Norbert Bachleitner: Elfriedes Romanblog

Selbstverlag: Die Privatisierung der Literatur

Der neue Roman von Elfriede Jelinek ist laut Untertitel ein Privatroman, das bedeutet, glaubt man der Verfasserin, zweierlei: dass mehr Privates als sonst in den Text einfließt und dass er gewissermaßen im Selbstverlag erscheint. (Interview in der FAZ, 17.4.2007) Die erste Behauptung ist nicht nachzuprüfen, vielleicht wird sich die Philologie in einigen Jahrzehnten auf die Spurensuche machen, wie sie das einst im Fall von Goethe und anderen Klassikern getan hat; bis dahin muss man solchen Beteuerungen einfach glauben (oder auch nicht). Denn, dass eine Erzählerin einmal in Klammern E. J. einfügt (Neid 1,16) und sich ein anderes Mal als Elfriede outet (Neid 1,36), erhöht den Authentizitätsgrad nicht ernsthaft. Selbstverlag ist eine Veröffentlichung im Internet aber allemal. Aus der langen Vorgeschichte dieser Veröffentlichungsform sei nur Klopstock erwähnt, der 1772/73 seine Gelehrtenrepublik auf diese Weise vertrieb. Er erhoffte sich davon Gewinn durch eine hohe Zahl von Subskribenten, die er persönlich anschrieb (und er hatte Erfolg damit). Allerdings muss man auch daran erinnern, dass die Mehrzahl der Subskribenten bodenlos enttäuscht von dem schwer verständlichen und trockenen Buch war. Selbstverlag war immer auch schon Produktion von im regulären Verlagswesen nur schwer oder gar nicht unterzubringenden Texten. Im Internet ruft Selbstverlag dagegen bereits als erste Assoziation die bei mehr oder weniger talentierten Amateuren seit einigen Jahren beliebte Form des blogs hervor. Manche stellen ihre Fotos von der Hochzeit, von familiären Neuzugängen, vom Urlaub, vom neuen Fertigteilhaus und andere atemberaubende news ins Netz, manche nützen das willige Medium, um ihre literarischen Erzeugnisse zu offerieren. Das ist eine Form von ‚Privatisierung‘, die, wie oft hervorgehoben, einen Schritt zur Demokratisierung der Literatur bedeutet. Sie hat zwar den Namen mit der Privatisierung der Pensionsvorsorge, der Kultur, der Wissenschaft usw. – kurz: aller Lebensbereiche, um die sich der Staat früher einmal gesorgt hat, gemeinsam, aber zum Glück geht es hier nicht um die Bekämpfung von Budgetdefiziten von AutorInnen wie zum Beispiel bei Klopstock, im Gegenteil, wie Literatur im Internet generell, kann man Neid kostenlos lesen (und sogar ausdrucken).

