Bettina Wodianka: Radiophonie, Literatur, Film und Theater. Intermediale Strategien im Hörspiel der Gegenwart

Dissertation

Abstract

Bereits in der Anfangszeit des Radios entstanden Produktionen, die sich als Suchbewegungen nach medienadäquaten Vermittlungsstrategien im rein akustischen Medium verstanden. Das Spiel mit und zwischen Sicht- und Sagbarkeiten sowie Hörbarem, dem Rundfunk als dem „Medium der Stimme” (Wolfgang Hagen), der technischen wie institutionellen Apparatur als Spiel mit den Bedingungen seines medienspezifischen Prozesses des ,Zur-Erscheinung-Bringens‘ war und ist insbesondere für Medienkünstler/innen attraktiv, die sich in ihren Arbeiten mit den Eigenarten der jeweiligen Medialität und Materialität der Medien und spezifischen Darstellungs- und Inszenierungsweisen auseinandersetzten und -setzen.
Dieser geschaffene Freiraum der Suchbewegungen innerhalb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und das Initiieren interdisziplinärer Projekte (durch Redaktionen u.a. des WDR, BR und ORF) ermöglich(t)en die Verwirklichung des Hörspiels als offene Programmform des Radios. Vor allem in den 1960er und 1970er Jahre entstanden dadurch Produktionen, die sich mit ihren Affinitäten zur Konkreten Poesie, zur Sprachphilosophie und musique concrète als grenzerweiternde ästhetische Programmatik der Fluxus-Bewegung annäherten.1) Durch die im und mit dem Rundfunk (inter)agierenden (Medien)Künstler/innen erhielt die Radiokunst in diesen Jahrzehnten vielfältige Impulse und bildet heute einen zentralen Bezugspunkt für intermedial operierende Hörspielkunst.
Der Fokus meiner Dissertation gilt daher der interdisziplinär ausgerichteten Analyse dieser medialen Interdependenzen und Interaktionen der Genre- und Kunstgrenzen überschreitenden Produktionen sowie der damit verbundenen Spurensuche „ihrer rhizomatischen Tradition“2) durch die Kunst des 20. Jahrhunderts. Einem historisch ausgerichteten Teil, der sich vor allem auf Verbindungslinien zwischen Rundfunkgeschichte, -theorie und dem Kunst- und Mediensystem konzentriert, folgt die Untersuchung der Eigenarten dieser intermedial operierenden Hörspielkunst und ihrer ästhetischen Programmatik anhand von Fallbeispielen zu verschiedenen (radiophonen) Gestaltungsformen.
Um die in ihrer Wirkungsästhetik audiovisuell geprägten Hörspiele als Medienkombinationen zu erfassen, in denen eine Transposition anderer künstlerischer Medien – wie Literatur, Theater und Film – als etwa Ergänzung der auditiven durch visuelle Darbietungsformen stattfindet, bietet sich aus kultur- und medienwissenschaftlicher Perspektive der begriffliche Untersuchungsrahmen der Intermedialität und Hybridität an. Für die Analyse aufschlussreich erweisen sich insbesondere Produktionen, die bereits einen Medienwechsel hinter sich haben und dabei selbstreflexiv operieren. Dabei spielen die Differenz der Vermittlung durch ein spezifisches Medium als mit-teilendes Dazwischen und die Reflexion der Medialität als „Mit-Teilbarkeit (…), als Einrahmung und Entrahmung des Wahrnehmbaren und Mitteilbaren“3) eine wesentliche Rolle. Die mediale Übersetzung und der damit verbundene Perspektivwechsel bewirken eine Distanz, die eine „fruchtbare Medienreflexion“4) häufig erst ermöglicht.

Fußnoten
1) Vgl. Klaus Schöning: Ars Acustica – Ars Performativa. (hier: Schöning 2006) In: Petra Maria Meyer (Hrsg.): Performance im medialen Wandel. München 2006, S. 149-177, hier: S. 157.
2) Schöning 2006, S. 153.
3) Georg Christoph Tholen: Die Zäsur der Medien. Kulturphilosophische Konturen. Frankfurt/M. 2002, S. 60.
4) Petra Maria Meyer: „I`ve got the power.” Zur Performativität von Sprache und Stimme in filmischer Beobachtung des Radios. In: Nadja Elia Borer/Constanze Schellow/Nina Schimmel/Bettina Wodianka (Hrsg.): Heterotopien. Perspektiven der intermedialen Ästhetik. Bielefeld 2013, S. 243-262, hier: S. 243.

23.6.2014

Informationen zu Bettina Wodianka