Sabine Schrammel: Elfriede Jelineks Leidenschaft zu Franz Schubert und das daraus entstandene Theaterstück „Winterreise“

Seminararbeit

„Was zieht da mit, was zieht da mit mir mit, was zieht da an mir?“1)  So beginnt Jelinek ihre Winterreise. Es ist die Zeit und ihr unaufhörliches Vergehen, das an dem „Ich“ zerrt. Und es ist die Musik, die das Vergehen der Zeit, diese Zeitpeitsche, hörbar macht.
Ausgehend von Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise aus dem gleichnamigen Gedicht von Wilhelm Müller schafft Elfriede Jelinek ihr ganz persönliches Theaterstück und vereint darin zahlreiche Motive, die sie bewegen und bewegten. Die Rolle des Künstlers im Abseits und das Ausgestoßensein ist es, was Jelinek an Schubert so fasziniert. Von Schubert als Komponist und Genie im Abseits ausgehend reflektiert Jelinek über ihr eigenes Schaffen, das sich ständig im Kreis dreht, obwohl die Zeit unentwegt fortschreitet.
Wie Schubert seinen einsamen Wanderer durch die Winterlandschaft ziehen lässt, schickt auch Jelinek ihr „Ich“ auf eine Reise durch das Labyrinth der modernen Zeit. Dabei begegnet es tagesaktuellen Geschehnissen in Österreich, in deren Beschreibung sich Elfriede Jelinek in gewohnter Manier kein Blatt vor den Mund nimmt. Der Bankenskandal um die Hypo Alpe Adria, die Entführung und Rückkehr der Natascha Kampusch oder der Touristenhype auf Österreichs Schipisten sind Ereignisse, die Elfriede Jelinek in typisch-ironischem Ton zu kriti-sieren vermag.
Am Ende der Winterreise reflektiert sie selbst über sich als Autorin in der Rolle der ausgestoßenen Leierfrau, deren Leier keiner mehr hören will. Doch wie Schubert bleibt sie dennoch ihrem Stil treu und enthält sich dem Literatur-Mainstream der modernen Zeit. „Fremd eingezogen, fremd ausgezogen, die Leier drehend, immer dieselbe Leier, immer dasselbe? Sie hätten eine andre Reise wählen können, Sie hätten mit der Zeit endlich eine andre Reise und eine andre Leier wählen können, doch das wäre dann keine Zeit mehr gewesen und keine Leier.“ 2)
Jelineks Winterreise kann interpretiert werden als eine gelungene Zusammenschau des gesamten Schaffens der Autorin der letzten Jahre und Jahrzehnte.

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Fußnoten
1) Elfriede Jelinek: Winterreise. 2. Aufl. Reinbek: rowohlt 2012, S. 7.
2) Ebenda, S. 127.