Hans Jürgen Rabko: Die letzten Tage der Menschheit

Es wird jetzt so viel über diesen Todesmarsch geklagt, nein, wird es nicht, kennen Sie den schon? […] Da waren 150 österr. Gemeinden samt Gemeindeämtern, wo die Gemeinde auf den Punkt gebracht wird, auch heute noch, und dort blieben Erschossene und vor Erschöpfung Verstorbene erst mal zurück, aber es blieben immer noch welche übrig, also was tun? (Neid 1,19)

Einleitung

Die Todesmärsche tausender Juden im März und April 1945 durch die damalige Ostmark zählen auch heute noch zu den großen Tabu-Themen in unserer Gesellschaft. Obwohl die Verbrechen in aller Öffentlichkeit begangen wurden, stellt die Aufarbeitung dieses grausamen Kapitels österreichischer Geschichte ein schwieriges Unterfangen dar. Bedächtiges Schweigen breitet sich vielerorts über dieses Ereignis. Dies liegt zum einen darin begründet, dass heute von den ohnehin wenigen Überlebenden nur mehr eine kleine Zahl von Leidtragenden dieser Todesmärsche noch am Leben ist. Zum anderen weisen heute wie damals Täter wie Augenzeugen erstaunliche Erinnerungslücken auf. Auch die einschlägige Literatur, die sich mit der Vergangenheit Österreichs bzw. der Steiermark im Dritten Reich beschäftigt, erwähnt dieses Kapitel kaum.
Das Vertuschen und Verschweigen dieses unrühmlichen Ereignisses war auch kein Zufall, hatte doch dieses Geschehen so wenig mit der konstruierten Opfertheorie der Österreicher im Dritten Reich gemein. Denn Augenzeugen und Opfer konnten zweifelsfrei nachweisen, dass Österreicher, zumeist einfache Familienväter am Morden während der Märsche aktiv beteiligt waren.
Das Massaker am Präbichl im April 1945 an ungarischen Juden zählt zu den schwersten und brutalsten Verbrechen im Rahmen dieser Todesmärsche. Dabei verloren mehr als 200 Menschen auf grausamste Art ihr Leben. Die Aufklärung dieser Gewalttaten in der Steiermark erfolgte nach Beendigung des 2. Weltkrieges in der Zeit der britischen Besatzung unter schwierigen Voraussetzungen. Viele der Beschuldigten kamen aus den Dörfern und Städten der Umgebung und waren zum Teil sogar mit den Untersuchungsbeamten verwandt. Zudem war ein Großteil der Gendarmerie-, Polizei- und Justizbeamten der NS-Zeit nach 1945 in ihren Funktionen belassen worden. Diese betrachteten die Geschehnisse mit anderen Augen. Benedikt Friedman hat den damaligen Zustand treffend beschrieben: „Und so kam es, daß es nach 1945 in Österreich plötzlich fast keine Nazis mehr gab, keine Täter und Mittäter, nur noch harmlose Mitläufer und Verführte, die gezwungenermaßen und lustlos, aus reinen Existenz- und Überlebensgründen, lediglich der NSDAP oder einer ihrer Unterorganisationen beigetreten und, natürlich wider ihre Überzeugung, nur leise mitgeheult, aber beileibe nie aktiv mitgewirkt hatten.“
Benedikt Friedman, polnischer Jude, der von 1943 bis 1945 in der Steiermark als Zwangsarbeiter eingesetzt war, untersuchte im Auftrag der britischen Field Security Section (FSS) und der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration, Organisation für Flüchtlingshilfe) die Todesmärsche der Juden. Er sollte Zeugen unter den Opfern und in der einheimischen Bevölkerung aufspüren und deren Aussagen aufnehmen, Personenbeschreibungen, insbesondere die der Wachmannschaften, liefern und deren Aufenthaltsorte recherchieren. Bereits Anfang 1947 jedoch wurden die Untersuchungen der Angelegenheit „Todesmärsche durch die Steiermark im April 1945“ auf Geheiß des Leiters der FSS in Graz, Oberst Ramsey, mit der Begründung eingestellt, dass die Ermittlungen „eine von der britischen Besatzungsmacht unerwünschte Beunruhigung der österreichischen Bevölkerung“ (Friedmann) hervorgerufen hätten.

