Elisabeth Tropper: Figuren und Ästhetiken der Heimsuchung in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“.

Teilaspekt des Forschungsprojekts
(für den Nachwuchsworkshop 2018)

Ausgehend von Jacques Derridas Les spectres de Marx (1992) hat die „spektrale Metapher“ in den vergangenen Jahrzehnten als Denkfigur und Erfahrungsmodell Einzug in die Geistes- und Sozialwissenschaften gehalten und ist im Zuge dessen auch zur Chiffre für marginalisierte Personengruppen und subalterne Positionen geworden – „Gespenster der Gegenwart“ (E. Peeren), denen im Hier und Jetzt (zumindest vorübergehend) kein Ort zugestanden wird. In Die Schutzbefohlenen bringt Elfriede Jelinek – wie schon Aischylos in seinen Schutzflehenden – unter anderem solche „Gespenster der Gegenwart“ zum Sprechen. Deren prekärer Status manifestiert sich in einer paradoxen Gleichzeitigkeit von Anwesenheit und Abwesenheit; sie befinden sich in einem liminalen Status zwischen den Welten und Rechtsordnungen. „Und es geschieht jetzt, ist vielleicht schon geschehn, wenn Sie dies sehn, was verhängt uns vom Geschick war, nämlich das Ende. Das Verschwinden. […] Wir sind gar nicht da. Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da.“ (DS)
Im Rahmen des hier vorgeschlagenen Beitrags möchte ich untersuchen, in welcher Weise in Die Schutzbefohlenen Phänomene des Gespenstischen und der Heimsuchung im Zusammenhang mit bestimmten europäischen Selbstbeschreibungen produziert, inszeniert und kritisch reflektiert werden. Hierbei stellt sich die Frage, inwieweit das Gespenst eine Figur der radikalen Alterität darstellt (so präsentiert es sich beispielsweise in der Lesart Jacques Derridas), oder ob es nicht doch eher um etwas Vertrautes handelt, das in der Begegnung mit der vermeintlich heimgesuchten Gesellschaft seine unheimliche Wirkung entfaltet (vgl. Freuds Theorie des Unheimlichen) – in letzterer Perspektive wäre das „Andere“ oder „Fremde“ primär als Konstruktion zu verstehen. Diesen Fragen soll auf Basis des Theatertexts sowie einzelner Inszenierungen (zum jetzigen Stand aus Hamburg, Leipzig und Wien) nachgegangen werden, um schließlich zu einer Beschreibung spezifischer Figuren und Ästhetiken der Heimsuchung in Die Schutzbefohlenen zu gelangen.

2.7.2018
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