Julia Vogel: Ästhetische Praxis als Form von Agency unter Bedingungen von Gewalt – Trost und Trotz. Künstlerischer weiblicher Widerstand als Gegenentwurf zu autoritären Diskursen

Das Forschungsvorhaben untersucht, mit welchen ästhetischen Strategien Frauen unter Bedingungen politischer Gewalt, Ausgrenzung und autoritärer Herrschaft künstlerische Handlungsspielräume eröffnen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich in literarischen und musikalischen Formen Widerstand, Selbstbehauptung und kollektive Würde artikulieren und als ästhetische Gegenpraktiken zu autoritären Diskursen wirksam werden.

Ausgangspunkt bildet das Werk der jüdischen deutsch-tschechischen Dichterin und Musikerin Ilse Weber (1903–1944). Ihre im Ghetto Theresienstadt entstandenen Gedichte und Lieder zeigen exemplarisch, wie poetische und musikalische Formen unter extremen Bedingungen Trost stiften, Erfahrungen artikulieren und symbolische Räume menschlicher Autonomie eröffnen. Gerade im Spannungsfeld von Lagerrealität, Fürsorge und künstlerischer Praxis wird sichtbar, wie Musik einerseits für propagandistische Zwecke instrumentalisiert, andererseits jedoch von den Inhaftierten als Medium emotionaler Stabilisierung, kollektiver Identitätsbildung und symbolischer Selbstbehauptung genutzt wurde.

Über diese Fallstudie hinaus fragt der Beitrag, wie sich künstlerische Ausdrucksweisen als spezifische Formen geschlechtlich geprägter kultureller Gegenrede beschreiben lassen. Ziel ist es, ästhetische Strategien weiblicher Widerständigkeit herauszuarbeiten, die nicht nur Zeugnis ablegen, sondern autoritären Ordnungen symbolisch entgegenwirken und alternative Wahrnehmungs- und Denkräume eröffnen.

Ilse Weber bildet dabei den ersten analytischen Ausgangspunkt. Im Rahmen einer weitergehenden Forschung soll die zu untersuchende Fallmenge auf weitere weibliche künstlerische und musikalische Widerstandsformen während der NS-Zeit ausgeweitet werden, um mögliche Gemeinsamkeiten und Handlungsmuster zu identifizieren, die auf heutige Krisen- und Konfliktregionen angewendet werden können.

Damit schließt das Vorhaben an den Forschungshorizont „Wissenschaft – Kunst – Demokratie“ an und knüpft insbesondere an Elfriede Jelineks Analyse antidemokratischer Diskurse und ihrer sprachkritischen Verfahren an. Im Fokus steht die Frage, wie ästhetische Praxis zur kritischen Sichtbarmachung von Machtverhältnissen beiträgt und als Medium kritischer Imagination gesellschaftlicher Alternativen fungieren kann.

Methodisch basiert das Vorhaben auf einer qualitativen Analyse ausgewählter Texte und Lieder aus meiner abgeschlossenen MA-Arbeit an der Universität Mozarteum Salzburg sowie auf einer kulturhistorischen Kontextualisierung. Perspektivisch wird der Ansatz auf weitere Beispiele weiblicher künstlerischer Widerstandsformen im Nationalsozialismus erweitert, um strukturelle Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und deren Anschlussfähigkeit für die Analyse gegenwärtiger autoritärer Dynamiken zu prüfen.

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Bibliografie:

  • Bick, Martina. „Musik und Widerstand – engagierte Komponistinnen“. Text. Digitales Deutsches Frauenarchiv, 2. August 2021. https://www.digitales-deutsches- frauenarchiv.de/themen/musik-und-widerstand-engagierte-komponistinnen.
  • Peduzzi, Lubomír. Musik im Ghetto Theresienstadt: Kritische Studien. Barrister & Principal, 2005.
  • Weber, Ilse. Wann wohl das Leid ein Ende hat: Briefe und Gedichte aus Theresienstadt. Herausgegeben von Ulrike Migdal. München: Carl Hanser Verlag, 2008.
  • Yad Vashem. „Documentation of Ilse (Herlinger) Weber, 1933–1945“. Yad Vashem. The World Holocaust Remembrance Center. Zugegriffen 5. Februar 2026. https://collections.yadvashem.org/en/documents/10480916.