Sanna Schulte: Die verbannte und befreite Stimme im Schattenreich – Zur mehrdimensionalen und intertextuellen Konzeption von Elfriede Jelineks „Schatten (Eurydike sagt)“

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Der Abstieg in die Unterwelt kann ein Erkenntnisgewinn sein. Cesare Pavese gestaltet seinen aus der Unterwelt zurückgekehrten Orpheus in seinen Gesprächen mit Leuko als einen an dem Wissen um den Tod Leidenden und weist dieses Leben im Wissen um den Tod als notwendige Bedingung des Schreibens nach 1945 aus. Der Orpheus-Mythos prägt auch die Gedichte Celans (Corona, Inselhin, Fadensonnen, Im Schlangenwagen), die sich der Perspektive der Ermordeten annehmen; sie verorten den Dichter zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten und schreiben ihm die Funktion des vermittelnden Grenzgängers zu. Der Orpheus-Stoff hat viele Aktualisierungen erfahren und seine Modernität wiederholt unter Beweis gestellt. Welche Erkenntnisse können jedoch Eurydike zugeschrieben werden? Wie sieht eine weibliche Perspektive auf die Geschichte von Orpheus und Eurydike aus und inwiefern eignet sich der Stoff für eine feministisch orientierte Umdeutung?
Während Ingeborg Bachmanns Bearbeitung des Mythos (Dunkles zu sagen) auf eine Identifizierung auch des weiblichen Sprech- und Schöpfungsakts mit der Sänger- und Dichterfigur Orpheus anzielt, kritisiert und ironisiert Elfriede Jelinek diese Aneignung der männlichen Perspektive als Wunsch nach einem Phallus (beispielsweise im Prinzessinnendrama Der Tod und das Mädchen V (Die Wand), vgl. Jelinek-Jahrbuch, S. 178). Jelinek stellt stattdessen die weibliche Perspektive in den Vordergrund und sucht die Konfrontation mit der traditionellen Auslegung des Mythos. Jelineks Theaterstück Schatten (Eurydike sagt) zeigt Eurydike (oder in der Bearbeitung von Hartmann auch mehrere von ihnen) in einer sprachreflexiven und -kritischen Haltung, in der sie sich von ihrer ehemaligen Rolle in der Welt der Lebenden distanziert und in der Welt der Toten eine Stimme entwickelt.
Es ist zu fragen, welche Bedingungen für die Emanzipation von Orpheus und die Entwicklung der eigenen Stimme ausschlaggebend sind und welche – auch in ihrer satirischen Komponente zu erfassenden – Möglichkeiten der Selbstverwirklichung die Unterwelt als Gegenwelt und Nicht-Ort bietet.
Über die Fragestellung der weiblichen Stimme in Literatur, Kultur und Gesellschaft sowie im privaten Raum hinaus soll untersucht werden, inwiefern Elfriede Jelinek zentrale Thesen von Margaret Atwoods Bearbeitung des Orpheus-Mythos (im Zyklus Orpheus und Eurydike) aus Eurydikes Perspektive aufgreift. „Inzwischen wurde ich gebraucht zum Schweigen“ (Atwood: Orpheus (1)), heißt es bei Atwood und es soll den Fragen nachgegangen werden, inwiefern der Dualismus zwischen Sprechen und Schweigen für Eurydike sowohl bei Atwood als auch bei Jelinek konstitutiv wird und welche Rolle der Frau an der Seite von Orpheus zukommt: „Du konntest niemals glauben, daß ich mehr war als dein Echo.“ (Ebd.)

18.6.2014

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