Priska Seisenbacher: Die Griechenlandkrise als Ausgangspunkt einer Kapitalismuskritik bei Elfriede Jelinek

Teilaspekt der Diplomarbeit
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Die Griechenlandkrise als brisantes Politikum der Gegenwart wird von Elfriede Jelinek aufgegriffen, um über die konkrete Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen in Griechenland hinaus eine Kritik am geltenden Wirtschaftssystem zu markieren. In den ausgewählten Werken Jelineks wird der neue Mut zum Unmoralischen in einer zunehmend ökonomisierten Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft entlarvt und entpuppt sich als Resultat des Wirtschaftssystems und seiner Glaubensgrundsätze. Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit im Kapitalismus ist ein tragendes Element der Kritik der Autorin. Angesichts des marktwirtschaftlichem Prinzips und kapitalistischer Interessen, denen sich ganze Staaten samt ihrer Einwohner/Einwohnerinnen beugen müssen, steht schließlich die Frage nach der Demokratie im Raum.
Die Kapitalismuskritik Jelineks zeigt sich zudem feministisch motiviert. So zeigt die Autorin, dass die patriarchalische Gesellschaft ein fester Bestandteil des kapitalistischen Systems ist. Die Ökonomie bietet in der kapitalistischen Welt den Raum für eine institutionalisierte Männerherrschaft, die über einfache patriarchale Strukturen hinausgeht. In Opposition zur
männlich dominierten Finanzmarktwirtschaft steht die Reproduktionsfunktion der Frau im Kapitalismus.
Jelinek ist bekannt für ihre Kritik am Christentum oder an der katholischen Kirche. Demnach ist es auch als ein Teil der Kapitalismuskritik anzusehen, wenn zwischen dem geltenden Wirtschaftssystem und der Religion Verknüpfungen hergestellt und Ähnlichkeiten herausgearbeitet werden. Die Zurschaustellung des religiösen Charakters, den der Kapitalismus nunmehr einnimmt, dient als Mittel der Infragestellung der uneingeschränkten Machtposition und –strukturen des Wirtschaftssystems.
Anzumerken bleibt, dass die Literaturästhetik der Autorin unweigerlich im Zusammenhang mit der inhaltlichen Kritik steht. Jelinek entwirft Sprechinstanzen, deren unverblümte Sprache Strukturen und Gedanken freilegen, die sonst im Verborgenen bleiben.

29.9.2015

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Sarah Neelsen: Paratext und Paragone. Der Wettstreit der Künste im essayistischen Werk

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Das essayistische Werk Elfriede Jelineks überrascht und beeindruckt über seinen Umfang von mehreren hundert Texten hinaus durch seine sehr breite thematische Ausrichtung. Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte sich der Themenbereich, zu dem sie von Zeitungen und Zeitschriften zu Wort gebeten wurde, immer mehr und überschritt die Grenzen der Literatur nicht nur hin zur Politik. Zu fast alle anderen Kunstformen verfasste sie Einführungen und Rezensionen. So schrieb sie zur Musik (Schubert, Olga Neuwirth), zum Film (Leni Riefenstahl, Werner Schroeter), zum Theater (Tabori, Johan Simons), zur Fotografie (Frédéric Brenner), zur bildenden Kunst (Bruno Gironcoli), zur Malerei (Jürgen Messensee, Florentina Pakosta) und zur Mode (Junya Watanabe). Obwohl ihre Texte eigentlich immer nur einzelne Künstler oder sogar einzelne Werke behandeln, unabhängig voneinander bei ihr in Auftrag gingen und vorwiegend unabhängig voneinander rezipiert werden, ergibt sich aus ihrer Sammlung ein deutlicher Vergleich der Künste ganz im Sinne des traditionsreichen Paragone.
Der Wettstreit der Künste entbrannte in Italien zu Zeiten der Renaissance, Dürer und Da Vinci nahmen daran teil, und auch Lessing leistete noch 1766 mit seinem Laokoon einen wesentlichen Beitrag dazu. Im Laufe des 19. Jahrhunderts verebbte er allmählich und wer ihn im 20. Jahrhundert wiederaufgriff, der bezog sich auf ältere Kunstwerke. Warum greift also Elfriede Jelinek darauf zurück, und wie gelingt es ihr überhaupt, neure Kunstformen wie Fotografie und Mode in die Diskussion einzubringen? Nach welchen Kriterien erfolgt ihre Wertung und was besagen sie über ihre eigene Kunstpraxis?

