Agnieszka Jezierska: „Jelinek auf Polnisch. Übersetzungen und Inszenierungen”

Tagungsbericht

Im Rahmen des kulturell-wissenschaftlichen Projekts Dom Jelinek (Jelineks Haus), das für den Zeitraum 20.-30. April 2013 in Bydgoszcz (Bromberg) geplant war, fand am 23. und 24. April 2013 eine interdisziplinäre Konferenz zum Thema Jelinek po polsku. Tłumaczenia i inscenizacje (Jelinek auf Polnisch. Übersetzungen und Inszenierungen) statt, an der sich zwölf Jelinek-ForscherInnen und -ÜbersetzerInnen beteiligten.
Das Ziel der Tagung war eine Zusammenfassung der polnischen Jelinek-Rezeption und interdisziplinäre Diskussion über die Präsenz und Aufnahme ihrer Werke in Polen, über die Problematik der Übersetzung ihrer Texte sowie über die Inszenierungen ihrer Stücke auf polnischen Bühnen.
Es war das zweite Jelinek-Symposium in Bydgoszcz (Bromberg), das vorige Ich rede und rede. Elfriede Jelineks theatralische Masken fand 2007 statt. Partner des Projekts waren das Österreichische  Kulturforum Warschau, Teatr Polski Bydgoszcz und Universität Bydgoszcz. Wie 2007 wurde auch diesmal das wissenschaftliche Konzept der Konferenz von Monika Szczepaniak, einer international anerkannten Jelinek-Forscherin, entwickelt.
Anna Majkiewicz, Częstochowa (Tschenstochau), Recepcja prozy Elfriede Jelinek w Polsce (Rezeption von Jelineks Prosa in Polen) zeigte in einer quantitativen Untersuchung Jelineks Prosa im Spiegel der polnischen Presse, wobei sie die Nobelpreisverleihung als eine wichtige Zäsur deutete; als vorläufiges Fazit stellte die Forscherin fest, dass das Interesse an Jelineks Schaffen in Polen allmählich schwindet.
Bożena Chołuj, Warszawa (Warschau)/Frankfurt/Oder, Ciało czy postcielesność – u Jelinek i w jej polskich wersjach (Körper vs. Postkörperlichkeit – in Originaltexten von Elfriede Jelinek und in den Übersetzungen ins Polnische) untersuchte mithilfe der Thesen von Judith Butler die Phänomene „Körper“ und „Postkörperlichkeit“ in Jelineks literarischen (Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft und Die Klavierspielerin) und essayistischen Texten, und beäugte kritisch manche der polnischen Übersetzungen, in denen diese Unterscheidung ausgeblendet werden.
Der Theaterwissenschaftler Artur Duda, Toruń (Thorn), „Babel“ Elfriede Jelinek w inscenizacji Mai Kleczewskiej w kontekście recepcji dramatu austriackiego w Polsce (Elfriede Jelineks „Babel“ in der Inszenierung von Maja Kleczewska im Kontext der Rezeption von österreichischen Dramen in Polen) präsentierte einen Überblick über die österreichischen Dramen, die auf polnischen Bühnen aufgeführt wurden, wobei er die Verdienste von Erwin Axer und Krystian Lupa stark unterstrich und auf die möglichen Hindernisse für den großen Durchbruch der österreichischen „Texte für das Theater“ in Polen hinwies, vor allem auf die traditionelle Schauspielkunst, die an manchen Theatern in Polen immer noch Vorrang hat. In diesem Kontext wurden die Aufführungen von Maja Kleczewska als Fortsetzung eines positiven Trends begrüßt.