Das Massaker am Präbichl

Seit November 1944 befanden sich zehntausende ungarische Juden, unter ihnen auch Angehörige aus einem Dutzend anderer Nationen sowie Zigeuner und politische Gefangene, bei Schanzarbeiten an der Ostgrenze des Großdeutschen Reiches im Einsatz. Sie errichteten die „Niederdonau-Linie“, den sogenannten Südostwall, eine Verteidigungsanlage in den Gauen Niederdonau und Steiermark, die den Vormarsch der Roten Armee stoppen sollte.
Mit dem Heranrücken der russischen Truppen wurde im März 1945 mit der „Evakuierung“ der eingesetzten jüdischen Schanzarbeiter in Richtung Mauthausen begonnen. Der Rückmarsch der Juden erfolgte dabei auf vorher exakt fixierten Marschrouten. Auch die tägliche Marschlänge und Zusammensetzung der Begleitmannschaft waren genau festgelegt. Obwohl der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, die Anweisung gab, die Evakuierung sei „ordentlich“, unter möglichster Schonung ihres Lebens und bei guter Verpflegung durchzuführen, konnte diese Weisung nur als begrenzt gültig angesehen werden. So galt bei KZ- und Gefangenentransporten der Befehl, keinen Häftling lebend auf der Strecke zurückzulassen. Dadurch kam es entlang der Marschstrecke immer wieder zu Erschießungen von Marschunfahigen, Nachzüglern, Erschöpften, Kranken und Flüchtigen. Außerdem fanden die Märsche zu Frühlingsbeginn statt, die Übernachtung erfolgte hauptsächlich im Freien und der Transport erhielt nur alle drei bis vier Tage eine minimale Verpflegung. Dass aufgrund dieser Strapazen und der Unterernährung viele Juden marschunfähig wurden, muss wohl nicht besonders hervorgehoben werden.

 

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Bezugschein über die Verpflegung des Judentransportes (Abb.: Foto- und Dokumentensammlung Walter Dall-Asen, Landl. In: Halbrainer, Heimo/Ehetreiber, Christian (Hg.): Todesmarsch Eisenstraße 1945. Graz: CLIO 2005, S. 72.)

