Roberto Nicoli: Stilentwicklung im Theater Elfriede Jelineks

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

„Ich will kein Theater, ich will ein anderes Theater, ich mache es sehr sprachzentriert“: Elfriede Jelinek bekennt sich zu einem Theater, in der die Sprache immer eine sehr wichtige Stellung – und oft sogar die Protagonistenrolle – einnimmt. Dies gilt sowohl für den schriftlichen Text als auch für dessen Bühneninszenierung. Dementsprechend sollen die Schauspieler zum Beispiel keine individuellen Charakterzüge imitieren, sondern die Sprache selbst verkörpern, mit der die Autorin ihre eigenen Gedanken zum Ausdruck bringt. Manchmal bekommt man den Eindruck, dass die Autorin die Theatertexte so gestaltet, dass die Figuren aus der Szene fast verschwinden und ins Abseits gedrängt werden, um der Sprache Freiraum zu lassen. In dieser Hinsicht bilden Jelineks Werke einen regelrechten Widerstandsakt gegen das konventionelle Theater.
Die Schriftstellerin plädiert für ein „Sprachtheater“, ein „Texttheater“, bei dem eine Viehzahl von instinktiven und magmatischen Stimmen aus der Sprache selbst entstehen und interagieren. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die Evolution des Stils in ihren Dramen zu beschreiben. Hierzu wird Stil also nicht als normativ wertenden Stilbegriff, der Stil mit gutem Stil gleichsetzt, verstanden, sondern unter einem deskriptiven Gesichtspunkt als Auswahl aus mehreren Ausdrucksmöglichkeiten bzw. als Abwägen zwischen dem Einhalten von Konventionen und ihrer Durchbrechung. Zu diesem Zweck werden beispielhafte Werke in Betracht gezogen, die in verschiedenen Phasen der Jelinekeschen Produktion veröffentlicht wurden: Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften (1979), Totenauberg (1991) und Bambiland (2004).
Die Analyse stützt auf die von Sowinski und Eroms erarbeiteten Stilkategorien. Erstens werden makrostilistische Merkmale (mündliche und schriftliche Kommunikation, Interpunktion, Graphostilistik, Stilprinzipien, Stilfärbung, Gattungsstil, Authentizitätsgrad, Erzählhaltung) berücksichtigt, zweitens werden mikrostilistische Eigenschaften (Satzlänge, Perioden, Wortstellung, Satzarten, Wortschatz, rhetorische Figuren usw.) untersucht. Aufgrund der festgelegten Kriterien und der ermittelten Analyseergebnisse werden schließlich einige Entwicklungen und Tendenzen identifiziert, die die stilistische Evolution des Jelinekschen Theaters kennzeichnen.

27.6.2014

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