Anna Rutka, Lublin, „Zostało nam Wielkie Nic“. Kupieckie kontrakty – Jelinek ekonomiczna na polskiej scenie („Es ist uns ein groβes Nichts geblieben. Die „ökonomische“ Jelinek auf einer polnischen Bühne) schloss sich diesen Überlegungen thematisch an, indem sie eine polnische Aufführung ins Visier nahm, und zwar die Warschauer Inszenierung von Die Kontrakte des Kaufmanns (Kupieckie kontrakty, übers. von Mateusz Borowski und Małgorzata Sugiera, Regie Paweł Miśkiewicz, Teatr Dramatyczny Warszawa, Uraufführung: 03.03.2012), die sie mit der Hamburger Aufführung von Nicolas Stemann (2009, Thalia Theater Hamburg) verglich. Als ein markanter Unterschied wurde u. a. der Verzicht auf den „Chor der Greise“ in der polnischen Inszenierung genannt.
Agnieszka Jezierska, Warszawa (Warschau), Wielogłosowość Jelinek a kwestia przekładu (Jelineks Vielstimmigkeit und die Frage der Übersetzung) berichtete von der Ungleichheit der polnischen und deutschsprachigen Tradition u. a. im Verlagswesen, die die Jelinek-Rezeption in Polen erheblich beeinträchtigt, insbesondere von den (fehlenden) architextuellen Hinweisen und von gewissen literarischen Genres, auf die sich Jelinek in ihrem Schaffen bezieht (u. a. Heimatroman, Unterhaltungsliteratur), die aber in der polnischen Gattungslehre und Tradition keine genauen Entsprechungen finden.
Ein breites Spektrum von translatorischen Schwierigkeiten kam in mehreren Referaten zum Vorschein. In ihrem Vortrag gewährte Agnieszka Kowaluk, München, Textflächen i Erzählgewässer, czyli co się kryje pod powierzchnią górskich jezior. O tłumaczeniu Dzieci umarłych“ i „Żądzy“ („Textflächen“ und „Erzählgewässer“, also was verbirgt sich unter der Oberfläche der Gebirgsseen) einen Einblick in ihre Werkstatt: sie brachte ihre Zweifel ans Tageslicht, die sie bei der Übertragung von Die Kinder der Toten und Gier begleitet hatten also bei den zwei umfangreichsten Romanen Jelineks, die in Papierform erschienen.
Karolina Bikont, Warszawa (Warschau), Kluczowe zdania w Podróży zimowej“ Elfriede Jelinek (Schlüsselsätze in Elfriede Jelineks „Winterreise“) präsentierte ihre subjektive Wahl der wichtigsten Sätze in Jelineks Winterreise.
Einen Schwerpunkt bildeten Referate der ÜbersetzerInnen von Jelineks Essays. Marek Cieszkowski, Bygdoszcz (Bromberg), O czarowaniu słowem i roz-czarowaniach tłumaczy (Vom Täuschen mit Wörtern und Ent-täuschungen der Übersetzer) stellte ein linguistisches Konzept der Äquivalenz dar und erörterte in diesem Kontext seine Strategie der Übersetzung von Jelineks Sprachspielen im Essay sich mit der Sprache spielen. Johann Nestroy.
Auch Tomasz Ososiński, Warszawa (Warschau), „Regał na Kafkę czy „Regał dla Kafki – problemy z przekładem przemówienia Elfriede Jelinek z okazji odebrania nagrody im. F. Kafki („Ein Regal für Kafka(s Bücher)“ – Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Jelineks Kafka-Preisrede) veranschaulichte anhand einiger Beispiele seine translatorischen Entscheidungen in der polnischen Fassung von Jelineks Kafkapreisrede und erläuterte seine Versuche, die intertextuellen Anspielungen auch in der polnischen Fassung zu retten.
