganz so spanisch kann dieses Laster, dieser Laster, der immer wieder über uns drüberfährt, uns gelernten ÖsterreicherInnen doch nicht vorkommen. Hat schon was auf sich, die österr. Neidgesellschaft, der Jelinek mit ihrem ausschweifenden, geradezu schwadronierenden (beschwörenden?) Diskurs beizukommen versucht, was natürlich ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen ist, da man den Neid halt schwer zu fassen bekommt, und wenn schon, dann nur als abgerissenes, weggeschmissenes Papierl, das uns seinerseits, scheint’s, papierln möchte. Dieses Gleiten und Hetzen zugleich, diese Hetz, die keine ist (und wenn schon, dann eher ein Gehetztsein), führt uns auf Um-, Irr- und Abwegen in ein abgelegenes, entlegenes und ach zu stilles steirisches Tal und insbesondere zu einem Berg, der jeder Volksschülerin hierzulande ein Begriff ist. Doch wie heißt es schon im Volksmund, dessen Stimme ja bekanntlich Gottes ist: „Marmor, Stein und Eisen bricht“ – und ich möchte so gern dazufügen: „aber unsre Elfriede nicht!“, wenn sich nicht gerade an diesem Text zeigen würde, dass sie sehr wohl bricht, in mehrfacher Hinsicht: Es bricht aus ihr heraus, aus diesem „Kotzbühel“, es bricht sich an ihr, und sie selbst droht zeitweilig zu zerbrechen an dieser Kotzbrühe. Der Text, besser gesagt: die Rede (denn um einen pseudo-oralen Diskurs handelt es sich ja offenbar, auch wenn er sich an einen „mündigen Leser“ oder mitunter an ein „liebes Tagebuch“ zu richten scheint), erschallt in unaufhörlichem Schwall ex copia verborum, wie mein schon verstorbener, humanistisch gebildeter Lehrer (er spielte übrigens Orgel, nicht Geige) so schön klassisch zu sagen pflegte.
Diese copia ist auch wörtlich beim Kragen der Bedeutung zu nehmen, denn Vieles, was wir hier lesen, klingt uns bekannt, ist Nachhall aus Jelineks eigenem Schaffen und so vielen anderen Stimmen, die sie schon durch ihre Sprach-Wurstmaschine gedreht hat, ist wörtliches Zitat und Wiederaufgekochtes aus früheren Werken, bis hin zu den Sprachspielen aus Lust und der Klavierspielerin, die sich hier flugs in eine Geigenlehrerin verwandelt hat. Elfriede findet keinen Frieden, dreht Endlosschleifen aus Jelinek, Jelinek & Jelinek um den steirischen Erzberg herum, sich in seine Tiefen hineinverbohrend, an den Untiefen des grünen Sees (der allerdings seine historischen Abgründe birgt) strandend. Zuweilen haben wir das Gefühl, in ein Rosenkranzgemurmel von (pardon!) Waschweibern geraten zu sein, in ein Nach- und Vorbeten, ein subtiles Gewäsch, das allen den Pelz wäscht, auch sich selbst – eine Reiz-Wäsche weit jenseits der Reizschwelle. Denn die (nach eigenen Worten) alternde Autorin selbst, die hier in der Ichform spricht und sich immer wieder beim eigenen Namen nennt (ob als E.J. oder schlicht „Elfriede“), kommt auch nicht gut weg, sie lässt an sich kein gutes Haar und findet stets neue in der alten, abgestandenen Einmachsuppe, diesem Österreich- und Steiermark-Eintopf, der uns den Appetit auf Schweinsbraten und Schnitzel so gründlich verdirbt. Der Hauptfigur, Brigitte K., vermag es so gar nicht zu gelingen, sich als Subjekt (nicht einmal als Objekt!) zu konstituieren, aus dieser brodelnden Suppe hervorzusteigen, die ihrerseits aus dem kochenden Volksmund gebrochen emporsteigt, aus diesem Hexenkessel eines heruntergekommenen Landes. Dieser Verschnitt aus brigitte (aus Die Liebehaberinnen), Erika (aus Die Klavierspielerin) und dem Kafkaschen K., sie ist zwar Geigenlehrerin, geigt uns aber zumindest bis jetzt[1] nichts auf, es wird ihr eher heimgegeigt in dieses Heim, das keines mehr ist, dieses Un-Heimliche, das so manches heimlich zu Verbergende verbirgt. Ist sie ein Heimchen am Herd? Nein, sie ist ja schon von einer Jüngeren ersetzt worden, die im Gegensatz zu ihr auch ein Kind hervorgebracht hat, also „pro-duktiv“ (probiotisch?) geworden ist im Sinne des Patriarchats, das E.J. so erbarmungslos seziert:

Eine Frau ist und bleibt eine Frau, weil ich von Anfang an, seit ich zum ersten Mal ein Blatt Papier erblickte, dem Geschlecht, siehe oben, falls Sie es überheblich überlesen haben, eben den Vorrang vor anderen Differenzierungsmerkmalen gegeben habe. (1,42)

