Katalin Nagy-György: Der Erfolg ist ein Status. Jelinek als Antibestseller?

Das Ziel dieser Studie ist das Oeuvre von Elfriede Jelinek in der Bestsellerliteratur zu positionieren, indem wir die Antworten auf die folgenden Fragen suchen. Was kann als Bestseller bezeichnet werden? Gibt es eine eindeutige Grenze zwischen Bestseller und Belletristik? Verändert die Bezeichnung Bestseller den literarischen Wert eines Buches? Wie konnte der Roman Lust der Schriftstellerin zu seiner Zeit so erfolgreich werden?
Die Bücher können theoretisch als Bestseller bezeichnet werden, die in einem bestimmten Zeitraum von den meisten Menschen gekauft wurden und die höchsten Auflagen erreicht haben. (Diesem Gedankengang folgend kann ein Buch nicht als Bestseller gelten, welches von einem Mäzen des Schriftstellers in einer hohen Auflage aufgekauft wird.) Tatsächlich handelt es sich aber um eine viel komplexere Fragestellung. Um den Bestseller verstehen zu können, muss erstmal geklärt werden, was „Ausgabe“(Hardback, Paperback, Serienausgaben) „Zeitspanne“(Monat der Erscheinung auf dem Büchermarkt, ein Jahr, das zwanzigste Jahrhundert) und der literarischer Wert eines Buches (Belletristik oder Trivialliteratur) bedeutet.
Andere Aspekte können auch dazu beitragen, dass ein Buch den Aufstieg in die Bestsellerliste schafft. Eine Hetzkampagne oder Schmutzkampagne der Medien kann auch zu einer breiten Leserschaft eines bestimmten Themas, Schriftstellers oder Buches beitragen, denn eine negative Werbung erhebt das Interesse der potenziellen Leser vielleicht noch mehr. Jelinek wurde oft von der Boulevardpresse (mit besonderer Hinsicht auf die Wiener Kronenzeitung) angegriffen und hat das Augenmerk der Öffentlichkeit auf die Schriftstellerin gerichtet. Mal erschien sie als Opfer, mal als Täter (Nestbeschmutzerin) oder aber sie wurde von den Lesern beschützt auf den Spalten der Tageszeitung.
Es kann vorkommen, dass die Leserschaft eines Autors nach der Übernahme eines wichtigen Preises um ein erhebliches zunimmt. Dann stellt sich die Frage, was man als reale Angaben betrachten soll: die Anzahl der Leser vor oder nach der Übergabe des Preises? Sollten vielleicht beide Daten in Betracht gezogen werden? Elfriede Jelinek machte mit ihren Romanen bis zur Verleihung des Nobelpreises (2004) ausgesprochen wenig Umsatz, sie wurden auch konsequent als Paperbacks publiziert. (Als Ausnahmen unter ihren elf Romanen gelten Lust (1989)und Gier(2000), welche noch bevor sie erschienen sind, sehr viel Aufsehen erregt haben.) Die Anzahl der verkauften Bücher der Schriftstellerin nahm erheblich zu nachdem ihr der Nobelpreis verliehen wurde. Auf der Seite von Amazon Online kamen plötzlich drei ihrer Bücher unter den Top 10 und insgesamt fünf ihrer Bücher wurden von den Lesern als das meist gelesene Buch angegeben. Die Klavierspielerin kam auf den zweiten, Die Liebhaberinnen auf den neunten Platz, Lust auf Platz zehn, Gier auf zwölf, Kinder der Toten kam auf Platz achtzehn. Vor dem Nobelpreis war Lust der Meistverkaufte Roman der Schriftstellerin. Nach dem Verleih des berühmten Preises überholten es Die Liebhaberinnen und Die Klavierspielerin auf der Bestsellerliste. Es wäre interessant herauszufinden ob die Bücher, die den größten Widerhall in der Presse bekamen, überhaupt gelesen werden. „Bestseller“ bedeutet wortwörtlich das meistverkaufte Buch, die Leserzahl ist im englischen Wort unwichtig. Jelinek hat in ihren Interviews, als sie auf die erhöhten Verkaufszahlen zu sprechen kam, oft darauf hingedeutet, dass sie sich überhaupt nicht sicher sei, ob ihre verkauften Bücher auch gelesen werden. Der Erfolg eines Künstlers ist, wenn seine Werke vom jeweiligen Publikum verinnerlicht werden. Misst sich der Erfolg aus dem Blickwinkel des Autors an den verkauften oder gelesenen Büchern?

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