28.9.2015

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Elisabeth Günther: Konfigurationen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Theatertexten

Teilaspekt der Disseration
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

In meinem Beitrag für die Tagung „Elfriede Jelinek und die europäischen Literaturen“ sollen einige Thesen meiner Dissertation Konfigurationen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Theatertexten in Bezug auf die Theatertexte Bambiland und Babel diskutiert werden. Leitende Fragestellung wird sein, wie Jelinek die Funktionsweisen und Mechanismen von Medien im Unheimlichen verortet, indem ihre Texte facettenreich den Entzug der Präsenz in der medialen Darstellung inszenieren. In der exzessiven Betonung von Medialität wird das dargestellte Ereignis mehr und mehr zu einem gespenstischen Akt. In Bambiland kann dies insbesondere an der teichoskopischen Form der Botenrede untersucht werden. Es wird danach gefragt, wie die spezifische Prägung der Mauerschau im Text das Ereignis, von dem vorgeblich berichtet wird, als Leerstelle markiert und gleichzeitig das Medium des Berichtens, die Botenstimme, ins Zentrum des Interesses rückt. Als These gilt hier, dass sowohl das Ereignis als auch das (berichtende) Medium phantasmatische Züge aufweisen, sich als Anwesende erst in ihrer Abwesenheit beweisen und so im Kontext medialer Darstellung in eine unheimliche Dynamik treten.
Bei der Untersuchung von Babel soll der dritte Monolog, Peter sagt, herangezogen werden. Der Fokus im Horizont des Unheimlichen liegt dabei auf dem kybernetischen Verhältnis zwischen Mediennutzer und Medium, welches der Text inszeniert und damit die Bedingungen der Entstehung von (medialer) Realität in der wechselseitigen unbewusst bzw. automatisiert ablaufenden Beeinflussung von Mensch und Maschine verortet. Als Folge dieses kybernetischen Verhältnisses inszeniert Peter sagt die medialen Bilder als eigentliche Akteure und stellt diesen den Menschen als zunehmend passiv gegenüber. So scheint das Leben der Bilder im Text die Mortifikation der Abgebildeten mit sich zu bringen.

28.9.2015

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Elisabeth Günther: Konfigurationen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Theatertexten

