Priska Seisenbacher: Die Griechenlandkrise als Ausgangspunkt einer Kapitalismuskritik bei Elfriede Jelinek

Teilaspekt der Diplomarbeit
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Die Griechenlandkrise als brisantes Politikum der Gegenwart wird von Elfriede Jelinek aufgegriffen, um über die konkrete Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen in Griechenland hinaus eine Kritik am geltenden Wirtschaftssystem zu markieren. In den ausgewählten Werken Jelineks wird der neue Mut zum Unmoralischen in einer zunehmend ökonomisierten Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft entlarvt und entpuppt sich als Resultat des Wirtschaftssystems und seiner Glaubensgrundsätze. Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit im Kapitalismus ist ein tragendes Element der Kritik der Autorin. Angesichts des marktwirtschaftlichem Prinzips und kapitalistischer Interessen, denen sich ganze Staaten samt ihrer Einwohner/Einwohnerinnen beugen müssen, steht schließlich die Frage nach der Demokratie im Raum.
Die Kapitalismuskritik Jelineks zeigt sich zudem feministisch motiviert. So zeigt die Autorin, dass die patriarchalische Gesellschaft ein fester Bestandteil des kapitalistischen Systems ist. Die Ökonomie bietet in der kapitalistischen Welt den Raum für eine institutionalisierte Männerherrschaft, die über einfache patriarchale Strukturen hinausgeht. In Opposition zur
männlich dominierten Finanzmarktwirtschaft steht die Reproduktionsfunktion der Frau im Kapitalismus.
Jelinek ist bekannt für ihre Kritik am Christentum oder an der katholischen Kirche. Demnach ist es auch als ein Teil der Kapitalismuskritik anzusehen, wenn zwischen dem geltenden Wirtschaftssystem und der Religion Verknüpfungen hergestellt und Ähnlichkeiten herausgearbeitet werden. Die Zurschaustellung des religiösen Charakters, den der Kapitalismus nunmehr einnimmt, dient als Mittel der Infragestellung der uneingeschränkten Machtposition und –strukturen des Wirtschaftssystems.
Anzumerken bleibt, dass die Literaturästhetik der Autorin unweigerlich im Zusammenhang mit der inhaltlichen Kritik steht. Jelinek entwirft Sprechinstanzen, deren unverblümte Sprache Strukturen und Gedanken freilegen, die sonst im Verborgenen bleiben.

29.9.2015

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