Monika Szczepaniak: „Ich rede und rede.“

Tagungsbericht

Unter dem Titel „Ich rede und rede.“ Elfriede Jelineks theatralische Masken fand am 20. und 21. Oktober 2007 in Bydgoszcz (Polen) ein vom Teatr Polski Bydgoszcz, dem Lehrstuhl für Germanistik der Universität Bydgoszcz und dem österreichischen kulturforum warschau organisiertes Symposium zu Elfriede Jelinek statt. Es war dem Gastspiel des Thalia Theater Hamburg mit Elfriede Jelineks Stück Ulrike Maria Stuart (Regie: Nicolas Stemann) vorangestellt und wurde von der szenischen Lesung des Textes Über Tiere und der Projektion von Fragmenten der Inszenierung von Ein Sportstück begleitet. Weiterlesen

Ester Saletta: Die Allegorie „des Sehens“ in Hieronymus Boschs Tafelbild „Die sieben Todsünden“ und in Elfriede Jelineks Fortsetzungs-Roman „Neid“

Saletta1

Als ich das erste Mal Elfriede Jelineks neuen Fortsetzungs-Roman Neid. Ein Privatroman auf der Homepage der österreichischen Nobelpreisträgerin las, habe ich mich nicht geschämt, als Germanistin und Jelinek-Forscherin zu behaupten, daß ich diesmal im Vergleich zu den anderen früheren Werken Jelineks größere Schwierigkeiten hatte, Inhalt und Struktur der Narration mit dem Titel der Arbeit sowie auch mit der Entscheidung der Autorin, Hieronymus Boschs Tafelbild Die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge (1475-1480) als Illustrationsmittel für jedes Kapitel zu wählen, zu verbinden. Weiterlesen

Gernot Hausar: Elektronisches Publizieren

Elektronisches Publizieren – The Medium is the Message

„In a culture like ours, long accustomed to splitting and dividing all things as a means of control, it is sometimes a bit of a shock to be reminded that, in operational and practical fact, the medium is the message. This is merely to say that the personal and social consequences of any medium – that is, of any extension of ourselves – result from the new scale that is introduced into our affairs by each extension of ourselves, or by any new technology.“ Weiterlesen

Norbert Bachleitner: Elfriedes Romanblog

Selbstverlag: Die Privatisierung der Literatur

Der neue Roman von Elfriede Jelinek ist laut Untertitel ein Privatroman, das bedeutet, glaubt man der Verfasserin, zweierlei: dass mehr Privates als sonst in den Text einfließt und dass er gewissermaßen im Selbstverlag erscheint. (Interview in der FAZ, 17.4.2007) Die erste Behauptung ist nicht nachzuprüfen, vielleicht wird sich die Philologie in einigen Jahrzehnten auf die Spurensuche machen, wie sie das einst im Fall von Goethe und anderen Klassikern getan hat; bis dahin muss man solchen Beteuerungen einfach glauben (oder auch nicht). Denn, dass eine Erzählerin einmal in Klammern E. J. einfügt (Neid 1,16) und sich ein anderes Mal als Elfriede outet (Neid 1,36), erhöht den Authentizitätsgrad nicht ernsthaft. Selbstverlag ist eine Veröffentlichung im Internet aber allemal. Aus der langen Vorgeschichte dieser Veröffentlichungsform sei nur Klopstock erwähnt, der 1772/73 seine Gelehrtenrepublik auf diese Weise vertrieb. Er erhoffte sich davon Gewinn durch eine hohe Zahl von Subskribenten, die er persönlich anschrieb (und er hatte Erfolg damit). Allerdings muss man auch daran erinnern, dass die Mehrzahl der Subskribenten bodenlos enttäuscht von dem schwer verständlichen und trockenen Buch war. Selbstverlag war immer auch schon Produktion von im regulären Verlagswesen nur schwer oder gar nicht unterzubringenden Texten. Im Internet ruft Selbstverlag dagegen bereits als erste Assoziation die bei mehr oder weniger talentierten Amateuren seit einigen Jahren beliebte Form des blogs hervor. Manche stellen ihre Fotos von der Hochzeit, von familiären Neuzugängen, vom Urlaub, vom neuen Fertigteilhaus und andere atemberaubende news ins Netz, manche nützen das willige Medium, um ihre literarischen Erzeugnisse zu offerieren. Das ist eine Form von ‚Privatisierung‘, die, wie oft hervorgehoben, einen Schritt zur Demokratisierung der Literatur bedeutet. Sie hat zwar den Namen mit der Privatisierung der Pensionsvorsorge, der Kultur, der Wissenschaft usw. – kurz: aller Lebensbereiche, um die sich der Staat früher einmal gesorgt hat, gemeinsam, aber zum Glück geht es hier nicht um die Bekämpfung von Budgetdefiziten von AutorInnen wie zum Beispiel bei Klopstock, im Gegenteil, wie Literatur im Internet generell, kann man Neid kostenlos lesen (und sogar ausdrucken).

