Natia Saginadze: Komik als Grenzerfahrung im österreichischen und georgischen Gegenwartsdrama. Exzessiv-komische Überschreitungen beim Umgang mit der Vergangenheit am Beispiel ausgewählter Theatertexte von Elfriede Jelinek und Lascha Bugadze

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

„Es hat nichts Erstaunliches, wenn ein Volk in periodischen Abständen die Gegenstände aus seiner Vergangenheit wieder vornimmt und sie aufs neue beschreibt, um festzustellen, was es damit anfangen kann: das sind Einschätzungen, die von Zeit zu Zeit fällig oder doch wünschenswert sind. Das nennt man ‚neue Kritik‘.“ 1)

Zwischen dem modernen georgischen Schriftsteller Lascha Bugadze und der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek liegen auf den ersten Blick die Welten. Näher betrachtet, gibt es aber gemeinsame Textfelder, die man bei diesen AutorInnen ausfindig machen kann. Es ist nämlich die Tendenz auszumachen, dass die Werke sowohl der österreichischen als auch georgischen Autorinnen auf inhaltlicher Ebene stark von den Erfahrungen ihrer Heimat geprägt sind. Im Falle von Elfriede Jelinek geht es um Nationalsozialismus. Laut einer These wurde das österreichische Tabu um die nationalsozialistische Vergangenheit von den KünstlerInnen gebrochen. Elfriede Jelinek wurde dabei als Autorin rezipiert, die politische und auch moralische Tabus kenntlich macht und überschreitet. 2) Das Anliegen des Referates ist es, am Beispiel des Theaterstückes Burgtheater zu analysieren, wie diese Überschreitung im literarischen Diskurs stattfindet. Bekanntlich setzte sich Burgtheater mit der mangelhaften Vergangenheitsbewältigung in Österreich auseinander und dabei vor allem mit der Vergangenheit einer berühmten österreichischen Schauspielerfamilie.
Auch in Georgien ist die sowjetische Vergangenheit schon lange tabu. Es gab immer noch keine Auseinandersetzung von den GeschichtswissenschaftlerInnen. Niemand stellt Fragen, kaum jemand spricht offen über die Fehler und die Opferdoktrin (Georgien als Opfer des sowjetischen Regimes) lebt weiter. Die Handlung des Theaterstückes Die letzte Nacht von Lascha Bugadze spielt während des zweiten Weltkrieges und mit der Darstellung der Figur Stalins thematisiert sie sowjetische Verstrickungen.
Man kann sich auf verschiedene Arten dem Thema annähern. Bei diesen Autorinnen ist aber die Art der Annährung Komik. Komik schafft Distanz, durch die dann die Grenzen überschritten werden. Das Komische ist zwar grundsätzlich harmlos, es kann aber eine subversive Wirkung haben. Es bricht verfestigte Grenzlinien auf und kann damit auch als eine Öffnung zu Neuem interpretiert werden. 3)

Fußnoten
1) Barthes, Roland: Kritik und Wahrheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988. S. 68.
2) Vgl. Janke, Pia (Hg.): Jelinek-Handbuch. Stuttgart: Metzler  2013, S. 335-340.
3) Lohse, Rolf: Überlegungen zu einer Theorie des Komischen. In: Philologie in Netz 4 (1998), S. 37.

8.10.2015

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