Artur Pełka, Łódź (Lodz), Znoszenie. Jelinek. Między Büchnerem a Heideggerem (Aufheben. Jelinek. Zwischen Büchner und Heidegger) schlug eine Interpretation der von ihm übersetzten Büchnerpreisrede vor, im Hinblick auf Jelineks politisches Engagement und ihre Heidegger-Rezeption.
Anna Wołkowicz, Warszawa (Warschau), Mistycyzmy we wstępie do „Wyboru Jelinek“ (Mystizismen in der Vorrede zu „Jelineks Wahl“) wies auf zahlreiche Heideggerismen und vor allem auf die bisher in der Forschung nicht recherchierten Mystizismen in Jelineks Vorrede zum Band Jelineks Wahl hin.
Die Vortragsreihe schloss Monika Szczepaniak, Bydgoszcz (Bromberg) mit einem Beitrag unter dem vielsagenden Titel Tłumacz na spalonym. Refleksja o tłumaczeniu mowy noblowskiej (Der Übersetzer im Abseits. Randbemerkungen zur Übersetzung der Nobelpreisrede). Szczepaniak reflektierte in einem an Jelineks Oeuvre geschulten Stil in einer essayistischen und sehr persönlichen Form über ihre Arbeit an der Übertragung von Jelineks Nobelpreisrede Im Abseits. Den Ausgangspunkt für ihre Überlegungen lieferte die von Paul de Man vorgeschlagene Deutung der kanonischen Formel Walter Benjamins: „Die Aufgabe des Übersetzers“, wo „Aufgabe“ als permanentes „Aufgeben“ fungiert.
Eine weitere, diesmal nicht akademische Dimension der Konferenz manifestierte sich in der Wahl des Tagungsraumes: alle Vorträge wurden im Foyer des Teatr Polski in Bydgoszcz gehalten, wodurch eine Verbindung zwischen Theorie (akademisches Fachwissen) und Praxis (Theater und Aufführungen) entstand. Den bilateralen Transfer zwischen Wissenschaft und Theaterwesen thematisierte auch Paweł Sztarbowski, der Vizedirektor des Teatr Polski in seiner Begrüßung der TeilnehmerInnen und Gäste.
Die Tagung wurde von mehreren Veranstaltungen begleitet, der Vorstellung des neuen Bandes von Elfriede Jelinek Babel. Podróż zimowa (übersetzt von Karolina Bikont, mit einer Einführung von Monika Szczepaniak, erschienen im Verlag ADiT, Warszawa 2013) sowie den beiden Theateraufführungen: Podróż zimowa (Winterreise, Regie Maja Kleczewska) und O zwierzętach (Über Tiere, Regie Łukasz Chotkowski, beide Texte übers. von K. Bikont). Durch letztere Aufführung entstand eine Verbindung zu der vorigen Jelinek-Konferenz in Bydgoszcz. Im Jahre 2007 wurde als Ergänzung der Tagung der „Text für das Theater“ Über Tiere als szenische Lesung auf Polnisch uraufgeführt.
Zum Schluss nahmen die ReferentInnen an einer Diskussion mit dem namhaften Regisseur Krystian Lupa teil, der u.a. von seiner Hassliebe zu Jelinek berichtete.
Geplant ist ein Tagungsband, der 2013/2014 im Verlagshaus Wydawnictwo UKW erscheinen soll, voraussichtlich ergänzt um Beiträge von Joanna Drynda, Małgorzata Sugiera und Lucyna Wille.

