Für den Workshop Elfriede Jelinek: Wissenschaft – Kunst – Demokratie soll ein Kapitel aus meiner Dissertation Die Sprachkomik Elfriede Jelineks und Johann Nestroys ausgearbeitet und Jelineks komische Umschreibung des antiken Königs Ödipus, unter Berücksichtigung der Arbeit Das Heilige und die Gewalt von René Girard, analysiert werden.
Das Theaterstück Am Königsweg (2017) karikiert den Typus des despotischen Herrschers, wofür die Satirikerin den – mittlerweile wiedergewählten – Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump als Vorlage verwendet. In ihrem Stück ist der „König“ kein außergewöhnlicher Charakter, der seine Tat bereut und verantwortungsbewusst Konsequenzen aus seinem Fehlverhalten zieht, sondern ein von sich selbst geblendeter Narziss, der das Volk betrügt und für seine Zwecke missbraucht. Zudem weist Jelinek anhand der Arbeit Girards auf den Schaden hin, der mit einem solchen „König“ einhergeht: Despoten (wie Trump) zerstören die kulturelle Ordnung einer Gesellschaft, also die Differenz des Opferkults, und stürzen eine Kultur zwangsläufig in die Barbarei. Die Diagnose Jelineks ist demnach, dass Trump kein König ist, sondern lediglich vorgibt, einer zu sein; er ist kein besonderes, opferwürdiges Mitglied der Gesellschaft, sondern ein Betrüger.
Da der Workshop nicht nur nach den Befunden Jelineks, sondern auch den konkreten Strategien fragt, um antidemokratischen Diskursen und Rhetoriken entgegenzuwirken, soll in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Sprachkomik in der Literatur Jelineks erörtert werden. Ihre sprachkomischen Verfahren wie Wort- und Sprachspiele, Kalauer oder Neologismen werden von der Autorin oft als subversive Verfahren eingesetzt, um die politischen Strukturen, Ideologien und Machtgefüge in einer neoliberalen Gesellschaft zu dekonstruieren. Die Sprachkomik Jelineks zielt darauf ab, den „König“ der Lächerlichkeit preiszugeben und ihm jene medial erzeugte, religiöse Aura zu nehmen, die ihn als König erscheinen lässt. Daher ist schon der Titel des Theaterstückes eine ironische Zuspitzung Jelineks: Auch wenn sich Trump gerne als absolutistischer Herrscher inszeniert und von der medialen Berichterstattung gelegentlich als König interpretiert wird, so liegt die tatsächliche Gefahr weniger in seinem Despotismus, sondern vielmehr in seiner Unzulänglichkeit. Das Lachen, das auf die Rezeption des Theaterstückes erfolgen soll, ist als „soziale Züchtigung“ – nicht im Sinne Henri Bergsons – zu verstehen. Es soll das Publikum über den „König“ (Trump) und die Risiken seiner antidemokratischen Herrschaftsform aufklären.
Bibliografie:
- Janke, Pia (Hg.): Jelinek-Handbuch. Unter Mitarbeit von Christian Schenkermayr. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Metzler 2024.
- Janke, Pia / Kovacs, Teresa (Hg.): Postdramatik. Reflexion und Revision. Wien: Praesens 2015.
- Janke, Pia / Schenkermayr, Christian (Hg.): Komik und Subversion – Ideologiekritische Strategien. Wien: Praesens Verlag 2020.
- Wirth, Uwe (Hg.): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler 2017.