Mit einem Perspektiv aus Ökokritik und Kritik der Petromaskulinität untersucht der vorliegende Beitrag die Tiermetaphorik in Elfriede Jelineks Prosatext Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr als zentrale ästhetische Strategie zur Kritik politischer, ökonomischer und geschlechtsspezifischer Machtstrukturen. Ausgangspunkt ist die These, dass Tiere in Jelineks Text nicht als traditionelle Naturzeichen fungieren, sondern als deformierte und funktionalisierte Opferfiguren erscheinen, die einerseits durch Materialisierung des Großkapitals entfremdet, getötet und verziert werden; andererseits werden Tiere ebenso durch literaturgeschichtliche Reproduktion als Darstellung des Kunstideals kultiviert und mystifiziert werden.
Im Beitrag wird drei Tiere analysiert: Hirsch, Insekten und Vogel. Der Hirsch, traditionell als „König des Waldes“ aufgeladen, wird in eine Logik der „Verfleischerung“ überführt: Fleisch fungiert als Metapher ökonomischer Verwertung und verweist auf die Reduktion von lebendigen Tieren auf konsumierbare Materie, in welchem Prozess Tötung vom ökonomiscen Gewinn der Massenschlachtung neutralisiert wird. Zugleich fungiert die Figur des „Kaufhauskönigs“ als Herrscher des Waldes und wird als Repräsentant kapitalistischer Macht eingeführt, der die symbolische Ordnung der Natur ersetzt. In dieser Konstellation erscheint der Hirsch als Opfer einer patriarchal-kapitalistischen Herrschaftsstruktur, wobei die Jagdmotive eine historische Resonanz zur nationalsozialistischen Praxis herstellen und zugleich den traditionellen Heimatbegriff dekonstruieren.
Die Analyse der Insektenmetaphorik verdeutlicht eine weitere Dimension der Entwertung von Leben und Schmerzen aus der NS-Geschichte. Schmeißfliegen erscheinen einerseits als Verweis auf barocke Kunst- und Vanitas-Semantik, andererseits als anonyme Opfer von Vernichtungsmechanismen, die sich etwa in der Bildlichkeit von Giftgas[1] verdichten. Der Käfer verweist einerseits auf Wittgensteins Käfermetapher und referiert andererseits intertextuell auf Kafkas Die Verwandlung; darüber hinaus ironisiert der Roman durch die Darstellung von Parasiten mediale ideologische Propaganda.
Letztendlich wird Vogeldarstellung als Ironie von Pseudo Autonomität der Kunstschöpfung analysiert, die Künstlerinnen scheinbar genießen, werden in der Tatsache von Verlagswesen und Kunstmarkt kontrolliert wird. Darüber hinaus verknüpft der Roman das Motiv des Fliegens mit dem Bildungsniveau der Frauen und greift dabei die Raubtier-Topoi Baudelaires auf, der Autorinnen als Raubtiere metaphorisiert. Zudem thematisiert der Roman das Scheitern des Fliegens – das Fallen –, das im vorliegenden Beitrag als Entmystifizierung des Ikarus-Mythos analysiert wird. Der Roman inszeniert das Motiv des Fliegens als vermeintlicher Ausdruck künstlerischer Freiheit, jedoch zugleich als „Pseudo-Fliegen“ entlarvt. Die Gegenüberstellung von Fliegen und Boden markiert eine grundlegende Entfremdung, die sich sowohl auf den Verlust von Heimat als auch auf die Bedingungen literarischer Produktion bezieht. Unter Rückgriff auf literatursoziologische Ansätze lässt sich zeigen, dass Autorschaft im Kontext des Verlagswesens zunehmend ökonomischen Selektionsmechanismen unterliegt, wodurch das Ideal künstlerischer Autonomie strukturell unterlaufen wird.
Vor diesem Hintergrund wird die Tiermetaphorik als ästhetische Verdichtung jener Prozesse lesbar, in denen Natur, Körper und Kreativität gleichermaßen den Logiken von Kontrolle, Verwertung und geschlechtlich codierter Macht unterworfen sind. In Anknüpfung an das Konzept der Petromaskulinität lässt sich diese Dynamik als Teil einer umfassenderen Struktur der Naturbeherrschung verstehen, die nicht geschlechtsneutral ist, sondern in hegemoniale Männlichkeitsentwürfe eingebettet bleibt. Die Analyse zeigt somit, dass Jelineks Text weder eine romantische Naturästhetik noch eine autonome Kunstpraxis affirmiert, sondern vielmehr deren Bedingungen radikal in Frage stellt.
Bibliografie:
- Daggett, Cara New. Petromaskulinität: Fossile Energieträger und autoritäres Begehren. Übersetzt von David Frühauf, 2. Aufl., Matthes & Seitz Berlin, 2023. (Fröhliche Wissenschaft, Bd. 216.)
- Jan Mohnhaupt: Tiere im Nationalsozialismus. München: Hanser Verlag. 2022
- Amlinger, Carolin. Schreiben: Eine Soziologie literarischer Arbeit. Suhrkamp Verlag, 2021.
- Waldner, Gernot: Ecology and its Discontents: the Concept of Nature in Elfriede Jelinek’s Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr. Ecologies of Socialism. 2019. Germany, Nature, and the Left in History, Politics, and Culture. (Ed.) Sabine Mödersheim, Scott Moranda, Eli Rubin. https://doi.org/10.3726/B11146.
- Heberger, Alexandra: Der Mythos Mann in ausgewählten Prosawerken von Elfriede Jelinek. Osnabrück: Der Andere Verl. 2002. S.123.
[1] Jelinek, Elfriede: Oh Wildnis, Oh Schutz vor Ihr. Reinbek am Hamburg: Rowohlt Verlag. 2004. [3] Aufl., S.36.