Nicolai Busch: Mythos Europa. Dekonstruktion in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“

Seminararbeit

Elfriede Jelineks Beschäftigung mit dem westlichen Mythos „Heimat“ rückt angesichts der global andauernden Flüchtlingskrise erneut in den Fokus. In ihrem auch heute noch politisch aktuellsten Sprachkunstwerk Die Schutzbefohlenen von 2013 dekonstruiert die Autorin „Heimat“ als Privileg der finanziell und sprachlich Mächtigen. In deren Diskurs kommt der Geflüchtete selbst „nicht zur Sprache“, stattdessen „wird er gesprochen“. Die Daseins-konstituierende Funktion von Sprache bleibt ihm dadurch verwehrt. Ohne die Wechselwirkung mit seiner Umwelt wird er in Jelineks Text zum heideggerschen Ding. Gerade in der Übertreibung dieses verdinglichten Seinszustands ihrer Figuren aber liegt die Voraussetzung für Jelineks Mythendekonstruktion. Indem sie den Sprachdiebstahl an ihren Figuren noch verschärft, erschafft die Autorin in Die Schutzbefohlenen einen künstlichen Mythos „Europa“. An dieser Stelle, durch die Desidentifikation Europas mit sich selbst, wird es möglich, „Europa“ neu zu denken. Was aus der europäischen Identitätskrise erwachsen kann, zeigt uns Jelinek, ist ein Identitätskonzept in ständiger Bewegung, in ständiger Spannung zwischen der Öffnung zur Andersheit und der Erfahrung von Eigenheit.

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6.4.2016