Flickering signifiers

Das ist schön, die Veröffentlichungsform hat aber auch einen Haken. Man muss schnell zuklicken, sonst ist der Text vielleicht wieder weg. Es ist beinahe schon ein Gemeinplatz, dass das wichtigste Merkmal von Literatur im digitalen Medium die Flüchtigkeit ist. Die Texte bestehen aus instabilen „flickering signifiers“ (N. Katherine Hayles), die sich keiner permanenten Existenz erfreuen, sondern, je nach Bildschirmqualität, ca. 100 mal pro Sekunde von der Bildfläche verschwinden. Zudem werden sie spätestens bei der nächsten Stromunterbrechung zur Gänze gelöscht. AutorInnen, die für das Netz schreiben, sind sich dieses Umstandes bewusst. Fast regelmäßig kommt es zu selbstreflexiven Auseinandersetzungen mit den Folgen, die die Launenhaftigkeit der elektronisch generiertren Buchstaben für das Schreiben hat. Auch Jelinek weist wiederholt darauf hin. Während die vanitas des elektronischen Textes meist bedauert wird, betrachtet die Autorin von Neid die Vorstellung, ihren Text jederzeit löschen, also zurücknehmen zu können, als tröstlich: „Außerdem behalte ich mir vor, falls ich scheitere oder zu scheitern glaube, den Roman als Torso einfach so stehenzulassen, ihn nachträglich umzuschreiben oder ihn einfach aus dem Netz zu nehmen, falls ich das möchte beziehungsweise falls ich es nicht aushalte, dass er da einfach so steht und blöd aus dem Bildschirm herausglotzt.“ (Interview in der FAZ, 17.4.2007) Im Roman wird mehrmals auf das Transitorische dieses Aufschreibesystems hingewiesen: man sollte den Roman lieber rasch verzehren (Neid 1,51), bevor seine Verfasserin auf die Idee kommt, ihn wieder aus dem Regal zu nehmen. Andererseits kann man ihn selbst sehr leicht beseitigen, indem man auf das kleine Kreuz rechts oben am Bildschirm klickt, was die Autorin sarkastisch mit der Liquidierung von 29 Verwandten anno dazumals vergleicht (Neid 1,60). Weitere selbstreflexive Bemerkungen betreffen die vergleichsweise große Freiheit im neuen Medium, in dem einem niemand etwas zu schreiben verbieten kann (Neid, 1,61), und die Frage des Publikums, das hier erreicht werden kann. Das ist tatsächlich ein interessanter Punkt, der eine empirische Untersuchung wert wäre. Die Quantität der Zugriffe ist einfach zu ermitteln, aber wer sind die online-Leser von Neid? Unterscheiden sie sich von den Jelinek-Buchlesern und -leserinnen? Und wenn ja, inwiefern? Zu denken ist an Jugendliche, die idealtypischen dauersurfenden Internetkids. Aber Jelinek ist wohl zu Recht skeptisch, dass sie dieses Publikum für sich gewinnen kann. (Neid, 1,70)

Eine ungenützte Chance?