Nach Ansicht des Historikers Yehuda Bauer können diese Todesmärsche als Fortsetzung der Massenmorde in den Konzentrationslagern mit anderen Mitteln angesehen werden. Durch die NS-Propaganda geschult, betrachtete die Begleitmannschaft ihre jüdischen Opfer als Wurzel allen Übels. Daher wurde diesen Todfeinden jegliche Menschenwürde abgesprochen und der Schießbefehl von den Bewachern sehr großzügig ausgelegt. Die Todesstrafe ereilte Juden, die sich bückten, um ihre Notdurft zu verrichten genauso wie jene, die um Essen bettelten oder unterwegs einen Schluck Wasser trinken wollten.
In der Nähe von Graz wurden mehrere Gruppen zu einem Großtransport von etwa 6-7.000 Personen zusammengestellt. Ihr Weg führte sie unter unmenschlichen Torturen von Graz – Bruck/Mur – Leoben – Trofaiach – Eisenerz – Hieflau – Steyr ins KZ Mauthausen. Begleitet und beaufsichtigt wurden diese Märsche von Wachmannschaften, die aus Bewohnern der jeweiligen Ortschaften und deren Umgebung zusammengestellt und alle 15 bis 20 km gewechselt wurden. Als Kommandanten fungierten zumeist Gendarmen in Uniformen, während die Mannschaft aus bewaffneten Zivilisten und halb- und volluniformierten Volksstummännern zusammengesetzt war.
Augenzeugen der Todesmärsche erinnerten sich: „Todmüde, verschmutzt, in zerrissene Lumpen gehüllt, die Augen zu Boden gesenkt, wankten sie vorbei. Sie konnten die zerschundenen und blutenden Füße kaum mehr vom Asphalt heben. Bei ihrem Anblick gerann einem unwillkürlich das Blut in den Adern. Der grausige Zug hatte nichts Menschliches mehr an sich, es war ein Zug von Gespenstern, Nachtmahren am hellichten Tag, ein Zug lebender Leichen, der da vor unseren entsetzten Augen vorüberzog …. Plötzlich brach direkt vor uns ein Jude zusammen. Keuchend kroch er noch einen Meter weiter, dann knickten Knie und Ellenbogen ein, kraftlos schlug er mit dem Gesicht auf dem Asphalt auf. Ein schmächtiger, grauhaariger Volkssturmmann lief herbei und trat dem Ohnmächtigen mit den genagelten Stiefeln in die Hüfte. Der Jude rührte sich nicht. In seinen Schnauzbart fluchend, riß der Wächter sein Gewehr von der Schulter. Da stürzten zwei Leidensgefährten aus dem Zug herbei, faßten den Ohnmächtigen unter die Arme und zogen ihn hoch. Und da geschah ein Wunder: Die Leiche erwachte. Sie begann, die Beine zu bewegen und, wie ein Automat, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Der Volkssturmmann schulterte sein Gewehr, die Menge am Straßenrand lachte“. (Friedmann)
Im Bezirk Leoben war der Kreisleiter von Leoben, Otto Christandl, für die Durchführung der Judentransporte verantwortlich. Bei Bekanntwerden des Transportes ließ Christandl dem Anführer des Eisenerzer Volkssturms, Ludwig Krenn, die Nachricht zukommen, er hätte für ihn eine höchst interessante Aufgabe. Worin diese Aufgabe bestand, gab Krenn seinen Männem kurz darauf zu verstehen, wonach 5000 Juden zu begleiten wären, jedoch nur 1000 nach Eisenerz gelangen dürften und in Hieflau nur mehr die Begleitmannschaft „anwesend“ sein sollte! Am Vorabend der Transportübernahme hielt Krenn im Zuge eines Kameradschaftsabends vor der versammelten Kompanie folgende Rede: „Die Alarmkompanie ist beauftragt, morgen einen Judentransport auf dem Prebichl (alte Schreibweise) zu übernehmen. Die Hunde und Schweine verdienen alle miteinander totgeschossen zu werden. Wenn morgen sich einer von Euch feig zeigt, lege ich ihn selbst um“. (NZ 2.4.1946) Krenn freute sich bereits auf die Schießübungen und unterstrich seinen Appell mit der Ausschreibung, dass, wer die meisten Juden erschieße, einen Liter Wein bekomme und es für jeden getöteten Juden eine Zigarette gebe.

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Hotel Reichenstein am Präbichl: Ort der Transportübergabe an den Eisenerzer Volkssturm (Abb.: Foto- und Dokumentensammlung Walter Dall-Asen, Landl. In: Institut für Strukturforschung und Erwachsenenbildung der AK-Steiermark (Hg.): Zwischen den Fronten. Die Region Eisenerz von 1938-1945. Leoben 2000, S. 63.)

