Sebastian Weirauch: Negative Wiederholungen ‒ Eine Entwicklungsgeschichte von Elfriede Jelineks Politischer Ästhetik

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Meine Grundthese lautet, dass die Erzählfigur der negativen Wiederholung für Jelineks Politische Ästhetik eine zentrale Rolle spielt ‒ damit steht ihr Werk in einem spannungsreichen Verhältnis zu
anderen Poetiken der Wiederholung (Stifter, Beckett, Bernhard, Grillet, Handke, Sebald).
Jelineks negative Wiederholungen entfalten sich in einer narrativen Strategie, mit der offensichtliche, aber übergangene Wahrheiten umkreist werden, um sie erzählerisch oder rhetorisch
gegen Verdrängungswiderstände zu konkretisieren und durchzusetzen. Negativ sind diese Wiederholungen nicht nur durch die Ästhetik des Untoten, sondern ebenso durch ihre medien- sowie sprachkritische Stoßrichtung. Statt der Erfahrung von Umittelbarkeit bringen sie die Erfahrung als ein Negativum zum Ausdruck. Auf diese Weise halten sie den Riss zwischen Diskurs und Ereignis, Vergangenheit und Gegenwart offen.
Im Laufe von Jelineks Schaffen hat sich diese Konstellation von Wiederholung, Negativität, Politik und Ästhetik in ihrem Werk stetig verschoben und krisenhafte Entwicklungen durchlaufen, was auf einen tiefsitzenden Konflikt innerhalb der Politischen Ästhetik hindeutet. Dieser Konflikt besteht im grundlegenden Widerspruch zwischen dem jeder politisch-aufklärerischen Poetik eigenen Anspruch, allgemeine Wahrheit und Überzeugungskraft entwickeln zu müssen, und dem gleichzeitigen Bedingtsein ihres ästhetischen Effekts in einer Fiktionalisierung, die immer auch das
Echo der partikularen Poiesis und Aisthesis eines schreibenden Autorensubjekts bleibt. Jelineks subversive Entfernung des Subjektiven aus ihrem Werk ist in diesem Licht betrachtet als eine prekäre Lösungsstrategie dieses Konflikts aufzufassen und gleichermaßen auch als Ausdruck einer Erfahrung von Ichlosigkeit, die sich selbst negativ und damit in Differenz zum bereits Gesagten entwirft.
In meiner Untersuchung zeichne ich die Entwicklungslinien von Jelineks Politischer Ästhetik nach. Zur Rekonstruktion der Erzählfigur der negativen Wiederholung untersuche ich zunächst summarisch das Frühwerk der Autorin, um dann anhand dreier exemplarischer Texte (Die Ausgesperrten, Die Kinder der Toten, Winterreise) nachzuzeichnen, wie und warum die entscheidende Konstellation von Jelineks Politischer Ästhetik immer wieder Krisen durchlief und sich zu reaktualisieren hatte.

2.10.2015

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