Julia Prager: Enteignende Verschränkungen – Diffraktive Verfahren bei Elfriede Jelinek.

Teilaspekt des Forschungsprojekts
(für den Nachwuchsworkshop 2018)

Die Art und Weise, wie Jelineks Textverfahren Texte, Medien, Zeiten und Räume miteinander verschränken und einzelne Worte (über eine Klassifizierung als Motive oder Topoi hinaus) zu Knotenpunkten dieser Zusammenkommen verdichten, lässt sich aus der Perspektive neuerer Entwicklungen literaturwissenschaftlicher Forschung auch als „diffraktive“ Verfahrensweise beschreiben. Die optische Denkfigur der Diffraktion, die insbesondere von Karen Barad zu einer wissenskritischen Analysefigur ausgearbeitet wurde, meint eine Befragungs- und Verfahrensweise, die auf eine Verschränktheit (entanglement) von Subjekt und Objekt abhebt. Sie geht nicht von präexistierenden Einheiten aus, sondern von aus Intra-Aktionen hervorgehenden Elementen, wobei jegliche Materialität agentiell bestimmt wird. Dieser Ansatz ist mit Alterität verknüpft und lässt sich als kritische Haltung verstehen, eine (postsouverän gestaltete) verantwortliche Position einzunehmen, die aus der unhintergehbaren Verbundenheit des Selbst mit dem und den Anderen hervorgeht. In der
Weiterentwicklung des Ansatzes zur Analyse von ästhetischen Verfahren richtet sich die
Aufmerksamkeit auf die ethisch-politische Potentialität, die sich aus den spezifisch verschränkenden Verfahren radikaler Performativität, Intradisziplinarität und Intramedialität ergibt.
Unter diesem Blickwinkel möchte der vorgeschlagene Beitrag das Zusammenkommen von Texten bzw. von (diffraktiven) Lektüren anderer Texte, die Jelineks Stücke (etwa die Prinzessinnendramen) selbst vollziehen, von medialen Konstellationen (insbesondere Bild-Text-Anordnungen in den Online-Texten sowie von Text und Theater in den theatral agierenden Texten) sowie von (kulturell geprägten) Raum-Zeiten fokussieren. Es soll zum einen gezeigt werden, wie durch das radikale Verfahren der brechenden Verschränkung invektive Redeweisen (etwa die mit den Autorinnen Sylvia Plath, Ingeborg Bachmann und Marlen Haushofer veschränkten Sprechabsätze im V. Prinzessinnendrama) zu Gunsten eines „anderen Verstehens“ umgewandelt werden, um gerade dem Anderen Raum zu geben. Zum anderen sollen die Verflechtungen von kulturellen Räumen und Zeiten (beispielsweise durch die Verschränkung von mythischen und religiösen Symbolen wie dem Widder als transkulturelles Opfertier) in den Blick kommen, die eine prinzipielle Verbundenheit des Einzelnen mit (allen) anderen zum Ausdruck bringen, ohne aber Differenzen einzuebnen. Die Texte – so soll gezeigt werden – vollziehen eine kulturelle Übersetzung im Butler’schen Sinne, indem sie Verbindendes mit Unüberbrückbarem und konkurrierende Universalismen zusammenkommen lassen.

2.7.2018
Informationen zu Julia Prager