Anna Brod: Elfriede Jelinek: „Das schweigende Mädchen“

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Elfriede Jelineks Theatertext Das schweigende Mädchen stellt eine von mehr als 10 theatralen Auseinandersetzungen mit dem „NSU“ – dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (Selbstbezeichnung), zu dem sich mutmaßlich Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zusammengeschlossen hatten – dar, deren Inszenierungen seit der Spielzeit 2013/14 an deutschen Theatern Premiere hatten. Der Text und seine Inszenierung durch Johan Simons (Münchner Kammerspiele, UA 2014) sollen in meinem Dissertationsprojekt analysiert und mit anderen theatralen Arbeiten zum „NSU“ verglichen werden.
Bei Das schweigende Mädchen überwiegt eine Meta-Perspektive auf den „NSU“ und den gesellschaftlichen Umgang damit: Der Fokus liegt nicht – wie in anderen Theaterprojekten – vorrangig auf Tätern (z.B. „Rechtsmaterial“, „Der weiße Wolf“) oder Opfern (z.B. „Urteile“, „Schmerzliche Heimat“); stattdessen wird im setting eines Gerichts, das zwischen der Darstellung des Jüngsten Gerichts und einer verfremdeten Wiederholung der Prozessabläufe im Münchner Oberlandesgericht (sog. „NSU-Prozess“) changiert, die Aufarbeitung des „NSU“ in Gericht, Gesellschaft und Medien verhandelt.
Bei der Analyse des Dramentextes soll dementsprechend v.a. auf die Beziehung von Theater und Gericht eingegangen werden: Welchen Status haben die im SZ-Magazin veröffentlichten Gerichtsprotokolle als Quelle für Jelinek, d.h. welche Textpassagen wurden ausgewählt und wie wurden sie bearbeitet? Welche Wirkung entsteht, wenn ein Gericht, das von sich aus eine theatrale Dimension mitbringt (vgl. C. Vismann: Das theatrale Dispositiv des Gerichts), auf der Bühne abgebildet wird? etc.
Bei der Analyse der Inszenierung hingegen ist danach zu fragen, wie die Textflächen, aus denen Das schweigende Mädchen besteht, in der Simons’schen Inszenierung auf die Bühne gebracht werden: Welche Textauswahl wird in der Strichfassung getroffen? Welche Entscheidungen bezüglich der Darstellung liegen der Inszenierung zugrunde? etc.

7.10.2015

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