Sebastian Weirauch: Mimikry des Fremden: Elfriede Jelineks Werk aus der Perspektive der literarischen Rhetorik

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2018)

Die Rezeption von Elfriede Jelineks Werk wird von einem selbst bei wohlwollenden Lesern immer wieder aufkommende Lektürewiderstand begleitet. Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass das auf Aufklärung zielende Schreiben der Autorin nicht nur eine „politische[] Sprachanalyse“ (Janke 2002: 7) darstellt, sondern mit einer subversiven Rhetorik operiert, die sich ambivalenter ästhetischer Mittel bedient. Zu diesen Mitteln zählen u. a. ironische Täuschungsmanöver, mediale Unverständlichkeit und sprachliche Überwältigung. Zentral für Jelineks mit dem ironischen Konzept der „Ichlosigkeit“ (Jelinek/Treude/Hopfgartner 2000: 23) operierende Rhetorik ist die fortlaufende Mimikry fremden Sprechens und die provokante Identifikation u. a. mit antisemitischen Topoi (Begriffe wie „Parasitärdrama“, Rachefantasie in KdT).
In meinem Aufsatz rekonstruiere ich Jelineks Schreiben und die darin vollzogene Mimikry des Fremden unter Rückgriff auf die literarische Rhetorik (vgl. Traninger 2013) sowie auf phänomenologische Forschungen (vgl. Avanessian 2010; Despoix/Fetscher 2001). Ich zeichne nach, dass Jelinek in ihren Texten Ambivalenzen erzeugt, indem sie eine ständig verschwischende Mehrfachadressierung von Opfern und Komplizen vornimmt (vgl. Despoix/Fetscher 2001: 200). Im Zentrum steht dabei die „persona“ (Traninger 2013: 200) der Ironikerin, deren ichlose Mimikry des Fremden ein durchgängiges Merkmal von Jelineks Texten darstellt. Diese Ironikerin spricht in der Situation eines permanenten „Double-bind“-Dilemmas (Fueß 1983: 19), das sie auf die Leser zu übertragen versucht.
Im Anschluss an meine Überlegungen stelle ich heraus, dass Jelineks Werk als eine produktiv gemachte Aporie lesbar ist: Einerseits dient die ichlose Ironie als Konzept der Aufklärung, andererseits unterwandert sie dieses Vorhaben durch ihre manipulativen und ambivalenten Eigenschaften (vgl. Damiani 2014). Im Hinblick auf Jelineks Entwicklung als Autorin lassen sich zudem verschiedene Strategien ausmachen, um mit dieser Aporie umzugehen – etwa durch einen Metadiskus (z. B. in bukolit.hörroman oder später in Die Kinder der Toten) oder durch den vermeintlichen Bruch mit der eigenen Rhetorik (z.B. in Winterreise. Ein Theaterstück).

3.7.2018
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