Bydgoszcz, 8.8.2013

Agnieszka Jezierska ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Studium der Germanistik und Polonistik in Warschau. Dissertation zur Bedeutungsverdichtung in Elfriede Jelineks Prosa. 

Verena Rotky: Wie politisch schreiben österreichische Dramatikerinnen heute? Eine Studie am Beispiel von Elfriede Jelinek und Kathrin Röggla

Masterarbeit

Die beiden österreichischen Dramatikerinnen Elfriede Jelinek und Kathrin Röggla (Röggla lebt in Berlin) bezeichnen sich selbst als gesellschaftskritische bzw. politisch engagierte Autorinnen. Ihre Werke dienen dazu, die Konfrontationen und Reflexionen der Autorinnen in Bezug auf gesellschaftliche Prozesse, Phänomene und Machtverhältnisse sichtbar zu machen. Text und Theater fungieren für Jelinek und Röggla als »Sprachrohr«, und obwohl es Elfriede Jelinek ist, die die Methoden eines postdramatischen Theaters, somit die »Montage von Sätzen« und eine performative Sprache, mitunter erst schuf, sind beide Autorinnen »Zeuginnen« derselben gesellschaftlichen Erfahrung im Rahmen neoliberaler Ideologien, und beide bedienen sich daher der »Dekonstruktion von Vorstellungsmodellen« (einer Dekonstruktion von Idealen und Bedeutungen, auch ihrer eigenen). Auch wenn sich ihre Ansprüche an die Literatur und deren Ausmaß unterscheiden – Jelinek spricht von ihrem »übersteigerten Moralismus«, Röggla wendet sich hingegen von jedem moralischen Anspruch im Sinne einer autoritären Geste ab -, bleibt das Ziel bzw. die Methode ihrer ästhetischen Verfahren das Gleiche, da beide bemüht sind, den kommunikativen und medial simulierten Abgrund, der sich zwischen den Menschen bewegt, sichtbar und erfahrbar zu machen. Über die Sprache und deren performative Möglichkeiten versuchen Jelinek und Röggla Ambivalenzen und Widersprüche hervor zuarbeiten, durch die Übertragung ihrer Diskurse in eine körperliche Präsenz Leben in Form von Eigensinn und Widerstand gegenüber Machtstrukturen und Wahrheitsbehauptungen bei den Rezipienten/innen als Eigenerfahrung zu initiieren. Ein Protest steht dabei im Vordergrund, den sie selbst vorzuleben bzw. »vor-zu-schreiben« geneigt sind.
Ich versuche in dieser Diplomarbeit anhand jeweils dreier Dramentexte (Elfriede Jelinek: Bambiland, Ulrike Maria Stuart, Rechnitz – Der Würgeengel und Kathrin Röggla: fake reports, wir schlafen nicht, worst case), die sich im weitesten Sinne gesellschaftspolitischen Ereignissen und Prozessen der Gegenwart widmen, auf die Frage einzugehen, inwieweit die beiden Schriftstellerinnen unterschiedlicher Generationen in einem politischen Sinne schreiben, welcher Methoden sie sich dazu bedienen, und worin die zentralen Unterschiede ihrer Arbeiten liegen.

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28.5.2013

Ana Giménez Calpe: Von Prinzessinnen zu Königinnen? Gender (De)Konstruktion in ausgewählten Theatertexten von Elfriede Jelinek

Dissertation

Abstract

2006 fand die Uraufführung von Elfriede Jelineks Theatertext Ulrike Maria Stuart statt, ein Text in dem die weiblichen Protagonistinnen als politisch und gesellschaftlich handelnde Frauen dargestellt werden. Mit ihm setzt die Autorin ihre „Prinzesinnendramen“ Der Tod und das Mädchen I-V fort, die von 1999 bis 2003 als Zwischenakte erschienen und deren Protagonistinnen –  als Prinzessinnen – sich außerhalb der Machtinstitutionen befinden und erfolglos versuchen, diese Situation zu verändern. Doch von der in den Zwischenakten und in vielen anderen Werken Jelineks vertretenen Einstellung, Frauen haben keinen realen Zugang zur Macht, distanziert sich das Theaterstück Ulrike Maria Stuart, in dem es nicht mehr um die Ohnmacht der Frau geht, sondern um ihre Machtansprüche, um den Kampf von um Macht konkurrierender Frauen. Haben sich die Mehrheit der kritischen Studien auf die Interpretation der Frau als Objekt oder Opfer konzentriert, ist eine Analyse von Jelineks Texten aus dieser Perspektive noch kaum untersucht worden.