Frauen, nichts als Frauen sie alle, also nichts und niemand. (1,58)

…ich meine die dem Tempel der Hausarbeit geweihte Frau, egal welche und egal welche Arbeit, denn die Frau ist ihre Arbeit, der Mann ißt ihre Arbeit… (2,1)

Das alles klingt nach „feministische[r] Geschlechterforschung, die wir nicht verdient haben“ (2,19). Brigitte K. aber – steht K. etwa auch für Kultur? – will nur Geige lehren, wird hingegen ihrerseits, wie es sich gehört für eine einstige Angehörige (oder „Ungehörige“, wie es in Lust hieß), erbarmungslos bis auf ihre conditio feminina (also Lacans „La femme n’existe pas“) geleert.
Zwischen Kleinstadt und Kleinstadt – die eine florierend (Bruck an der Murarmbeuge, also Brücke zwischen Großstadt und allzu flachem Land, wenn auch inmitten der Berge), die andere weggesprengt, ausgehöhlt und untergraben wie ihr Erzberg, der zwar aus Eisen war, jetzt aber auf tönernen Beinen steht – spielt sich die Nicht-Handlung ab, wird verbal verhandelt zwischen verschiedenen Erzähl- und Leseinstanzen (dieses „Sie“, bin das ich?). Der Faden der „Geschichte“ verstrickt sich, bevor er ein roter im Sinne der Arbeiterästhetik werden könnte, zu viel altes Blut klebt an ihm, so dass es schon ganz braun und eingetrocknet worden ist. Die Toten von Bretstein haben kein Brett im Stein, sie schaffen es nicht, in der Er-Innerung in diesem Innerberg lebendig zu werden, nicht einmal ein Zombiedasein à la Kinder der Toten wird ihnen mehr gegönnt, sie sind echt tot und vergessen, „gegessen“. Neid ist ein Sittenbild, aber ohne Aussicht, selbst von diesen Gipfeln, über denen zu viel Ruh herrscht, es be-handelt die Agonie der aussterbenden Arbeiterklasse, das Aussichts-Los derer, die das große Los in dieser Spiel- und Spaßgesellschaft nicht gezogen haben und sich gerade deshalb hineinziehen lassen in den Sog der Dienst-Leistungsgesellschaft, in der wir Getriebene sind (Trieben ist ja auch nicht weit weg, gleich überm Berg!) als Bedienstete mit Leistungsdruck (ganz schön bedient!), zumal in der auch für den Tourismus nahezu unverkäuflichen steirischen Erzgebirgslandschaft, wo auch mit Schifahren, Langlaufen und Snowboarden (Klimawandel sei Dank!) bald nichts mehr los sein wird und nur noch das älteste Dienstleistungsgewerbe der Welt übrig bleibt: Sich verkaufen, prostituieren an die Touristen, die aber nicht kommen, weil die DomRep eine zu starke Konkurrenz darstellt, zumindest solange die Palmen noch nicht vertrocknet oder von Hurrikans ausgerissen, umgeschmissen und in den Dreck gezogen worden sind.
Elfriede Jelinek ist wie immer unerbittlich, sie lässt sich nicht lange bitten und zerlegt ungebeten alle und alles nach Strich und Faden – doch mit Geigenstrich, zartem Geigenstrich, der in dieser Welt der Humptata-Blaskapellen nichts zu melden hat, unterzugehen droht im Gedröhn des noch immer (und jetzt erst recht!) schenkelklopfenden Musikantenstadls. Das ist das eigentlich Beklemmende an der Lektüre von Neid, dass sich zwischen brigitte (aus Die Liebhaberinnen) und Brigitte K. nichts geändert hat, nur dass die Frauenfiguren dreißig Jahre älter geworden sind und – wie der Erzberg – langsam aber sicher zum alten Eisen geschmissen werden. Nicht einmal ein Schaubergwerk lässt sich mehr mit ihnen, in ihnen und durch sie organisieren, an ihrer inneren Wunde, dieser „Amfortaswunde“, die schon dem Mexikanischen Philosophen (und ebenfalls Nobelpreisträger!) Octavio Paz in seinem Labyrinth der Einsamkeit so viel Tiefschürfendes abverlangt hat. Davon schreibt zwar E.J. nicht direkt („Elfriede dixit“) – wie könnte es auch anders sein, wenn sie selber sagt, dass „wir hier dauernd anfangen und nicht weiterkommen“ (2,20) –, aber es könnte durchaus in ihrem Sinne sein, wenn sie versucht, sich „Frauen zu nähern“ (1,41) und der Frage nachzugehen, ob „eine qualitative Veränderung des Geschlechterverhältnisses zumindest theoretisch möglich sein müßte“ (1,40). Darauf dürfen wir gespannt sein, wie das in den folgenden Folgen (und mit welchen Folgen?) nun weitergehen wird.

26. April 2007

Erna Pfeiffer ist Professorin am Institut für Romanistik der Karl Franzens-Universität Graz und Übersetzerin.