Am 8. April 1945 wurde der Transport von 6000 bis 7000 ungarischer Juden am Präbichl vom Eisenerzer Volkssturm in Empfang genommen. Um 16.00 Uhr marschierte er Zug über die Passhöhe in Richtung Eisenerz. Sogleich eröffneten die Volkssturmmänner aus den angrenzenden Wäldern das Feuer. Ein Augenzeuge berichtete: „… als die ganze Gruppe auf dem Präbichl war, wurde uns befohlen, den Berg hinunterzulaufen. .. Ich habe gesehen, wie drei gute Bekannte von mir bei diesem Massaker erschossen wurden. .. Ich bin über ihre Leichen gestolpert. Merkwürdigerweise haben die Mörder auf Frauen nicht geschossen. .. Von der Wachmannschaft ist mir ein Mann aufgefallen, dessen Hand bis zum Ellbogen amputiert war. .. Er hat seine Maschinenpistole gestreichelt, als ob er sagen wollte: Du hast deine Sache gut gemacht“. (Friedmann) Ein weiterer Überlebender dieses Todesmarsches schilderte: „Wir mußten immer weiterlaufen, laufen und springen. Ich lief mit meinem Vater, der sehr krank war hinunter. Da kam ein SS-Mann mit einer Pistole auf uns zu, und ich glaubte schon, er erschießt meinen Vater. Aber da sah er jemanden vor sich auf dem Boden liegen, einen unserer Kameraden, und den schoß er in den Kopf. Meine Kleidung war über und über von Blut und Gehirn bespritzt. Aber uns hat er nicht erschossen. Ich sagte ihm – damals konnte ich noch nicht gut Deutsch -, wir seien gesund und könnten laufen, er solle uns nicht erschießen. So konnten wir das Ende der Gruppe vor uns erreichen“. (Burczik) Nach einer dreiviertel Stunde lagen rund 200 Menschen des Transportes tot oder sterbend entlang des Weges. Um das Schießen zu legitimieren, lief ein SA-Mann die ganze Kolonne entlang und schrie den Volkssturmangehörigen zu, sie müssten anschließend bekräftigen, dass die Juden einen Fluchtversuch unternommen hatten und daher das Feuer auf sie eröffnet wurde.
Das Massaker an den Juden, durchgeführt von der Eisenerzer Volkssturmeinheit, stieß bei der SS, die den gesamten Transport von der Grenze bis nach Mauthausen begleitete, auf Ablehnung. Ein SS-Feldwebel rügte Krenn für seine Vorgehensweise. Der Postenkommandant von Eisenerz, SS-Hauptsturmführer Bilke, ließ Krenn nach der Schießerei sogar von der Gestapo festnehmen. Als Kommandant der sogenannten „Mordkompanie“ unterstand Krenn jedoch der Kreisleitung und war deshalb binnen einer halben Stunde wiederum auf freiem Fuß.
Aufgrund der Jahreszeit war ein Vergraben der Leichen entlang der Präbichlstraße im gefrorenen Boden nicht möglich, daher musste am Abend eine Volkssturmeinheit mit Juden aus dem Gsolllager ausrücken und die Toten auf zwei bis drei Lastkraftwagen verladen. In Eisenerz angekommen, wurden die Juden in einer leeren Baracke des Lagers Gsoll untergebracht. Da nicht ausreichend Platz für den gesamten Transport bestand, hatten viele Juden im Freien zu übernachten und sind infolge der tiefen Temperaturen und des geschwächten Allgemeinzustandes erfroren. Ein weiterer Teil der Kolonne nächtigte auf einer Wiese, wo sich heute die Eisenerzer höheren Schulen befinden. Am nächsten Morgen lagen dort etwa 150 Leichen aneinandergereiht. Der Vater eines Gendarmen des Postens Eisenerz war Augenzeuge in jenen Apriltagen: „Am Samstagnachmittag ist der Zug hier eingetroffen. Am Sonntag in der Früh habe ich aus der Ferne viele Plateauwagerln gesehen, auf denen sind Rollen draufgelegen. Als ich näher hinschaute, habe ich bemerkt, daß das tote Menschen waren. Die Leute aus dem Zug wurden auf eine große Wiese – bei der heutigen Firma Vogel & Noot – getrieben. Sie saßen am Straßenrand und hatten nichts zu essen. Da brachte ihnen meine Mutter Heferln mit Kaffee, aber ein Eisenerzer, der das gesehen hat, sagte zu ihr: „Wenn ich Sie nochmals sehe, muß ich Sie anzeigen!“ Am Sonntag mußte ich mit dem Volkssturm in die Großfölz hinein, zu Übungen. Dann kam ich hinunter zu der großen Wiese. Es war ein fürchterlicher Anblick: Viele Leichen lagen da. Wieder habe ich aus der Ferne – ich bin nicht nahe hingegangen – den Eindruck von Papierrollen gehabt. Die Leute sind erschossen, auf Plateauwagerln geworfen und weggeführt worden“. (Burczik)
Ein Überlebender berichtete vom Morgengrauen in Eisenerz: „Der Tag graute noch nicht und schon trieb uns der Hunger auf Nahrungssuche. Wir konnten uns vor Schwäche kaum erheben. Auf unseren – schon viele Monate währenden – Märschen lernten wir außer Gras essen auch die „Köstlichkeit“ der Wiesenschnecken zu schätzen. Am Bahngelände, an welches die Lagerwiese stieß, fanden wir diese nach heftigen nächtlichen Regen in ausgiebiger Menge. Wir waren glücklich darüber und verschlangen sie in Ermangelung einer Kochgelegenheit lebend. Die Wachmannschaft, welche uns beim Einsammeln und Verspeisen der Schnecken beobachtete, schoß auf uns mit dem Vorgeben, daß wir fliehen wollten. Das uns von der Natur so reich gebotene und von diesen Teufeln verwehrte Frühstück hat manchem Kameraden an diesem Morgen das Leben gekostet“. (NZ 19.4.1946)