Anliegen dieses Dissertationsprojekts ist es, die Entwicklung Jelineks weiblicher Figurendarstellung in ihren Stücken zu analysieren, insbesondere in Bezug auf deren Geschlechtsidentität und die derzufolge politische und gesellschaftliche Positionierung innerhalb der Gesellschaft. Ausgehend von der Machtkonzeption von Michel Foucault und der performativen Gender-Theorie von Judith Butler sollen drei Theaterstücke verschiedener Erschaffungsepochen analysiert werden, nämlich Krankheit oder moderne Frauen (1984), Der Tod und das Mädchen I-V (2003) und Ulrike Maria Stuart (2006). In der Analyse dieser Texte soll aufgezeigt werden, inwieweit der Umgang mit Macht von den etablierten und stereotypischen Diskursen von den Geschlechterrollen abhängen. Ein weiteres zentrales Thema des Projekts ist die Frage, wie der Versuch von Widerstand in den drei Stücken dargestellt wird, wofür die Theorie Butlers über die Genderkonstruktion ein optimales methodisches Vorgehen anbietet. Ausgangspunkt meiner Analyse ist die These, dass die weiblichen Figuren in den zwei ersten Stücke an dem Versuch scheitern, gegen die herrschende Ordnung zu kämpfen und sich der Herrschaft der Männerfiguren zu entziehen, Jelinek in Ulrike Maria Stuart jedoch eine andere Machtkonstellation darstellt, in der Frauenfiguren über Macht verfügen. Der Umgang von Macht wird aber in diesem letzten Stück in einem vielshichtigen intertextuellen Spielraum problematisert und hinterfragt.

21.5.2013

Informationen zu Ana Giménez Calpe

Stefanie Maier: Medienkritik als Trivialcollage – Elfriede Jelineks „Die endlose Unschuldigkeit“

Diplomarbeit

In dem frühen Essay Die endlose Unschuldigkeit setzt sich Elfriede Jelinek mit den Wirkungmechanismen und Machtansprüchen der Massenmedien, insbesondere des Fernsehens, der Illustrierten sowie des Heftromans auseinander. Anhand des Textes und seines Umfelds werden zentrale medienkritische Positionen der Autorin aufgezeigt. Mit einer Montage von Fragmenten verschiedenen Diskursen zuordenbarer Referenztexte bewegt sich der Essay selbst an der immer wieder abgerufenen und auf ihre Gültigkeit hin befragten Grenze zwischen Trash und Theorie.
Durch seine Verfasstheit als Trivialcollage, in der theoretische und triviale Redeweisen mitenander verschränkt werden, werden im Text gezielt Interferenzen zwischen diesen Redeweisen erzeugt. Mit unterschiedlichen sprachlichen und formalen Strategien versucht Die endlose Unschuldigkeit, den
masssenmedialen Dauermonolog zu stören und die Mythen, die er erzeugt und reproduziert, als solche zu bezeichnen. Dabei operiert der Text spielerisch mit Elementen massenmedialer Programmstrukturen und Rhetoriken sowie den Praktiken deren Rezeption.

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17.5.2013

Florian Auerochs: Vom gläsernen Sarg zum „Glaspalast des Männlichen“: Volksmärchen und feministische Philosophiekritik in Elfriede Jelineks Schneewittchen-Adaption „Der Tod und das Mädchen“ I

Betrachtet man Jelineks Theatertext Der Tod und das Mädchen I (Schneewittchen) unter Einbezug der These der Erzählforschung, dass «jede Erzählung […], wenn es sich nicht um einen mündlich memorierten Vortrag handelt, eine Variante» (Bausinger) ist, dann stellt auch Jelineks postdramatische Adaption eine legitime radikalisierte „Variante“ des Schneewittchenstoffes dar. Unter dieser Voraussetzung greift Jelinek nicht nur Motive der manifesten Erzählebene des Schneewittchen-Paradigmas auf, sondern verhandelt gleichsam die mit-zitierte Gattung des Grimmschen Volksmärchens, welches als Prä- und Intertext unter Jelineks dekonstruktiver Poetologie zum Ort ideologisch-philosophischer Auseinandersetzung wird. Mit dem politischen Impetus feministischer Philosophiekritik zitiert und instrumentalisiert Jelinek das deutsche Volksmärchen bewusst als das Medium einer ideologisierten, patriarchalen Rezeptionsgeschichte, dass seiner „Unschuldigkeit“ entledigt und seiner „Schuld“ ebenso wie seinem Gedächtnis zugeführt werden muss.

