Südöstlich von dem Medien-Imperium-Projekt der Freiheitlichen Partei Österreichs[1], besteht seit sechzehn Jahren eine autokratische Regierung unter dem Deckmantel „illiberaler demokratische Rechtsstaat Ungarn“[2]. Der fortwährende Rechtsruck in Österreich, aber auch in Deutschland, Italien und Polen scheint demokratische Grundprinzipien zu übertönen und „[…] de[n] Atem der Demokratie schwächer [werden lassen].“[3] Von der Volksmusik zum „Volkskanzler“[4], bis hin zum ‚Volksradio‘ – „Austria First!“[5].
Die Tendenz ‚Rechts‘ zu wählen verschiebt sich demografisch und immer mehr junge Menschen wählen rechtsnationale, rechtspopulistische Parteien. Dabei entkräftet sich der bis dato ‚altbewährter‘ Mythos der vermeintlich ‚konservativen älteren‘ Generationen.
Österreich war in den 1980ern von politischer Brisanz gezeichnet, vor allem aufgrund der Kurt-Waldheim-Affäre[6] um 1986 sowie der künstlerischen Interventionsarbeit[7] zur Dekonstruktion der österreichischen Opfer-These[8], insbesondere, durch SchriftstellerInnen wie Elfriede Jelinek mit Burgtheater[9] (1985) sowie Thomas Bernhard mit Heldenplatz[10] (1988). Der Nerv der österreichischen Politik und Vergangenheitsbewältigung schmerzte.
Zudem eröffnete Jelinek mit ihrer Heinrich-Böll-Preisrede In den Waldheimen und auf den Haidern[11] einen literarischen Dialog in der Politiklandschaft Österreichs und daraufhin wurden ihr im Zuge der Skandalisierungen rund um Burgtheater 1985 medial diffamierende Zuschreibungen wie jene der „Nestbeschmutzerin[12]“ attribuiert.
Ihr umfassendes politisch-aktivistisches Engagement bis in die frühen 2000ern ist vor allem in Jelinek & Österreich – Die Nestbeschmutzerin, herausgegeben von Pia Janke, ausgiebig dokumentiert worden. Seit dem Beginn ihrer schriftstellerischen Tätigkeit schreibt Jelinek etwa gegen politisch verharmlosenden Medienpessimismus etwa in Stecken, Stab und Stangl[13], an, in dem der „mediale Einheitsbrei“ bezüglich verharmlosender Berichterstattungsmodi satirisch demontiert wird.[14]
Jelineks Schreibverfahren ist maßgeblich von den ästhetischen Positionen der 1960er geprägt, insbesondere im Hinblick auf Roland Barthes‘ Alltagsmythen[15]. Durch Destruktions- und Verfremdungsverfahren werden auf impliziter und poetischer[16] Art und Weise, speziell, ihre Kurzprosatexte, Essays und Theatertexte zu einem politisch-aufklärerischen Sprachrohr[17]. Die Position die dabei entsteht ist jene der aktiven Beobachterin.
Elfriede Jelinek schreibt gegen den „schönen Schein“[18] der vergangenen und aktuellen Ereignisse sowohl österreichspezifisch als auch mit einem geschärften Augenmerk auf globale Phänomenen an. Ihr wird eine Art scharf- und hellsichtige prógnōsis zugeschrieben, in der sich kassandra-ähnliche, vorausahnende Mechanismen in Bezug auf politische Umbrüche manifestieren[19]. In ihrem Werk werden antidemokratische Tendenzen angeschnitten und Elfriede Jelinek gilt als Vorreiterin unter österreichischen Künstler*innen dieser Geschichtsentlarvung, denn ihr Œuvre resoniert intensiv auf politische Wandel und die Politik resoniert ebenso auf ihr Werk.
[1] Vgl. Florian Bayer: Parteisender in Österreich – Propagandaradio für Patrioten. taz.de. Berlin: taz Verlags u. Vertriebs GmbH. . Erscheinungsdatum: 19.01.2026. https://taz.de/Parteisender-in-Oesterreich/!6146339/ (Zugriff: 15.03.2026).
