Sanna Schulte: Flucht und Schmutz. Überlegungen zur Darstellung der Geflüchteten als „Vulkane aus Scheiße, aus Dreck, aus Müll“ in Elfriede Jelineks „Appendix“

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2018)

Am 18. September 2015, die sogenannte Flüchtlingskrise befindet sich auf ihrem Höhepunkt, veröffentlicht Elfriede Jelinek auf ihrer Homepage den Text Die Schutzbefohlenen. Appendix. Dabei handelt es sich um einen mit weniger Aufmerksamkeit bedachten Anhang, eine Erweiterung der vielbeachteten Schutzbefohlenen. Zu den zentralen Themen des Textes, als dessen Anlass der Tod des zweijährigen Alan Kurdi Anfang September 2015 sowie der krasse mediale Fokus auf das im Mittelmeer ertrunkene Kind gelten können, gehört neben der Auseinandersetzung mit der Berichterstattung und ihren theoretischen wie ethischen Prinzipien auch die Verbindung von Flucht und Schmutz. Jelinek reagiert damit auf die Verknüpfung von Geflüchteten mit Schmutz, die sich im Sprachgebrauch von Medien und Politik sowohl in Deutschland als auch in Österreich im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise zugespitzt hat, und verdichtet diese (sprachliche) Verflechtung an zentraler Stelle:
„Sie schaffen Vulkane aus Scheiße, aus Dreck, aus Müll, es sieht aus, als wäre ein Müllberg explodiert, ja, schauen Sie doch, was die für Dreck machen, und sowas sollen wir jetzt immer unter uns wohnen haben?“
In meinem Beitrag für den Workshop werden die Veränderungen im medialen Sprachgebrauch diskursanalytisch festgehalten und die Ausgrenzungsmechanismen analysiert, die sich im Zuge der Dramatisierung der Ereignisse verfestigt haben. Darauf aufbauend soll gezeigt werden, inwiefern die drastische Darstellung bei Jelinek als Spie-gel der Medien fungiert, auf deren anale Fixierung die Schlagkraft des Textes abzielt. Es wird deutlich, dass Jelinek in Appendix ein Thema der Schutzbefohlenen aufgreift, wo es bereits heißt: „Entfernen Sie uns wie einen Fettfleck!“
Nicht unbeachtet soll auch die Verbindung bleiben, die es zwischen dem Diskurs über die Frau und dem über den Flüchtling gibt: die Inszenierung der Bedrohung durch das sprachliche Aufrufen von Wassermassen, Fluten und Strömen einerseits sowie Ausscheidungen, Schmutz und Abfall andererseits (Vgl. Theweleit). Betrachtet man Jelineks Gesamtwerk, ist auffällig, dass beiden Sprachfeldern – Flüssigkeit und Schmutz – ein hohes poetologisches Potential mitgegeben ist. Es erscheint dabei wenig verwunderlich, dass die oftmals als Nestbeschmutzerin titulierte Autorin sich durch die Reflexion des Schmutzes im öffentlichen Sprachgebrauch positioniert.

2.7.2018
Informationen zu Sanna Schulte