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Zuzana Augustová: Schlüsselpunkte in der Entwicklung der österreichischen Nachkriegsdramatik

Habilitation (Konzept)

In meiner Habilitation verfolge ich die Schlüsselpunkte in der Entwicklung der österreichischen Nachkriegsdramatik von den 50er bis in die 90er Jahren. Meine Arbeit ist vor allem auf das sprachexperimentelle und sprachkritische Schaffen österreichischer Dramatiker/Innen dieser Zeit orientiert. Bei ausgewählten Autoren/Innen wie Elfriede Jelinek und Werner Schwab, die am wesentlichsten mit Stilisierung und Deformation der Sprache arbeiten, um sie gleichzeitig zu thematisieren, wird die Analyse bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts übergreifen.
In meiner Dissertation, die als Buch im Jahre 2003 unter dem Titel Thomas Bernhard (Verlag Větrné mlýny, Brünn 2003) erschien, habe ich mich mit dem dramatischen Werk von Thomas Bernhard beschäftigt. Schon in meiner Dissertation habe ich mich dem Kontext der zeitgenössischen österreichischen Dramatik seit den 60er, bzw. 50er Jahren gewidmet. Im dramatischen Werk von Thomas Bernhard habe ich Zusammenhänge nicht nur mit der europäischen sowie österreichischen modernen Dramenentwicklung entdecket, sondern auch Beziehungen zum Schaffen seiner österreichischen Zeitgenossen erforscht. In einem komparativen Teil meiner Dissertation habe ich einzelne stilistische und thematische Linien der österreichischen Nachkriegsdramatik definiert und das Schreiben für Theater bei ausgewählten Autoren/Innen in Bezug auf diese Linien analysiert. Die Hauptlinien habe ich folgenderweise definiert: 1) Experimentelles Schaffen (Wiener Gruppe, Wiener Aktionismus, Forum Stadtpark und Grazer Gruppe); 2) Ästhetik der Drastik und des Schocks – Das neue Volksstück und das bürgerliche Schock-Theater; 3) Sprachkritik. Weiterlesen

Christian Schenkermayr: Ritus, Schrift und Machtgefüge. Interreligiöse Diskurse im Spannungsfeld sprachanalytischer Schreibverfahren am Beispiel ausgewählter Texte von Barbara Frischmuth, Josef Winkler und Elfriede Jelinek

Dissertation

Abstract

Ausgangspunkt des Dissertationsvorhabens ist die in literaturwissenschaftlichen Arbeiten der vergangenen zwei Jahrzehnte[1] mehrfach konstatierte Tendenz, dass die Werke zahlreicher österreichischer AutorInnen nach 1945 sowohl auf formaler als auch inhaltlicher Ebene stark von den Erfahrungen ihrer katholischen Erziehung und der liturgischen Sprache geprägt sind. Anders als bei den meisten SchriftstellerInnen dieser Generation (z.B. Peter Handke, Friederike Mayröcker, Ernst Jandl, Thomas Bernhard etc.) werden von Barbara Frischmuth, Josef Winkler und Elfriede Jelinek im Laufe ihres literarischen Schaffens auch vermehrt interreligiöse Diskurse und Motive in ihren Texten aufgegriffen und literarisch verarbeitet.

Ziel des Dissertationsprojektes ist es, am Beispiel ausgewählter Texte der drei AutorInnen, die zwischen 1996 und 2009 erstmals publiziert wurden (insbesondere der Romane „Domra. Am Ufer des Ganges“ (1996), „Die Entschlüsselung“ (2001), „Vergiss Ägypten“ (2008) sowie der Theatertexte „Babel“ (2004) und „Abraumhalde“ (2008)), und unter besonderer Berücksichtigung der für die Literaturwissenschaft relevanten Erkenntnisse poststrukturalistischer (v.a. postkolonialer) Theorien, das Spannungsverhältnis von katholisch geprägter Sprachkritik und den in den jeweiligen Werken thematisierten interreligiösen Diskursen systematisch zu analysieren. Wenngleich sich die ästhetischen Konzeptionsweisen ihrer Texte in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, eröffnet die sowohl für Frischmuths als auch für Jelineks und Winklers Werk bis heute charakteristische Betonung des Materialcharakters der Sprache zahlreiche stilistische und thematische Vergleichsmöglichkeiten in Bezug auf die genannten Werke.

