Johannes Mathä: Fortschreibung des antiken Botenberichts in Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“

Diplomarbeit

In vielen Werken Elfriede Jelineks beruft sich die Autorin auf Themen, Motive und Texte der griechischen und römischen Antike. Vor allem in den Theaterstücken kann man die Rezeption antiker Stoffe immer wieder beobachten. Der Dramentext Rechnitz (Der Würgeengel) sticht dabei besonders heraus, weil dieses Theaterstück nicht nur durch Textzitate aus verschiedenen griechischen und römischen Quellen (z.B. Die Bakchen von Euripides) einen Bezug zur Antike herstellt. Der Text ist zudem in Form eines Botenberichts geschrieben, Jelinek verarbeitet also auch eine antike Textsorte in Rechnitz (Der Würgeengel). Grundsätzlich wird der antike Botenbericht auf zweierlei Art und Weise in Rechnitz (Der Würgeengel) verarbeitet. Einerseits werden Zitate aus den Botenberichten der Euripides-Tragödie Die Bakchen in den Text integriert. Andererseits gestaltet Jelinek das gesamte Stück als antiken Botenbericht. Die Zitate aus Die Bakchen dienen unterschiedlichen Zwecken: Sie sollen zunächst historische Ereignisse unglaubwürdig erscheinen lassen, indem sie mit mythischen – und daher „unglaubwürdigen“ – Textstellen aus der Euripides-Tragödie parallelisiert werden. Aber viele Zitate aus den Botenberichten zielen vor allem darauf ab, die grausame Ermordung der 180 jüdischen Zwangsarbeiter beim Massaker von Rechnitz mit dem rauschhaften Treiben der Mänaden in Die Bakchen zu verbinden, dabei werden Königin Agaue aus der antiken Tragödie und Gräfin Margit Batthyány, der Besitzerin des Schlosses Rechnitz, enggeführt. Bei der formalen Rezeption des Botenberichts greift Elfriede Jelinek auf spezielle Eigenschaften dieser Textsorte zurück. Die Berichtrede ist eine eingeschränkte Präsentation, man spricht dabei von den Einschränkungen des Orts, des Zugangs und des Verständnisses. Betrachtet man den Boten als ein Objekt der Medientheorie, kann zudem festgestellt werden, dass der klassische Botenbericht fünf wichtige Eigenschaften besitzt: Distanz, Heteronomie, Drittheit, Materialität und Indifferenz. Bei der Konzeption von Rechnitz (Der Würgeengel) rezipiert Jelinek diese Charakteristika auf sehr eigenständige Weise. Die Boten überbetonen die Einschränkungen und wollen bewusst von ihrer eigenen Beteiligung ablenken. Der gesamte Bericht dient zur Vertuschung und Leugnung der grausamen Morde im Rechnitz der letzten Kriegstage. Die medientheoretischen Untersuchungen liefern ähnliche Ergebnisse. Die einzelnen Kategorien werden unterschiedlich und unorthodox gedeutet, doch werden sie kaum verletzt. Man kann in Rechnitz (Der Würgeengel) zwar nicht unbedingt von einer räumlichen Distanz zwischen Sender und Empfänger sprechen, doch spielt die zeitliche Distanz eine bedeutende Rolle. Die Frage der Heteronomie berührt die Fragestellung nach der Schuld der Boten: zwar sind die Boten bei Jelinek nicht in der Art fremdbestimmt wie im klassischen Botengang, jedoch kann man durch Meinungen und Klischees von einer impliziten Heteronomie sprechen. Bei den Kategorien Drittheit und Materialität lassen sich ebenfalls Bedeutungsverschiebungen feststellen, die Kategorie der Indifferenz wird aber verletzt. Das dient vor allem dazu, den Verdrängungsdiskurs des Stückes zu verstärken. Die Boten in Rechnitz (Der Würgeengel) fungieren auch als Geschichtsboten. Darunter versteht man, dass die Berichte der Boten verschiedenste Zeitebenen miteinander verschränken und assoziativ zwischen diesen wechseln. Der Bericht wird zu einem polyphonen Geflecht unterschiedlicher Diskurse. Jelinek zeigt so ein Geschichtsbild, das auf vage Meinungen und Klischees aufbaut und betont dadurch gerade die Brüchigkeit eines solchen Bildes. Die Bedeutung der Botenberichtsform ist für die Konzeption von Rechnitz von entscheidender Wichtigkeit. Sie erst schafft den passenden Rahmen, um den Verdrängungsdiskurs der Rechnitzer (und damit der österreichischen) Bevölkerung auf der Bühne darzustellen.

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