Johanna Peimpolt / Anja Schaflinger: Performativität und Widerstand in „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“. Wie durch Narration und Filmtechnik Gedächtniskultur erschaffen wird

Der Dokumentarfilm Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen (2022) schreibt sich mit den Mitteln der Performativität und der Montage in das politisch-aufklärerische Programm der Autorin ein. Als dokumentarischer Kompilationsfilm betreibt er aktiv filmische Erinnerungsarbeit und wirft im Sinne Elfriede Jelineks „ein scharfes Schlaglicht auf die Wirklichkeit“. Autoritäre Machtbewegungen werden mit den Mitteln der Montage abgebildet und durch sprachliche und mediale Muster offengelegt. Die Montagetechnik hat dabei eine politische, aufklärerische Funktion.

Die vielstimmige Narrativität ist ein Grundbestandteil des vorliegenden Kompilationsfilms. Er arbeitet mit zeitgeschichtlichem und privatem Archivmaterial, das sich aus unterschiedlichen Medienformen zusammensetzt. Es stellt sich in Bezug auf dieses Zusammenspiel die Frage, wie dieses Material im Dokumentarfilm Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen ausgewählt und durch diverse Montagetechniken angeordnet wird, sodass die Performativität des Films wirksam wird. Laut Sergei Eisenstein entsteht Bedeutung im Montageprozess. Nach dem Konzept der Assoziationsmontage erschließt sich der Sinn erst im Zusammenschnitt zunächst konträr erscheinender Bilder. So werden im behandelten Dokumentarfilm beispielsweise aktuelle Bilder von Partyexzessen aus Ischgl in der Abfolge unmittelbar einer atmosphärischen Landschaftsaufnahme aus den 50ern entgegengestellt. Zur Vermittlung zwischen den Szenen dienen die eingesprochenen Zitate aus den Werken der Autorin Elfriede Jelinek, die Macht und Gewalt thematisieren. Durch diese gemeinsame Anordnung von Sprechakten und Archivmaterial eröffnet sich ein performativer Raum, in welchem sich Erinnerungsarbeit als nie abgeschlossener Prozess fortschreibt. Der Film betreibt Gedächtnisarbeit nach dem Konzept doing memory, laut dem sich das kollektive Gedächtnis durch konkrete Erinnerungsakte formt. Davon ausgehend formulieren wir thesenartig, dass die filmische Aufbereitung nicht auf der individuellen Ebene der Biographie Elfriede Jelineks verharrt, sondern ein kollektives, historisches Bewusstsein konstruiert.

Dem geschilderten Forschungsinteresse soll im Rahmen eines kollaborativen Projekts nachgegangen werden. Im Zuge dessen wird das Verfassen einer literatur- und filmwissenschaftlichen Arbeit angestrebt, die zudem mit kulturwissenschaftlichen Fragestellungen interagiert.

Schlüsselwörter: Performativität – Kompilationsfilm – doing memory – Montage – Gedächtnisarbeit – Elfriede Jelinek.

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Bibliografie:

  • Bal, Mieke: Performanz und Performativität. In: Huber, Jörg (Hrsg.): Kultur – Analysen. Wien und New York: Springer-Verlag 2001, S. 197–242.
  • Bruzzi, Stella: New Documentary. A Critical Introduction. London: Routledge 2000.
  • Eisenstein, Sergej: Sergej Eisenstein Selected Works. Volume II. Towards a Theory of Montage. Taylor, Richard (Hrsg.). London: Bloomsbury Publication 2010.
  • Müller, Claudia: Elfriede Jelinek. Die Sprache von der Leine lassen. Österreich & Deutschland: 2022.