So werden im Rahmen der geplanten Dissertation etwa die unterschiedlichen Formen der Literarisierung religiöser Riten unter anderem am Beispiel der in Josef Winklers Roman „Domra. Am Ufer des Ganges“ geschilderten hinduistischen Einäscherungsprozessionen in Varanasi und deren sprachmimetische Engführung mit dem Katholizismus untersucht.

Eine weitere zentrale Ebene der Arbeit ist die Frage nach der literarischen Verarbeitung religiöser Schriften, die sowohl als Projektionsflächen interreligiöser Diskurse (etwa bei der Gegenüberstellung von Deutungsversuchen eines Briefwechsels zwischen der katholischen Äbtissin Wendlgard vom Leisling und dem islamischen Mystiker und Dichter Nesîmî in Barbara Frischmuths „Die Entschlüsselung“), vor allem aber als Inszenierung von Widersprüchen fungieren, die nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil ins Zentrum des literarischen Konzepts gerückt werden (eine Funktion, die in Elfriede Jelineks Essay „Das Wort als Fleisch verkleidet“ als konstitutive Eigenschaft der Schrift definiert wird).


[1] Vgl. u.a.: Schmidt-Dengler, Wendelin: Das Gebet in die Sprache nehmen. Zum Säkularisationssyndrom in der österreichischen Literatur der siebziger Jahre. In: Pankow, Christiane  (Hg.): Österreich. Beiträge über Sprache und Literatur. Umeå: Univ. i Umeå 1992, S. 46-62.

Informationen zu Christian Schenkermayr

Barbara Dunst: Sprachreflexionen in ausgewählten essayistischen Texten von Elfriede Jelinek

Diplomarbeit

Die Auseinandersetzung mit Sprache nimmt in Elfriede Jelineks essayistischen Texten einen wesentlichen Platz ein. Die Problematik des Sprechens über Sprache ist aus sprachphilosophischer Sicht eine lange und viel diskutierte und umso interessanter erscheint daher die Analyse der Mittel, die von der Autorin verwendet werden, um diesem Aspekt entgegenzutreten und über ihre verwendete Sprache im Schreiben sprechen zu können. Die essayistische Form erscheint dabei als eine bewusst gewählte, die einen spielerischen Umgang mit dem Ich im Text, das zwischen biografischem und fiktivem Ich zu stehen scheint, erlaubt. Die Untersuchung des Essays als Form und Gattung spielt daher für die Frage nach den Mitteln, welche die Autorin für die Reflexion verwendet eine wesentliche Rolle. Es wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung der Anthropomorphisierung der Sprache, wie sie sich besonders in der Nobelpreisrede Im Abseits von Elfriede Jelinek darstellt, zukommt. Das scheinbar ambivalente Verhältnis zur Sprache, der sowohl die Rolle des Beschützers, aber auch jene des Feindes und Verfolgers zugeschrieben wird, ist zu analysieren.
Sprachreflexion beinhaltet bei Elfriede Jelinek aber auch die Reflexion über Nicht-Sprechen und Schweigen – das einerseits einen souveränen Akt und andererseits ein Nicht-Gehört-Werden der Frau bezeichnet – sowie auch Schreibreflexion. In der Diplomarbeit wird untersucht, in welcher Weise und mit welchen Mitteln Sprach- und Schreibreflexion in den genannten essayistischen Texten von Elfriede Jelinek stattfindet und welches Verhältnis sich dadurch zwischen Sprache, Schreiben und Schweigen ergibt, sowie die Klärung der Frage welche Rolle die Stimme für das Sprechen bzw. Nicht-Sprechen in diesem Zusammenhang einnehmen kann.