Vgl. Colette M. Schmidt Fabian Schmid: FPÖ-Kanal Mit Mainstream-Hits gegen den „Mainstream“: Das blaue Radio Austria First. Oscar Bronner (Hg.) Wien: STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. Erscheinungsdatum: 25.01.2026. https://www.derstandard.at/story/3000000304980/mit-mainstream-hits-gegen-den-mainstream-das-blaue-radio-austria-first (Zugriff: 16.03.2026).
[2] Vgl. Petra Horbrietz: Wir werden Europa erobern! Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie. München: Verlag Antje Kunstmann, 2025.
[3] Elfriede Jelinek, Der Atem-Automat. 2014.
[4] Pelinka, Peter, u.a: „Reformkanzler“ gegen „Volkskanzler: Das schwierige erste Jahr des Andreas Babler“. In: Österreichisches Jahrbuch für Politik 2023, 1.Auflage 2023. Wien: Böhlau Verlag, 2024. S. 195–210.
[5] https://www.zeit.de/kultur/2026-01/radio-austria-first-fpoe-patriotismus (Zugriff: 20.03.2026) & https://austriafirst.at/ (Zugriff 28.03.2026).
[6] Vgl. Siegfried Mattl: Ästhetik als Opposition. Wien: Praesens-Verlag, 2008, S. 45; Vgl. Veronika Zangl: Austria’s post-89: staging suppressed memory in Elfriede Jelinek’s and Thomas Bernhard’s plays Burgtheater and Heldenplatz. 2013, S. 272.
[7] Elfriede Jelinek: „diese verlogene Unschuld Österreichs war schon immer mein Thema gewesen“. Wien. Praesens. 2020, S. 108. Im Interview-Gespräch mit Elfriede Jelinek spricht Pia Janke über Stecken, Stab und Stangl – Eine Handarbeit (1997) und Rechnitz (Der Würgeengel)(2008) und beleuchten die Kernthematik der ‚vermeintlichen‘ Unschuldigkeit Österreichs sowie der mangelnden Vergangenheitsbewältigung nationalsozialistischer Verbrechen
[8] Vgl. Sylvia Paulischin-Hovdar: Der Opfermythos bei Elfriede Jelinek: Eine historiografische Untersuchung. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag. 2017.
[9] Jelinek, Elfriede & Ute Nyssen: Theaterstücke. 7. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt- Taschenbuch-Verlag, 2004, S. 130-189.
[10] Thomas Bernhard: Heldenplatz. Erstausgabe., 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988.
[11] Elfriede Jelinek: In den Waldheimen und auf den Haidern. Rede gehalten am 2.12.1986 in Köln. Erschienen in der „ZEIT“ 50 (1986); auch in: Alms, Barbara (Hg.): Blauer Streusand. Frankfurt am Main 1987, S. 42-44
[12] Pia Janke: Jelinek & Österreich – Die Nestbeschmutzerin. Salzburg und Wien: Jung und Jung- Verlag. 2002. S.7.
[13] Jelinek, Elfriede, Stecken, Stab und Stangl. Eine Handarbeit [1995], in: , Stecken, Stab und Stangl. Raststätte oder Sie machens alle. Wolken.Heim. Neue Theaterstücke, 3. Auflage, Reinbek, bei Hamburg: Rowohlt, 2004, 15–68.
[14] Vgl. Monika Sczepaniak: Elfriede Jelinek. Literatur Kompakt. Baden-Baden: Tectum. 2022, S. 26.
[15] Vgl. Christa Gürtler (Hg.): Gegen den schönen Schein – Texte zu Elfriede Jelinek. Frankfurt (Main): Verlag Neue Kritik, 1990
[16] Vgl. Sigrid Schmid-Bortenschlager: Gewalt zeugt Gewalt zeugt Literatur… „wir sind lockvögel baby!“ und andere frühe Prosa. In: Christa Gürtler (Hg.): Gegen den schönen Schein – Texte zu Elfriede Jelinek. Frankfurt (Main): Verlag Neue Kritik, 1990. S. 30.
[17] Vgl. Christa Gürtler: Vorwort. In: Christa Gürtler (Hg.): Gegen den schönen Schein – Texte zu Elfriede Jelinek. Frankfurt (Main): Verlag Neue Kritik, 1990. S. 8.
[18] Ebd., S. 7.
[19] Vgl. Monika Sczepaniak: Elfriede Jelinek. Literatur Kompakt. Baden-Baden: Tectum. 2022, S. 11ff.