Ute Nyssen: Zu NEID, Geschenk von Elfriede Jelinek

Die Lektüre von NEID setzt bei mir als Rezipientin eine gewisse Spontaneität frei, den Wunsch, naiv und unzensiert meine Reaktionen aufzuschreiben. Aber dann arbeitet doch schnell wieder die Schere im Kopf, die lebenslange kritische Lektüreschulung; und übrigens, obwohl der gutgelaunte Text der Autorin E.J. auf den ersten Blick Spontaneität ausstrahlt und vor allem initiiert, regiert auch dort selbstverständlich die Schere (trotz Internet), die lebenslange Schreibschulung nämlich. Zu Inhalt und Gestalt dieses Textes aber will ich aus vielen Gründen schweigen. Viele Melodien klingen für mich bekannt, wie jedoch und zu welchem Bild E.J. das Kaleidoskop schüttelt, das wird man allenfalls am Schluss und nicht nach zwei Kapiteln erkennen können. Ganz allgemein gesprochen bauen ja erst Schlüsse die Schlüssel für Beginn und Verlauf ein, falls sie Schlüssel überhaupt anbieten wollen.
Meines Wissens ganz neu ist die Gattungsbezeichnung „Privatroman“. Darüber werden sicher bald dicke Abhandlungen publiziert. Aber dank der Originalität dieser Gattungserfindung steht dafür zumindest im Augenblick noch keine Schere zur Verfügung, und schon für diese Überraschung und Befreiung bin ich dankbar. Die Veröffentlichung im Internet andererseits scheint mir so augenzwinkernd und getürkt naiv wie der sprachliche Unterhaltungston der Strickarbeit von E.J., denn natürlich druckt sich jeder den Text, und Leserbriefe als Reaktion gibt es auch in der Zeitung. Der Unterschied zum Buch liegt nur im Null-Preis. Das Besondere daran, wie sie selbst anmerkt, ist die Tatsache, dass sie im Netz nicht mangels Buchverlag veröffentlicht (wie doch sonst kennzeichnend für Veröffentlichungen im Selbstverlag), sondern dass sie gezielt und bewusst einen Weg jenseits aller (auch persönlicher) ökonomischen Interessen wählt. Ihre finanzielle Unabhängigkeit als auch ihr literarischer Rang, ein Leben lang mühsam erkämpft, erlauben diesen Schritt in die Freiheit und Überwindung der Not – Selbstverlag –, und so kann man darin sogar die Eröffnung neuer Perspektiven für die literarische Produktion sehen. Allerdings schneidet meine Schere im Kopf diesen Gedanken jetzt schnell wieder ab, ich muss nicht ausführen, warum. Anders als bei privaten Musikveröffentlichungen von Prominenten im Internet aber will sie wohl nicht die Institution Verlag denunzieren, etwa um diese als Ausbeuter armer Leseratten zu überführen. Nein, das steckt bei ihr nicht dahinter, denke ich.
Mit der Gattungsbezeichnung „Privatroman“ wird fingiert, es handele sich um eine Kreuzung aus Tagebuch (der Dichterin E.J., die ihren ersten Auftritt im SPORTSTÜCK hatte) und fiktionalem Schreiben (Figur der Brigitte) und das in Fortsetzungskapiteln wie einstmals z.B. Balzac oder Dickens im populären neuen Medium Zeitung. Die Frage, ob die Autorin Jelinek an neue Leserschichten denkt, kann nur sie selbst beantworten, ich persönlich glaube nicht, dass andere als Buchleser im Internet wegen des Null-Preises schon auf der Lauer liegen, um sich jetzt auf die Lektüre eines Werkes von Elfriede Jelinek zu stürzen. Aber alles nur Fragen meinerseits. Ob sie hofft, sich auf diese Weise der Resonanz durch eine destruktive und teilnahmslose Kritik entziehen und dennoch zumindest ihre bisherigen Leser erreichen zu können? Falls dieser Vertriebsweg zu einer Art Demokratisierung der literarischen Meinungsäußerung führen sollte – womöglich jeweils in Fortsetzung, zu allen Kapiteln –, so glaube ich nicht, dass sie diese anstrebt oder überhaupt zur Kenntnis nehmen wird, abgesehen davon, dass mit der Demokratisierung ein Dilettantisierungsprozess von Kritik impliziert wäre, und von Dilettantismus in einem höchst abfälligen Sinn handeln ja die zwei Kapitel von NEID schon sehr streng. (Ich befinde mich hier Arm in Arm mit E.J. nach einem in der Hinsicht leidvollen persönlichen Berufsleben.) Jedenfalls ergeben sich m.E. auch für den (Tages-)Kritiker mit der neuen Gattung Privatroman neue Perspektiven und Fragen. Zum Beispiel die, ob der Preis eines literarischen Produkts, des Buches, eine oder keine Rolle bei dessen Bewertung spielt. Würde man vielleicht grundsätzlich anders urteilen, wenn es nichts kostet?
Weiter „spontan“ gefragt: was bedeutet eigentlich „privat“? Den Gegensatz zu „öffentlich“? Wird das Private im Roman, falls als Buch veröffentlicht, auf spezifische Weise ausgeblendet, überschichtet, abstrahiert, objektiviert? Und was bedeutet „Roman“? Noch im 18. Jahrhundert, in dem noch nicht von „Literatur“ die Rede war, sprach man bei Roman, Erzählung, Epos etc. von: Poesie. (Bitte keine halbgelehrten Abhandlungen jetzt, rufe ich mir zu. Zu Roman oder Poesie siehe dann dicke Abhandlung.) Die Figur der Brigitte jedenfalls ist eine Romanfigur, die auf einer anderen Bühne auftritt als das Ich des Textes. Dieses Ich wiederum spricht nur als ein professionelles Ich, mit dem Beruf Dichterin (und Chronistin). Über etwas Privates, von einem Intimbereich, von einer nicht veröffentlichbaren und vor der Öffentlichkeit geschützten Sphäre plaudert in den zwei Kapiteln niemand. Mit anderen Worten: auch E.J. ist eine literarische Figur. Aber da bin ich doch schon bei Inhalt und Gestalt des Textes. Ich möchte hier schließen und nur anmerken, dass ich am meisten gespannt bin auf die Fortführung der Geschichte von Brigitte, dem Kunstgeschöpf von Elfriede Jelinek (nach welchem lebendigen Modell auch immer), denn ich bin eigentlich Verehrerin der Fiktion, altfränkisch gesagt: der Phantasie, ohne unbedingt den Strom der freien Rede zur Zeitgeschichte abschneiden zu wollen; „so, Ende der Vorstellung, nein, das ist noch lange nicht das Ende, ich fange erst an, o Gott, wer hält mich auf“, dieser schöne Satz gehört wie sehr viele in diesen zwei Kapiteln aufs Handtuch gestickt, denn wer hat sich nicht schon oft und oft wie E.J. (und jetzt auch ich) dasselbe geschworen und sogleich den Schwur gebrochen, sie aber bringt den Seufzer zur Sprache und auf den Punkt.

3. Mai 2007

Ute Nyssen (Paris) leitete zusammen mit Jürgen Bansemer den Theaterverlag Nyssen & Bansemer und war lange Jahre Elfriede Jelineks Theaterverlegerin.