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Sabine Schrammel: Elfriede Jelineks Leidenschaft zu Franz Schubert und das daraus entstandene Theaterstück „Winterreise“

Seminararbeit

„Was zieht da mit, was zieht da mit mir mit, was zieht da an mir?“1)  So beginnt Jelinek ihre Winterreise. Es ist die Zeit und ihr unaufhörliches Vergehen, das an dem „Ich“ zerrt. Und es ist die Musik, die das Vergehen der Zeit, diese Zeitpeitsche, hörbar macht.
Ausgehend von Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise aus dem gleichnamigen Gedicht von Wilhelm Müller schafft Elfriede Jelinek ihr ganz persönliches Theaterstück und vereint darin zahlreiche Motive, die sie bewegen und bewegten. Die Rolle des Künstlers im Abseits und das Ausgestoßensein ist es, was Jelinek an Schubert so fasziniert. Von Schubert als Komponist und Genie im Abseits ausgehend reflektiert Jelinek über ihr eigenes Schaffen, das sich ständig im Kreis dreht, obwohl die Zeit unentwegt fortschreitet.
Wie Schubert seinen einsamen Wanderer durch die Winterlandschaft ziehen lässt, schickt auch Jelinek ihr „Ich“ auf eine Reise durch das Labyrinth der modernen Zeit. Dabei begegnet es tagesaktuellen Geschehnissen in Österreich, in deren Beschreibung sich Elfriede Jelinek in gewohnter Manier kein Blatt vor den Mund nimmt. Der Bankenskandal um die Hypo Alpe Adria, die Entführung und Rückkehr der Natascha Kampusch oder der Touristenhype auf Österreichs Schipisten sind Ereignisse, die Elfriede Jelinek in typisch-ironischem Ton zu kriti-sieren vermag.
Am Ende der Winterreise reflektiert sie selbst über sich als Autorin in der Rolle der ausgestoßenen Leierfrau, deren Leier keiner mehr hören will. Doch wie Schubert bleibt sie dennoch ihrem Stil treu und enthält sich dem Literatur-Mainstream der modernen Zeit. „Fremd eingezogen, fremd ausgezogen, die Leier drehend, immer dieselbe Leier, immer dasselbe? Sie hätten eine andre Reise wählen können, Sie hätten mit der Zeit endlich eine andre Reise und eine andre Leier wählen können, doch das wäre dann keine Zeit mehr gewesen und keine Leier.“ 2)
Jelineks Winterreise kann interpretiert werden als eine gelungene Zusammenschau des gesamten Schaffens der Autorin der letzten Jahre und Jahrzehnte.

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Fußnoten
1) Elfriede Jelinek: Winterreise. 2. Aufl. Reinbek: rowohlt 2012, S. 7.
2) Ebenda, S. 127.

Alexander Flor: „… daß in Schuberts Sonaten mehr Friede des Waldes herrsche als im Frieden des Waldes selber.“ Zur literarischen Instrumentalisierung konkreter Musikstücke in Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“

Seminararbeit

Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“ ist seit seinem Erscheinen Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Forschung. Diese Arbeit verfolgt einen interdisziplinären Ansatz und stellt sich zur Aufgabe, die von Elfriede Jelinek ausgewählten Musikstücke im Text zu untersuchen und zu überprüfen, inwiefern diese zu einem tieferen Verständnis des Romans führen können. Dabei ist es nicht immer, aber doch sehr oft möglich, konkrete Werke der musikalischen Literatur auszumachen. So können Anführungen wie „die Obertastenetüde“ im Kontext Chopins als Etüde op.10 Nr. 5 Ges-Dur oder „Schuberts große A-Dur Sonate“ als Klaviersonate Nr. 20 D959 in musikwissenschaftlich korrekte Stückbezeichnungen übersetzt werden. Als Ausgangspunkt dient eine umfangreiche Textrecherche zu den fast unüberblickbar vielen musikalischen Bezügen im Roman. Die Arbeit setzt sich somit zum Ziel, Die Klavierspielerin unter einem neuen Aspekt zu beleuchten.

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