Thomas Ochs: …was Menschen schaffen; was Menschen kreieren; wie sie tanzen können auf allen Vieren…

Über Amstetten zu schreiben, heißt über die Hölle zu schreiben. Es geht mir nicht darum möglichst realitätsnah und faktenreich zu bleiben, sondern dem Geschehen in einer angemessen literarischen Form zu begegnen. Das Essay Im Verlassenen von Elfriede Jelinek steht meiner Herangehensweise Pate und verweist mit einer Undurchsichtigkeit und sprachlichen Künstlichkeit auf die Unbegreiflichkeit dessen, was in diesem oder jenem Kellerverlies vonstatten gegangen ist oder noch vonstatten geht. Zu wissen wie sich Opfer und Täter in diesen Machtverhältnissen fühlen bzw. empfinden, kann unmöglich damit korrespondieren, was in meinem Kopf vorgeht, wenn ich darüber schreiben möchte. Deshalb ist es scheinbar nicht zu leisten zu beschreiben, was geschehen ist, sondern nur was geschaffen worden ist oder möglicherweise gerade am Entstehen zu sein scheint. Beton wird gegossen und in Form gebracht. Worte und Buchstaben in gleichem Maße. Ich als Schreiberling bin an dieser Stelle der schaffende Mensch, der sich über alles hinweg setzt, was ihm vorgegeben wird. Der Täter sozusagen. Schreiben und das Gießen des Betons sind hier miteinander verschmolzen. Das Band der Zweisamkeit, welches dadurch entstanden ist, wird eben durch folgende Worte vollends miteinander verbunden, sodass man das entstandene Konstrukt nicht mehr zerstören kann: „Er ist ein gutes, haltbares Material“. Elfriede Jelinek schreibt in meinen Augen nicht nur dem Beton eine verstummende Eigenschaft zu, sondern verweist mit diesem grauen Material auf das Materialistische Denken und Schaffen der Welt, in der Amstetten seine Probe hält. Nicht nur der Beton ist nunmehr Material, sondern auch die Menschen, die dahinter gehalten werden und auch diese Menschen, die vor der Tür in ihrer scheinbaren Freiheit noch immer tanzen können. Alles ist zu einem Material verkommen. Auch diese Worte sind Material. Selbst das Essay von Elfriede Jelinek ist Material, sowie wiederum jene Texte, die darin Bedeutung gefunden haben und intertextuell verwendet wurden.

Thomas Ochs (23.12.2008)

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