Moira Mertens: Sprachstrategien im Bereich der Maxime des optimierbaren Lebens – Jelineks Untote unter dem Aspekt von Ökonomie und Gender

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2014)

Jelineks Auseinandersetzung mit dem Diskurs des Untoten umfasst ein Spektrum, das sich neben der phantastisch-thematischen auf einer rhetorisch-ästhetischen Ebene vollzieht. Jelineks Texte geben keine Antworten, sondern stoßen durch ihre subvertierenden Verfahren in Grauzonen, die ethisch unklar sind.1) Obsessives Ziel ist es, an die Triebe, das Unbewusste und Vergessene in der Sprache heranzukommen. Das nennt die Autorenstimme in Lust: „[…]hören Sie! Die Sprache selbst will jetzt sprechen gehen!“2) Mit Markus Metz und Georg Seeßlen gehört jedoch gerade der Bereich des Untoten einer solchen Grauzone an, da er mit einer „gezielten Unschärfe“3) operiere. Jelineks kalauernde Texte bedienen sich also „gezielt“ dieser semantischen Unschärfe; aber woher kommt sie und welche Bilder oder Stereotypen werden rhetorisch wachgerufen?
Die Zuschreibung ‚untot‘ mag vordergründig neutral oder gar objektiv wirken – tatsächlich führt sie genauso wie die damit zusammenhängenden Bilder des Vampirs oder des Zombies einen biopolitisch belasteten Bedeutungsüberhang mit: Wenn das Vampirbild im Diskurs des reinen Blutes als antisemitisches Fremdbild für ein kapitalgieriges Weltjudentum fungiert4) oder das Bild des Zombies eine Figuration des kolonialistischen Rassismus gegen Schwarze ist5), so wird bald klar, dass deren untoter Zustand an sich eine Aussage ist, die zur Diffamierung der Anderen (als ‚weniger lebendig‘, ‚untot‘ oder ‚lebensunwert‘) und als propagandistisches Drohpotential für die eigene Kultur verwendet wird.
In Jelineks Texten, so meine These, werden die biopolitischen, rassistischen, sexistischen, aber auch phantastischen Bedeutungsebenen miteinander vermengt. In meinem Beitrag für den Workshop „Es ist Sprechen und aus“ möchte ich meine Forschungen zu Jelineks kritischem Befund eines nekrotischen Diskurses vorstellen und eruieren, auf welche Weise Jelineks Texte im ökonomischen Bereich die antisemitischen Aspekte im Konnex Bilder der/s ‚Untoten‘ reflektieren. Das Material bilden u.a. der Essay An uns selbst haben wir nichts (1993), der Kurzprosatext Der Fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs (1969) sowie die Theatertexte Winterreise, Die Kontrakte des Kaufmanns (das im Titel auf Shakespeares antisemitisches Stück Der Kaufmann von Venedig anspielt) und Rein Gold. Ein Bühnenessay (der wörtlich antisemitische Stellen aus Marx‘ Kapital verwendet).

Fußnoten
1) Vgl. Mertens, Moira u. Günther, Elisabeth (2012): „Ich will kein Leben.“ Elfriede Jelineks Ästhetik des Untoten, in: JELINEK[JAHR]BUCH. Elfriede Jelinek-Forschungszentrum, S. 124-125.
2) Jelinek, Elfriede (1989): Lust. Reinbek bei Hamburg 1989, S. 28.
3) Metz, Markus u. Seeßlen, Georg (2011): Wir Untote! Über Posthumane, Zombies, Botox-Monster und andere Über- und Unterlebensformen in Life Science & Pulp Fiction, Berlin, S. 19.
4) Waibl-Stockner, Jasmin (2009): Die Juden sind unser Unglück, Wien / Berlin, S. 291.
5) Stiglegger, Markus (2011): Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist… In: Magazin der Kulturstiftung des Bundes, Nr. 16, S. 18.

24.6.2014

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