Flickering signifiers

Das ist schön, die Veröffentlichungsform hat aber auch einen Haken. Man muss schnell zuklicken, sonst ist der Text vielleicht wieder weg. Es ist beinahe schon ein Gemeinplatz, dass das wichtigste Merkmal von Literatur im digitalen Medium die Flüchtigkeit ist. Die Texte bestehen aus instabilen „flickering signifiers“ (N. Katherine Hayles), die sich keiner permanenten Existenz erfreuen, sondern, je nach Bildschirmqualität, ca. 100 mal pro Sekunde von der Bildfläche verschwinden. Zudem werden sie spätestens bei der nächsten Stromunterbrechung zur Gänze gelöscht. AutorInnen, die für das Netz schreiben, sind sich dieses Umstandes bewusst. Fast regelmäßig kommt es zu selbstreflexiven Auseinandersetzungen mit den Folgen, die die Launenhaftigkeit der elektronisch generiertren Buchstaben für das Schreiben hat. Auch Jelinek weist wiederholt darauf hin. Während die vanitas des elektronischen Textes meist bedauert wird, betrachtet die Autorin von Neid die Vorstellung, ihren Text jederzeit löschen, also zurücknehmen zu können, als tröstlich: „Außerdem behalte ich mir vor, falls ich scheitere oder zu scheitern glaube, den Roman als Torso einfach so stehenzulassen, ihn nachträglich umzuschreiben oder ihn einfach aus dem Netz zu nehmen, falls ich das möchte beziehungsweise falls ich es nicht aushalte, dass er da einfach so steht und blöd aus dem Bildschirm herausglotzt.“ (Interview in der FAZ, 17.4.2007) Im Roman wird mehrmals auf das Transitorische dieses Aufschreibesystems hingewiesen: man sollte den Roman lieber rasch verzehren (Neid 1,51), bevor seine Verfasserin auf die Idee kommt, ihn wieder aus dem Regal zu nehmen. Andererseits kann man ihn selbst sehr leicht beseitigen, indem man auf das kleine Kreuz rechts oben am Bildschirm klickt, was die Autorin sarkastisch mit der Liquidierung von 29 Verwandten anno dazumals vergleicht (Neid 1,60). Weitere selbstreflexive Bemerkungen betreffen die vergleichsweise große Freiheit im neuen Medium, in dem einem niemand etwas zu schreiben verbieten kann (Neid, 1,61), und die Frage des Publikums, das hier erreicht werden kann. Das ist tatsächlich ein interessanter Punkt, der eine empirische Untersuchung wert wäre. Die Quantität der Zugriffe ist einfach zu ermitteln, aber wer sind die online-Leser von Neid? Unterscheiden sie sich von den Jelinek-Buchlesern und -leserinnen? Und wenn ja, inwiefern? Zu denken ist an Jugendliche, die idealtypischen dauersurfenden Internetkids. Aber Jelinek ist wohl zu Recht skeptisch, dass sie dieses Publikum für sich gewinnen kann. (Neid, 1,70)

Eine ungenützte Chance?

Unverständlich ist, warum die Verfasserin nicht die Gelegenheit ergriffen hat, um die Möglichkeiten des Schreibens im Cyberspace zu nützen. Einige unvorgreifliche Ideen: Hyperlinks drängen sich geradezu auf, wenn von der Erforschmaschine Gucki oder der Guckmaschine Wiki die Rede ist (Neid, 1,4 und 7). Außerdem hätten auf diese Weise Referenzen auf den Kontext konkretisiert werden können, zum Beispiel in Form von Links zum Wikipediaeintrag über den heimlichen Helden des Romans, den steirischen Erzberg. Auch wenn es um die Authentifizierung des im Text wiederholt erwähnten Todesmarsches geht (z. B. Neid, 1,24), hätten Links zu allfälligen Dokumenten ihren Reiz, um die Feststellung, dass „das“ ausnahmsweise stimme, zu untermauern. In einem Roman, von dem die Verfasserin zugibt, dass das meiste nicht von ihr stammt (Neid, 1,30), wären solche Verfahren durchaus angebracht. Abgesehen von den Außenreferenzen könnte man sich den Text selbst gut als Hypertext organisiert vorstellen. Die Roman-Handlung ist minimal – ob man etwas früher oder später erfährt, dass Brigitte K. der wohlhabende Geschäftsinhaber von einer Sekretärin weggeschnappt wurde, macht wohl kaum einen großen Unterschied. Und: dem Bildschirm angepasste Textportionen statt siebzig abatzloser Seiten am Stück würden den Lesekomfort stark anheben. Aber wahrscheinlich widerspräche eine solche formale Ausgestaltung der Idee eines nur provisorisch hingeworfenen und jederzeit rückrufbaren ‚Privatromans‘.

21. Mai 2007

Norbert Bachleitner ist Leiter der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien.

Weiterführende Literatur

Christiane Heibach: Literatur im elektronischen Raum. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003 (stw 1605).
Roberto Simanowski: Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002 (es 2247).