Unverständlich ist, warum die Verfasserin nicht die Gelegenheit ergriffen hat, um die Möglichkeiten des Schreibens im Cyberspace zu nützen. Einige unvorgreifliche Ideen: Hyperlinks drängen sich geradezu auf, wenn von der Erforschmaschine Gucki oder der Guckmaschine Wiki die Rede ist (Neid, 1,4 und 7). Außerdem hätten auf diese Weise Referenzen auf den Kontext konkretisiert werden können, zum Beispiel in Form von Links zum Wikipediaeintrag über den heimlichen Helden des Romans, den steirischen Erzberg. Auch wenn es um die Authentifizierung des im Text wiederholt erwähnten Todesmarsches geht (z. B. Neid, 1,24), hätten Links zu allfälligen Dokumenten ihren Reiz, um die Feststellung, dass „das“ ausnahmsweise stimme, zu untermauern. In einem Roman, von dem die Verfasserin zugibt, dass das meiste nicht von ihr stammt (Neid, 1,30), wären solche Verfahren durchaus angebracht. Abgesehen von den Außenreferenzen könnte man sich den Text selbst gut als Hypertext organisiert vorstellen. Die Roman-Handlung ist minimal – ob man etwas früher oder später erfährt, dass Brigitte K. der wohlhabende Geschäftsinhaber von einer Sekretärin weggeschnappt wurde, macht wohl kaum einen großen Unterschied. Und: dem Bildschirm angepasste Textportionen statt siebzig abatzloser Seiten am Stück würden den Lesekomfort stark anheben. Aber wahrscheinlich widerspräche eine solche formale Ausgestaltung der Idee eines nur provisorisch hingeworfenen und jederzeit rückrufbaren ‚Privatromans‘.

21. Mai 2007

Norbert Bachleitner ist Leiter der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Wien.

Weiterführende Literatur

Christiane Heibach: Literatur im elektronischen Raum. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003 (stw 1605).
Roberto Simanowski: Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002 (es 2247).

Rainer Just: Zeichenleichen – Reflexionen über das Untote im Werk Elfriede Jelineks

Leichenzeichen, würden in der eigentlichsten Bedeutung die wahren Merkmahle der Fäulniß bey einer Leiche seyn. Im gemeinen Leben aber nennt man auch diejenigen blauen Flecke eben so, welche man manches Mahl im Schlafe entweder durch einen Stoß, oder dergleichen, manches Mahl aber auch von Geblütstockung, erhält. Der gemeine Mann nennt diese Flecke in der platten Sprache auch Gesikneep, (Geistkniffe), Dodenkneep (Todtenkniffe), in der Prignitz Dodenplack, (Todtenflecken,) und glaubt, daß solche vom Kneifen der Gespenster oder des Alps herrühren. Weiterlesen

Sabine Treude: Die Aufhebung und das Archiv

Zur flüchtigen Präsentationsform von Jelineks Neid

„Heute jedoch verwandeln beschleunigte Archivierungsweisen, aber auch Abnutzung und Zerstörung die Struktur und die Zeitlichkeit, die Dauer des Erbes. Die Frage des Überlebens nimmt für das Denken nunmehr völlig unvorhersehbare Formen an.“
Jacques Derrida 1