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Polizeiprotokoll von Konrad Oberhauser am 23.8.1945 (Abb.: Foto- und Dokumentensammlung Walter Dall-Asen, Landl. In: Institut für Strukturforschung und Erwachsenenbildung der AK-Steiermark (Hg.): Zwischen den Fronten. Die Region Eisenerz von 1938-1945. Leoben 2000, S. 65.)

Die Geschehnisse am Präbichl hatten unter der Eisenerzer Bevölkerung größte Unruhe hervorgerufen. So erkundigte sich der Kreisleiter Christandl am 9. April beim Polizeihauptmann in Eisenerz, ob sich die Bewohner schon beruhigt hätten. Augenzeugen berichteten von ihrer Beobachtung, dass den ganzen Sonntag vom Lagerplatz Münichtal Lastkraftwägen in die Seeau gefahren waren. Über deren Ladung konnten sie lange Zeit nur Mutmaßungen anstellen, bis sich an einem Fahrzeug die Plane löste und Hände und Füße von zahlreichen leblosen Körpern zum Vorschein kamen. Jene Männer, die zum Verscharren der Leichen abkommandiert wurden, erzählten, dass in der Seeau in zumindest fünf großen Massengräbern rund 250 Juden vergraben wurden, wobei die Leichen vielfach bestialisch zugerichtet waren. Zudem lag über dem Tal der Seeau eine beständige Rauchsäule. Der sich ausbreitende Gestank nährte die Vermutung der Bewohner, dass auch Leichen verbrannt worden waren. Bis Mitte April 1945 wurden weitere, kleinere Judentransporte über den Präbichl geführt. Auch auf diesen Märschen kam es zu brutalen Übergriffen durch die Wachmannschaften. Bei der Ankunft in der Stadt Eisenerz wurden die Juden von der Bevölkerung mit größter Verachtung bespuckt und mit Steinen beworfen. Am Lagerplatz angekommen, schilderte ein Augenzeuge: „Sofort wurden die Kranken aus dem Transport ausgesondert, es waren ungefähr 20 Personen. Ferner wurden ungefähr zwölf kräftige Männer ausgewählt und mit Schaufeln ausgerüstet. Die ganze Gruppe wurde auf einen Lastwagen verladen und fuhr, in Begleitung von Volkssturmmännern, ab. Unsere Kameraden haben wir dann nicht mehr gesehen“. (Friedmann) Die Kranken wurden erschossen und in ein frisch ausgehobenes Grab gelegt. Anschließend feuerte die Wachmannschaft auch auf die 12 Männer der Schanztruppe. Nur zweien von ihnen gelang die Flucht.
Auf dem weiteren Marsch in Richtung Mauthausen kam es nach Eisenerz immer wieder zu Erschießungen. „Ungefähr drei Kilometer hinter Eisenerz führte die Straße durch einen Wald, der sich zu beiden Seiten des Weges erstreckte. Auf der Straße bemerkte ich Blutlachen. Plötzlich schoß der Kommandant in die Häftlingsmenge. In diesem Moment wurde aus dem Wald das Feuer auf uns eröffnet. Auch die uns begleitenden Volkssturmmänner schossen in den Menschenknäuel. Am ärgsten traf es den hinteren Teil der Kolonne. Es kamen damals ungefähr 90 Menschen um. In Mauthausen haben uns Kameraden aus dem ersten Transport erzählt, daß mit Ihnen auf der selben Stelle das selbe gemacht wurde, nur hatte es bei ihnen viel mehr Tote gegeben“. (Friedmann) Die Leichen wurden in den Erzbach geworfen, der sich durch das viele Blut rot färbte. Auch im Bereich von Neustückl und am Ausgang von Jassingau wurden Juden hingerichtet.
In der Nacht erreichte der Transport Hieflau, wo ein Wechsel der Wachmannschaft vorgenommen wurde. Ein Jude, der aus der Einheit ausscherte, um seine Notdurft zu verrichten, wurde von einem Wächter erschossen. Die neue Begleitmannschaft wurde entschlossen aufgefordert, „die Sache besser zu machen“, da die alte Transportbegleitung nur 100 Juden liquidiert hatte. In der Nähe der Eisenbahnstation von Hieflau standen zwei Lastwägen mit der Rückseite zum StraBenrand. Als der Transport die Stelle passierte, schoben die beiden Wagen zugleich rückwärts und zerdrückten zwei Juden.

