Sebastian Kugler: Kannibal und Kapital. Zur autoritären Selbstaufhebung der Demokratie in Form des ‚Präsidenten‘ in Elfriede Jelineks „reinGOLD“ und „Präsident Abendwind“

Der vorgeschlagene Beitrag geht von der These aus, dass Elfriede Jelinek Demokratie nicht als Gegenmodell zur kapitalistischen Vergesellschaftung entwirft, sondern als deren spezifische Erscheinungsform verhandelt – und zwar als eine Form, in der sich Prozesse der Kapitalisierung als Kannibalisierung bis zur autoritären Selbstaufhebung des Demokratischen vollziehen. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Krisendiagnosen – Erosion demokratischer Institutionen, autoritäre Verschiebungen und populistische Mobilisierung – wird demnach gefragt, inwiefern Jelineks Texte diese Entwicklungen nicht nur reflektieren, sondern deren strukturelle Logik freilegen. Im Zentrum steht dabei die Figur des „Präsidenten“ als Form, in der sich das Verhältnis von Kapital und Demokratie politisch artikuliert und selbst aufhebt – als Kannibalisierung des Demokratischen unter Bedingungen seiner Kapitalisierung.

Ausgangspunkt ist Präsident Abendwind (1988), Jelineks Adaption von Nestroys Häuptling Abendwind (1862) vor dem Hintergrund der Waldheim-Affäre. Bereits hier wird demokratische Herrschaft als Form der Konsumtion inszeniert: Der Präsident von Großjuhu spricht das Volk als „Mitesser“ an, um es zugleich selbst zu verzehren. Die wiederholte tautologische Formel „gewählt ist gewählt“ markiert dabei die formale Legitimation politischer Macht, die am Ende in die Gewaltformel „Gewalt ist Gewalt“ umschlägt. In dieser Verschiebung tritt die innere Logik demokratischer Repräsentation zutage: Ihre Legitimität gründet nicht außerhalb der Macht, sondern reproduziert deren Durchsetzung. Wenn Abendwind von seinen Wähler:innen sagt: „Die wern scho lernen, was ein Präsident is“, erscheint politische Souveränität als Gewaltverhältnis, das sich erst durch die demokratische Legitimierung realisiert. Diese wirkt als pädagogisierte (Selbst-)Unterwerfung. Nur durch diese autoritäre Präformatierung des Demokratischen kann Abendwind „ein Präsident für alle Großjuhuer“ sein. Die Kannibalisierung der Demokratie geht dabei mit ihrer Kapitalisierung einher: Das Wahlvolk wird entweder direkt verspeist oder als Fleischexport verwertet.

Kapitalisierung als Kannibalisierung der Demokratie wird in Rein Gold (2013) – Jelineks Fort- bzw. Umschreibung von Wagners Das Rheingold, dem ersten Teil des Ring des Nibelungen-Zyklus (1876) – anlässlich der Finanz- und Schuldenkrise von 2008ff unter veränderten historischen Vorzeichen neu artikuliert. Geld, Wert, Profit, Schuld und Zirkulation strukturieren die Sprache der Figuren. Der dabei wiederholt als „Präsident“ adressierte Wotan fungiert nicht als souveräner Ursprung politischer Ordnung, sondern als Funktionsträger innerhalb einer totalisierten Verwertungslogik, die kein Außen mehr kennt. Während Präsident Abendwind die politische Form der Konsumtion drastisch materialisiert, erscheint sie in Rein Gold als abstrakte Bewegung ökonomischer Prozesse, die politische Souveränität von vornherein unterlaufen. Kapitalisierung erscheint so als Kannibalisierung in zwei Modi – als materielle Verzehrung und als formale Verwertung. In beiden Fällen stellt die Figur des „Präsidenten“ die politische Vermittlungsform jenes Kannibalisierungsprozesses des Demokratischen dar, dessen Opfer sie schließlich auch selbst wird.

Abschließend soll gezeigt werden, dass Jelineks ästhetische Verfahren – insbesondere die an Nestroy geschulte immanente Kritik der Phrase – als epistemische Strategie zu verstehen sind. Indem die Texte demokratische Legitimation bis zur Selbstaufhebung treiben, machen sie die immanente Verflechtung von Kapital und politischer Form sichtbar und eröffnen so einen kritischen Zugriff auf gegenwärtige autoritäre Dynamiken, die die liberale Demokratie nicht von außen zu zerstören, sondern von innen zu verschlingen drohen.

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Bibliografie:

  • Elfriede Jelinek: Präsident Abendwind. In: Herbert Wiesner (Hg.): Anthropophagen im Abendwind. Berlin: Literaturhaus Berlin, 1988, S.19–35.
  • Elfriede Jelinek: Rein Gold. Ein Bühnenessay. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2013
  • Johann Nestroy: Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl. In: Johann Nestroy: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Jürgen Hein, Johann Hüttner, Walter Obermaier und William Edgar Yates. Wien: Deuticke, 1977–2010. Bd. Stücke 38. Hg. v. Peter Branscombe, S. 41–79.
  • Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen. Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend. Textbuch mit Varianten der Partitur. Hg. v. Egon Voss. Stuttgart: Reclam, 2009