Mit dem Archiv und den traditionellen Prinzipien der Archivierung könnte Jelineks neue Form der Veröffentlichung ihres Romans Neid durchaus zu tun haben.
Also nicht nur ein Schlag gegen all diejenigen, die sich als Bibliophile verstehen und denen vor der bedruckten Zettelwirtschaft graust. Ebenso wenig übrigens wie die Publikationsform als bloße Anbiederung an unsere Technokultur zu sehen ist.
Nein, Jelinek versteht es durchaus alt zu werden, und sie versteht es – erstaunlicherweise -, auch ohne das Archiv oder die Ein – und gespenstische Gefangennahme2 durch zwei Buchdeckel und das damit verbundene verlegerische Spektakel. Mit der Publikationsform von Neid überantwortet Jelinek Überleben im Sinne einer stetigen Aufgabe, die das Erbe stellt.
Worauf will ich hinaus?
Im Grunde – wie kann es anders sein – auf Dreierlei:
1) Wie so häufig sehe ich die Publikation ihres Romans im Internet – und nur dort – als einen höhnischen Affront gegen den von Jelinek immer wieder persiflierten Martin Heidegger. War er es doch, der behauptete, dass jegliches technische Gerät, das sich mit Ausnahme des Stifts oder der Feder zwischen Kopf und Hand dränge, zwangsläufig zum Irrsal des Denkens generiere. Kein Wunder also, dass er die Tipperei seiner Frau überließ.
Jelinek antwortet gründlich darauf.
2) „In chinesischen Legenden steht geschrieben, daß große Meister in ihre Bilder hineingingen und verschwunden sind. Die Frau ist kein großer Meister. Deshalb wird ihr Verschwinden nie vollkommen sein. Sie taucht immer wieder auf, beschäftigt wie sie ist, mit dem Verschwinden.“ Eva Meyer3
Das Prinzip der Archivierung etwa von Büchern gründet darauf, die einen zum Meister zu erheben und von den anderen zu schweigen. Ob man will oder nicht, im Moment der Publikation eines Buches, das noch dazu mit Preisen geehrt wird, setzt man sich sowohl den verlegerischen Reglements der Autorschaft, den gesellschaftsrelevanten wie politischen Prinzipien der Archivierung als auch dem Spektakel um die Person aus – drei etablierte Umgangs – und Reaktionsstereotypen, hinter denen die Texte und Inhalte nur gar zu häufig zu verschwinden drohen.
Ihnen verweigert Jelinek sich nunmehr im gleichen Zuge wie sie sich der möglichen Flüchtigkeit zuschreibt.
3) „sie sollen dieses buch sofort eigenmächtig verändern. (…)“ Elfriede Jelinek4
Schon früh thematisierte Jelinek das passiv bewundernde Konsumverhalten nicht ohne die Leserinnen und Leser ihrer Texte durch die Aufforderung, selbst Hand anzulegen, kritisch mit diesem Verhalten zu konfrontieren. Bildungskapitalistisch gesehen ist man bei Jelinek schlecht aufgehoben. Mit der neuen Publikationsform geht sie noch einen Schritt weiter, sofern es nicht mehr reicht, in ein Geschäft zu gehen und das Buch zu kaufen, nein, man muss den Bildschirm anwerfen und den Text gegebenenfalls selbst ausdrucken.
Zudem wird der Lesefluss, sofern man der Neugier nicht widerstehen kann, gebremst, da die Kapitel des Romans sukzessive erscheinen. Fortsetzung folgt, aber wann? Monate später, so dass man sich wohl kaum noch an die bei Jelinek immer wichtigen Details erinnern kann, was schließlich bedeutet, dass man die vorangegangene Lektüre wiederholen muss.
Fortsetzung und Wiederholung kennen wir hinreichend aus dem Fernsehen. Doch genau das Abwarten und Zuschauen gewährt uns Jelinek mit diesem Roman nicht. Nein, so ganz und glatt frisiert5 wird auch dieser Text nicht zu haben sein, mit dem Unterschied allerdings, dass er uns unmittelbar heimsucht oder eben nicht.
Die Wahl und die Aufhebung liegen jeweils bei den einzelnen LeserInnen.

19. Mai 2007

Sabine Treude lebt und arbeitet u.a. als freie Publizistin in Waidhofen/Ybbs und ist Lehrbeauftragte am Institut der Philosophie an der Universität Klagenfurt.