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Todesmarsch ungarischer Juden durch Hieflau (Abb.: Foto- und Dokumentensammlung Walter Dall-Asen, Landl. In: Institut für Strukturforschung und Erwachsenenbildung der AK-Steiermark (Hg.): Zwischen den Fronten. Die Region Eisenerz von 1938-1945. Leoben 2000, S. 67.

In Hieflau spülte der Erzbach die Leichen der entlang des Erzbachtals getöteten Juden an. Einige Bewohner standen am Ufer bzw. im Wasser, um die Toten in Richtung Enns weiterzuleiten. Die verbliebenen Juden setzten ihren Marsch Richtung Wandau fort. Auf der Wandaubrücke wurden wiederum einige von ihnen direkt auf dei Brücke erschossen und ihre Körper in die Enns geworfen. Dieses brutale Vorgehen der Wachmannschaft hat sich auch auf den weiteren Kilometern nach Mauthausen nicht verändert, sodass in Mauthausen nur ein Teil des Transportes angekommen ist.

Nicht alle Bewohner des Tales verschlossen vor dem Gräuel die Augen. Einige von ihnen halfen trotz Strafandrohung diesen geschundenen Mitmenschen. Antonia und Josef Juvancic aus St. Peter/Freienstein holten zwei Juden direkt aus dem Transport in ihren Garten und versteckten und verpflegten diese bis Kriegsende in ihrem Keller. Diese Courage war umso bemerkenswerter, da im Haus der Familie Juvancic die SS einen Stützpunkt eingerichtet hatte. Einige Einheimische, unter anderem Maria Butter und ihre Tochter aus Kirchenlandl, gaben den Halbverhungerten eine Suppe mit Kartoffeln zu essen und Wasser bzw. Milch zu trinken und ermöglichten so eine spärliche Aufbesserung der kargen Kost. Der Widerstand der Volkssturmeinheiten gegen diese mörderischen Befehle hielt sich in Grenzen. Nur der Volkssturm von Jassingau verweigerte die Waffenannahme.

Hans Jürgen Rabko ist Leiter der Volkshochschule Leoben

(gekürzt) aus: Institut für Strukturforschung und Erwachsenenbildung der AK-Steiermark (Hg.): Zwischen den Fronten. Die Region Eisenerz von 1938-1945. Leoben 2000, S. 59-67. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.