Juan José Monsell Corts: Implizite Gewalt in der Alteritätsbeziehung in Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek.

Teilaspekt des Forschungsprojekts
(für den Nachwuchsworkshop 2018)

In ihrem Theatertext Die Schutzbefohlenen verleiht Elfriede Jelinek den Ereignissen der Jahre 2012-2013 in Bezug auf die AsylbewerberInnen, die mit der Besetzung der Wiener Votivkirche und einem Hungerstreik gegen die österreichische Asylpolitik protestierten, eine künstlerische Form1). Das Werk besteht aus 27 Abschnitten, die jeweils durch einen Zeilendurchschuss voneinander getrennt sind, und enthält weder Figuren noch Regieanweisungen in Bezug auf Raum oder Zeit. In diesen Abschnitten verwirklicht sich eine Strömung von verschiedenen Stimmen, die in einem allgemeinen ,,wir“ konvergieren und die mit einem abwesenden Gesprächspartner zu kommunizieren versuchen. Das ,,du“ und das ,,ihr“, an die die Stimmen sich wenden, erscheinen nicht im Text. Es gibt keine Antwort für die Bitten des ,,wir“. Das bedeutet, dass sich die Verbindung zwischen dem Ich und dem Anderen als unmöglich erweist. Aber im Fall von Die Schutzbefohlenen werden die Rollen des Ichs und des Anderen umgekehrt. Wer spricht, wer sich kommunizieren will, ist nicht das Ich, sondern der Andere, der wegen seines Status von Alterität nicht verstanden werden kann. Die schon erwähnten Stimmen können nicht gehört werden, weil sie die anderen Stimmen sind, d.h. die Stimmen von den Anderen, die weder zeitlich noch räumlich existieren, die sich außerhalb des neoliberalen abendländischen Diskurses befinden. Diese Stimmen gehören im Sinne der Philosophie von Levinas dem Armen, dem Fremden, der Witwe und der Waise2). Die Gewalt wird nicht aufgrund des Willens des Ichs erzeugt, das Andere in das Selbe umzuwandeln, sondern aufgrund der Unmöglichkeit seitens des Anderen, das Selbe zu werden. Das Andere ist verurteilt, unhörbare Worte auszusprechen, die nicht mehr als ein gewaltiges Schweigen sind. Für dieses Andere ist das Ich (das ,,du“ und das ,,ihr“ in Die Schutzbefohlenen), von dem es endlos entfernt ist, auch eine Alterität: Es ist der große Andere im Lacan’schen Sinn3). Das bedeutet, dass es nicht nur ein Subjekt ist, sondern auch eine Unendlichkeit. Deswegen verweist man auf den großen Anderen mittels wirtschaftlicher und religiöser Begriffe4). An dieser Arbeit werden die Stelle des Anderen und seine Gewaltbeziehung mit dem Ich analysiert.

Fußnoten
1) Szczepaniak, Monika / Agnieszka Jezierska / Pia Janke (Hg.): Jelineks Räume. Wien: Praesens 2017.
2) Lévinas, Emmanuel: Totalité et infini. Paris: LGF 1990.
3) Lacan, Jacques: Écrits. Paris: Seuil 1966.
4) Han, Byung-Chul: Topologie der Gewalt. Berlin: Matthes und Seitz 2013.

2.7.2018
Informationen zu Juan José Monsell Corts