Fußnoten
1) Jacques Derrida, Leben ist Überleben. Wien 2005, S. 41.
2) Vgl. ebenda, S. 40.
3) In: Elfriede Jelinek: Krankheit oder Moderne Frauen. Köln 1987, S. 5.
4) Elfriede Jelinek: wir sind lockvögel baby! Reinbek 1989, Gebrauchsanweisung, erste Seite.
5) Vgl. Elfriede Jelinek: Im Abseits, Wien 2006.

Inge Arteel: Widerstand gegen die Produktionslogik

Fragen an Ingrid Arteel

  • In Jelineks Privatroman Neid, jedenfalls in den ersten beiden Kapiteln, die bislang vorliegen, ist Sterben im Sinne auch von Abbauen, Leer-Werden, Dezimieren, ein zentrales      Thema. Was alles für Aspekte und Facetten des Sterbens gibt es im Text?
  • Welche Funktion kommt der „sterbenden“ Stadt bzw. der „sterbenden“ Gegend in den zwei ersten Kapiteln zu? Man hat ja fast das Gefühl, sie wären das eigentliche Hauptthema.
  • Hat das Thema Tod/Sterben in Neid für Sie auch einen politischen Aspekt?
  • Einige Bemerkungen in den ersten beiden Kapiteln lassen erkennen, dass die Ich-Erzählerin selbst eine Tote ist, jedenfalls eine, die die Lebenden beneidet. Wie sehen Sie das, und welche Erzähl-Perspektive ergibt sich daraus?
  • Auch das Thema der Untoten, die nicht sterben können und immer wiederkehren müssen – ein zentrales Jelinek-Thema –, klingt in den ersten beiden Kapiteln an. Sehen Sie hier Bezüge zu früheren Jelinek-Texten?
  • Auffällig sind in diesem Text immer wieder religiöse Anspielungen und Intertexte. Ist Jelinek katholisch geworden (oder war sie es vielleicht immer schon?), auch in Hinblick auf das Thema Tod und Sterben bzw. Wiederkehr der Toten?

(Die Fragen stellte Pia Janke)

Inge Arteels Antworten

Der Prozess des Sterbens, des Absterbens, des Ausgestorbenseins, steht tatsächlich an zentraler Stelle in den beiden schon vorliegenden Kapiteln.
Ich würde da (mindestens) zwei Bereiche unterscheiden, zunächst Tod und Sterben in Verbindung mit wirtschaftlicher Entwicklung, und zweitens die Ermordung von über 200 Juden während eines Todesmarsches 1945, also Tod im Zusammenhang mit Kriegsführung.

Ich lese die beiden Kapitel zunächst als Analyse und Kritik der wirtschaftlichen Modernisierung seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Obwohl die Zeit vor der Industrialisierung keineswegs verherrlicht wird, scheint doch eine graduelle Zunahme des Absterbens des Einzelnen im Arbeitsprozess der Moderne und des postindustriellen Zeitalters hervorgehoben zu werden. Die Produktionslogik der Industrie (hier konkret im Bergwerk) hat die Arbeiter ihrer Arbeit entfremdet. Jetzt, wo die ganze Industrie zu Ende gegangen ist, bleibt sozusagen ein Heer entfremdeter Arbeitsloser übrig. Dabei übt der Text durchaus auch Kritik an den sozialistischen Arbeitsbedingungen in der damaligen Industrie (es wird erwähnt, dass die Stadt damals „rot“ gewählt habe, Neid 1,18). Im „Heute“ des Textes befindet sich die Stadt in einer „Globalisierungsfalle“, die sich darin äußert, dass die Stadt in einen Tourismusort verwandelt werden soll, der sich vor allem auf „Dienstleistung“ konzentrieren soll. Dienstleistung als das Modewort, mit dem die Politik die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen versucht, das aber hauptsächlich virtuelle Arbeitsstellen und Bedürfnisse schafft (die neuen Arbeitsplätze werden „Leerstellen“ genannt, Neid 1,36; in der umgebauten Stadt sollten sich „künstliche Erlebniswelten“ auftun, Neid 1,80), stellt hier die nächste, aktuelle Stufe in der Entfremdung und Abtötung durch Arbeit dar.

