Florian Auerochs: Vom gläsernen Sarg zum „Glaspalast des Männlichen“: Volksmärchen und feministische Philosophiekritik in Elfriede Jelineks Schneewittchen-Adaption „Der Tod und das Mädchen“ I

Betrachtet man Jelineks Theatertext Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen) unter Einbezug der These der Erzählforschung, dass «jede Erzählung […], wenn es sich nicht um einen mündlich memorierten Vortrag handelt, eine Variante» (Bausinger) ist, dann stellt auch Jelineks postdramatische Adaption eine legitime radikalisierte „Variante“ des Schneewittchenstoffes dar. Unter dieser Voraussetzung greift Jelinek nicht nur Motive der manifesten Erzählebene des Schneewittchen-Paradigmas auf, sondern verhandelt gleichsam die mit-zitierte Gattung des Grimmschen Volksmärchens, welches als Prä- und Intertext unter Jelineks dekonstruktiver Poetologie zum Ort ideologisch-philosophischer Auseinandersetzung wird. Mit dem politischen Impetus feministischer Philosophiekritik zitiert und instrumentalisiert Jelinek das deutsche Volksmärchen bewusst als das Medium einer ideologisierten, patriarchalen Rezeptionsgeschichte, dass seiner „Unschuldigkeit“ entledigt und seiner „Schuld“ ebenso wie seinem Gedächtnis zugeführt werden muss.

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