Andreas Heimann: Das Durchqueren des Phantasmas. Zum traumatischen Sinngehalt in Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Elfriede Jelineks Text Die Kinder der Toten versetzt den Leser in eine Welt, die der Logik der Phantastik und des Traums folgt. Dabei ist dies nicht als ein der Realität entgegengesetzter Entwurf zu fassen. Bereits Freud verweist auf die im Traum inkludierten Strukturen der Realität. In ihrer Relektüre vollziehen Lacan und später Žižek diesbezüglich eine Volte. Demnach liegt die besondere Bedeutung einer Traumstruktur nicht in der Realität hinter dem Phantasma, sondern die Illusion innerhalb der Realität. Als Teil des Es/Le Reel zeigt sich in der Darstellung von Angst und Ekel die „Logik des Phantasmas“ 1), die immer auf den existentiellen traumatischen Gehalt verweist.
Jelineks Text präsentiert eine Welt des apokalyptischen Phantasmas und die Schrecken der Shoa auf einer horizontalen Ebene. Das implizite Problem der Nicht-Repräsentierbarkeit und der tabuisierten Diskurse über die historischen Geschehnisse rückt in den untoten Figuren und deren obszönen Handlungen in den Fokus. Die Sprachunfähigkeit der Protagonisten zeigt einen immanenten Mangel der sprachlichen Realität, während die dargestellten Tabubrüche auf einen gesellschaftlich reglementierten Diskurs verweisen. Denn ein Schreiben über die Shoa ist zwar möglich, doch nur in der Anerkennung der Materialität des Inventars und seiner selbstreflexiven Verwendung.
Somit bildet Die Kinder der Toten keine Realität der Shoa ab, die sich doch immer nur in den Konstanten eines diskursiven Zeichenkosmos bewegen würde, sondern erweitert stattdessen en bisherigen Diskurs um dessen phantasmatischen Gehalt und zeigt sich als einer (Alp-) Traumstruktur verpflichtet. Als archäologische Leistung im Sinne Foucaults, wird das historische Geschehen von seinen überlagernden (Ge-)Schichten befreit, um den traumatischen Kern der Shoa zu offenbaren.
Jelineks Text bietet somit ein Erinnerungsprojekt, das in psychoanalytischer Lesart ein Durchqueren des Phantasmas beschreibt. Es gilt eben diesen Weg in der Romanstruktur nachzuvollziehen und den phantasmatischen Gehalt in Die Kinder der Toten zu bestimmen.

Fußnoten
1) Die Logik des Phantasmas nimmt im Denken Lacans eine so bedeutsame Rolle ein, dass er diesen Überlegungen ein ganzes Jahr seiner Studien widmet. Der Text „Logique du fantasme. 1966-67“ liegt weder in deutscher Übersetzung, noch in gedruckter, französischer Form vor, ist aber abrufbar über: http://staferla.free.fr/S14/S14%20LOGIQUE.pdf

16.6.2014

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