Die Stadt kommt im Text tatsächlich als sterbende daher. Manchmal mutet das Bild wie eine Szenerie aus einem apokalyptischen Film an, wie eine Landschaft, aus der alles Menschliche verschwunden ist und wo nur noch leerstehende Wohnungen übrigbleiben. Ich lese diese Stadt als von dem Heer der gespenstischen Arbeitslosen bevölkert, die sich hier aber (wenigstens in diesen beiden Kapiteln), anders als zum Beispiel die geschichtsbeladenen Gespenster in Die Kinder der Toten, (noch?) nicht zu einem Rachezug organisieren.

In den Worten, mit denen die Umgestaltung der Stadt in Richtung eines virtuellen Tourismus- und Dienstleistungsort beschrieben wird, drückt sich meines Erachtens eine starke Kritik an heutigen biopolitischen Maßnahmen aus. ‚Biopolitik’ verwende ich hier in einer Foucaultschen Bedeutung der Disziplinierung von Körpern durch den Staat mittels wirtschaftlichen und technischen Maßnahmen. Die Verkleinerung und Sanierung (Neid 1,76), das Abbauen (Neid 1,79) der Stadt greifen in die Materialität, ja in die Körper der Menschen ein: „Alles, wo Menschen hineingepreßt werden, bzw. ihre Körperteile hineinzupressen wünschen, erweist sich immer als schwierig, da die Körper oft nicht passen.“ (Neid 1,78) Oder noch: „Man schichtet also die Menschen in andre Häuser um und reißt die, die leer geworden sind, ab, so wird die Stadt kleiner […]; sie werden zusammengefaltet und dann zusammengefaßt, aber das sind sie gewohnt, die Menschen“ (Neid 2,13). Die wirtschaftliche Entwicklung auf eine Dienstleistungsgesellschaft hin schafft den Menschen ab, braucht ihn nicht mehr.

Verbunden wird die Kritik an der Abtötung des Menschlichen in der Wirtschaft mit einer Kritik an der Kriegsführung seit 1914: „[…] seit 1914 ist ihr [der Menschen] Tod überhaupt Programm“ (Neid 1,62). Die im Rahmen der jeweiligen Kriege entwickelten Produktionstechniken schlagen sich in den Produktionsbedingungen in ‚Friedenszeiten’ nieder.

