Liselotte Van der Gucht & Jeanne Verwee: Die Frau zu Tode reden: neurodiverse Sprache in Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“

für den Nachwuchsworkshop 2022

Autorinnen sterben für die Kunst – buchstäblich, so Elfriede Jelinek. Dass viele Frauen heute Literatur veröffentlichen, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Autorinnen sich immer noch in einem “männlichen Ich” verkleiden müssen und ihre Texte bei der Rezeption weitgehend auf einen mythisierten biographischen Körper zurückgeführt werden.
Während der männliche Autor tot sein darf und seine Texte sprechen lässt, werden weibliche Autorinnen ständig zum Aussprechen ihres biografischen Ichs gezwungen. Jelinek reagiert performativ auf dieses Ungleichgewicht, indem sie ihren widerständigen Körper bewusst ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Dieses performative Verfahren äußert sich nicht nur körperlich, sondern auch sprachlich: Eine verkörperte Sprache des Widerstands lässt sich demzufolge auf verschiedenen Ebenen in Jelineks Werken entdecken. Dabei reden nicht nur widerstandsfähige lebende Autorinnen wie sie selbst mit, sondern auch tote Frauen. Auch wenn schweigende Körper in der Regel ein beliebtes Opfer der “Männerliteratur” sind, verleiht Jelinek ihnen eine Gegensprache, mit der die tote Frau ihren eigenen Körper entzaubert.
In ihrem Theaterstück Ulrike Maria Stuart (2006) bringt Jelinek zwei stark mythisierte Frauen, Maria Stuart und Ulrike Meinhof, in die Figur Ulrike Maria Stuart zusammen, die nach Schillers Maria Stuart (1801) mit Elisabeth I/Gudrun Ensslin in Dialog tritt, und untergräbt sie so ihre Mythisierung. In diesem Beitrag wollen wir untersuchen, auf welche Art und Weise Jelinek die re-mythisierten toten Frauen zum Sprechen bringt. Eine neurodiverse Perspektive auf Sprache lenkt den Blick auf verkörperte Formen der Unterdrückung. Ausgehend von der im Stück offen herausgestellten, bis dato allerdings nur spärlich diskutierten Behinderung der Protagonisten, soll aus einer intersektionalen Sicht dargestellt werden, wie manche Figuren, und darunter vor allem die Frau, eine Sprache verwenden, die nicht selbstverständlich die ihrige ist. Sie strukturieren ihre Rede mithilfe von spielerischen coping strategies und Kontrollmechanismen so, dass sie überhaupt sprechen können. Indem Jelinek die toten Frauen im Kampf mit der Sprache aufführt, zeigt sie sie als brüchige, dafür aber nicht weniger mächtige Stimmen.

PDF-Download des Beitrags

Informationen zu Liselotte Van der Gucht
Informationen zu Jeanne Verwee