Tatsächlich siedelt sich die Ich-Erzählerin auf der Seite der Toten an. Einmal scheint sie sich sogar als Führerin des Arbeitslosenheers zu präsentieren (Neid 1,16).
Das wichtigste Merkmal der Erzählperspektive scheint mir hier ihre – durchaus explizit gemachte – Implikation, Verwicklung in die Virtualisierung, die andererseits von der Erzählstimme angeprangert wird. Poetologisch wichtig ist der Hinweis auf den virtuellen Charakter des Textes (denn nur im Netz zugänglich, und also jederzeit löschbar oder veränderbar), einen von der Erzählstimme durchaus erwünschten Zustand (vgl. Neid 1,51). Der Text wird so bewusst zum Teil der kritisierten virtuellen Marktlogik. Dennoch scheint die Erzählerin zugleich auch einen Widerstand gegen diese Marktlogik einzubauen: ihr Text ist zwar „für den raschen Verzehr“ gedacht, aber trotzdem „total ungenießbar“ (Neid 1,51). Dies dürfte als Strategie gelesen werden, die virtuelle Marktlogik mit den eigenen Mitteln wenn nicht zu bekämpfen, so doch wenigstens momentweise zu ‚stören’.
Das Ungenießbare des Textes äußert sich u.a. in dessen Widerstand gegen die Produktionslogik: der Text kommt nicht als fertiges und leicht konsumierbares, als „funktionierendes“ Produkt daher. Noch extremer als dies schon in Gier der Fall war, wird der Text von Kommentaren der Erzählstimme unterbrochen, die die vielfachen Wiederholungen und Abschweifungen, die abgebrochenen oder verlorenen Erzählfäden, den Gedächtnisverlust u.d.m. thematisieren. Ganz entschieden wehrt sich die Erzählstimme gegen kreatives Schöpfen: sie pfeift auf Kreativität und auf den damit verbundenen schöpferischen, gottesähnlichen Status (Neid 1,55) und begrüßt den Computer, der den Menschen in seiner Kreativität lähmt (ebd.). Auch hier wird die Verwicklung in die Virtualisierung und die Nicht-Authentizität durchaus als widerstandsfähiges Potential bejaht. Dieses Potential äußert sich in der Auffassung über Geschichte und Zeit der Ich-Erzählerin: Geschichte wird im Text als „eine Schleife“ aufgeführt, „die sich endlos wiederholt, nur anderswo, in einer anderen Dimension“ (Neid 1,14). Geschichte äußert sich nicht als lineare Entwicklung mit abschließbaren Epochen, sondern als Gleichzeitigkeit verschiedener Ebenen. Vergangene Ereignisse können daher nicht ‚weggeschmissen’, d.h. vergessen werden, sondern bleiben in der Schleife ‚aufgehoben’ (vgl. Neid 1,15). Das Schreiben der Ich-Erzählerin siedelt sich in der Perforation zwischen den Ebenen an, in den sogenannten „Wurmlöchern“, in denen sich die Gleichzeitigkeit der Geschichte realisiert, in denen die Untoten und Gespenster der Geschichte erscheinen. [Jelinek bezieht sich hier auf den Einsteins Relativitätstheorie entnommenen mathematisch-theoretischen Begriff der Wurmlöcher in der Astronomie. Wurmlöcher sind die – allerdings noch nicht belegten – Stellen im Kosmos, an denen die flache Welt zurückgebogen wird, sodass zwei Welten aufeinander liegen und die astronomischen Distanzen auf wenige Meter verkürzt werden. Ein Phänomen, das in manchem Science Fiction-Film eingesetzt wird.] So gestaltet sich das Schreiben als die äußerste Konsequenz der Virtualität, im Gegensatz zur Erinnerungspolitik der Posthistoire, die die Geschichte als ‚zu bewältigen’ und folglich ‚zu vergessen’ aus der Virtualität ausklammert. Als Beispiel davon wird im Text das „Gedenkprojekt der Schulen“ (Neid 1,24) in Bezug auf den Todesmarsch erwähnt, aus dem eine „lückenlose“ Dokumentation und ein „ganzes Denkmal“ hervorgehen: „Erinnerungsarbeit und aus.“ (Neid 1,25)

18. Mai 2007

Inge Arteel arbeitet als Oberassistentin für Forschung an der Vrije Universiteit Brüssel und ist Übersetzerin ins Niederländische von u.a. Jelinek und Mayröcker.

Katharina Pewny: Wieder einmal „Brigitte“

Wieder einmal eine Musiklehrerin, wieder einmal Elfriede Jelinek. Unter dem schlichten Titel Neid lässt sie in ihrem neusten Text die Frauenpositionen zirkulieren, oder besser gesagt, die Zeichen für Frauen. Die Autorin selbst zirkuliert gleich mit: zwischen anderen Jelinek-Texten, deren Kontexten, Inszenierungen zum Beispiel. Da taucht „Brigitte“ auf, die Jelinek-Leser/innen aus ihren Liebhaberinnen (1975) kennen. Weiterlesen