Dissertation

Abstract

Eine der wenigen direkten Nennungen des Unheimlichen in Elfriede Jelineks Texten findet sich in dem 1984 verfassten Theatertext Krankheit oder Moderne Frauen. Hier spricht Dr. Heidkliff Facharzt für Kiefer- und Frauenheilkunde zu seiner untoten Frau, der homosexuellen Krankenschwester und Vampirin Emily: „Was seid ihr doch für unheimliche Gesellen. Wir lebendigen atmenden Menschen stehen im schönsten Gegensatz zu euch.“ (S. 227)
Jelineks Werk ist thematisch von dem Motiv der Untoten geprägt. Durch ihre Tex­te geistern Zombies, Vampire, Gespenster und andere Arten von Wiedergängern. Dieser Bogen spannt sich vom Vampirmotiv in DER FREMDE! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs (1969), wie auch in Krankheit oder Moder­ne Frauen über ihr Opus Magnum, dem Roman Die Kinder der Toten (1995), in dem „Unleben­dige über Leichen gehen und Untote fröhlich ‚Urständ‘ feiern“ (Löffler 2004) bis zu dem untoten Selbstmordattentäter Mohammed Atta, dem Jelinek in Babel (2004) eine Stimme verleiht, um die Ereignisse von 9/11 zu reflektieren.
Jedoch wird nicht nur in Krankheit oder Moderne Frauen schnell deutlich, dass es nicht so sehr das vampirische Dasein der Figuren ist, das sie unheimlich werden lässt, sondern letztendlich alle Figuren im Text unheimlich werden, auch die vorgeblich „lebendigen, atmenden Menschen“. In einem Interview von 1989 formuliert Jelinek den Wunsch, im Theater „Unbelebtes [zu] erzeugen“ (Roeder 1989): „Ich will dem Theater das Leben aus­trei­ben. Ich will kein Theater.“ (ebd.) Dabei stellt die Verlebendigung der Figur im traditionellen bürgerlichen Repräsentationstheater den zentralen Angriffspunkt ihrer negativen Theaterästhetik dar. Die inhaltliche Fokussierung auf das Untote korrespondiert also mit der formalästhetischen Ebene insbesondere ihrer Theatertexte. Ihre Stücke sind radikal dekonstruktivistisch, ihr spezifisches Verfahren der Intertextualität dekuvriert den Doppelcharakter des Zi­tierens als Mortifika­tion und Neubelebung der Vergangenheit (Annuß 2005) und ihre negative Theaterästhetik ist explizit an das Motiv des Untoten gekoppelt.
Die Dissertation schließt an die aktuell virulente Forschung zum Untoten in Jelineks Werk an (Annuß/Heimann/Mertens), fokussiert dabei jedoch das Unheimliche als Indikator für die Verunsicherung von Belebtheitsverhältnissen. Darüber hinaus wird der These nachgegangen, dass Jelineks Fokus auf das Untote und die Inklination ihrer Texte zum Unheimlichen vornehmlich mit Medialität zusammenhängt. Die Konjunktur, die das Unheimliche seit den 1980er-Jahren erlebt, ist im Zu­sammenhang mit der fortschreitenden Medialisierung unserer Gesellschaft zu verstehen (Masschelein 2014). Darin wird das Unheimliche zur prinzipiellen Grundstimmung in der Post­mo­der­ne (Lutz 2006) als einer Epoche, die sich zum einen mit ihrem Präfix ‚post‘ dadurch auszeichnet, das Ende aller möglichen Gewissheiten auszurufen (das Ende der Geschichte, des Subjekts, des Theaters etc.) und zum anderen aufgrund einer allumfassenden elektronisch-digitalen Medialisierung eine Nachträglichkeit und Mittelbarkeit ins Spiel gebracht wird, die die Eindeutigkeit von Belebtheit und Authentizität des Menschen in Frage stellt.
Die Arbeit kann nachweisen, dass Jelinek eben diesen Mechanismus des Medialen im Unheimlichen verortet, indem ihre Texte facettenreich den Entzug der Präsenz in der Darstellung inszenieren. „Medien sind Instrumente des Un­heim­lichen“, konstatiert Hans-Friedrich Bor­mann in Anlehnung an Friedrich Kittler. „Sie erzeugen und garantieren ‚Wirklich­keit‘. Insoweit sich Medialität insge­samt als blin­der Fleck der Wahr­neh­mung erweist, bleiben ihre strukturellen Voraussetzun­gen un­sicht­bar.“ (Bormann 2001) Jelinek sucht eben diese „strukturellen Voraussetzungen“ sichtbar zu machen und weist in ihren Texten exzessiv auf Medialität hin; mit der Beto­nung der Medialität wird dabei das dargestellte Ereig­nis mehr und mehr zu einem gespenstischen Akt. Als Phantasma, das sich als Anwesen­des erst in seiner Abwesenheit beweist, tritt das Ereignis im Kontext seiner medialen Dar­stel­lung in eine unheimliche Dynamik.
In der Untersuchung von Jelineks Theatertexten mit dem Fokus auf das Unheimliche im Horizont der Kategorie des Medialen leistet die Arbeit so nicht nur einen Beitrag zur Erforschung eines zentralen Topos im Werk der Autorin, sie gibt auch Aufschluss über die im Kontext des postdramatischen Theaters zentralen Kategorien von Ereignis, Darstellung und Repräsentation. Darüber hinaus erschließt sie neue Aspekte des Unheimlichen, die Jelineks Texte zu denken geben. Die Studie verfolgt also einen doppelten Ansatz, indem sie zum einen das Unheimliche als Instrument gebraucht, um die Texte der österreichischen Nobelpreisträgerin zu analysieren und dabei zum anderen neue Erkenntnisse für die seit den 1980er Jahren in der Forschung virulente Kategorie des Unheimlichen erarbeiten kann.

28.9.2015

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Bernadette Michlmayr: Von der Subjektlosigkeit der Frau. Patriarchale Machtstrukturen in Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“

Seminararbeit

Im 1984 erschienenen Theaterstück Krankheit oder Moderne Frauen postuliert Jelinek, dass zwischen Männern und Frauen keine (friedliche und egalitäre) Beziehung mehr moglich sei. Nicht nur die Verortung der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft wird detailliert reflektiert, sondern auch die Reduktion der Frau auf ihren Korper wird von Jelinek kritisch beleuchtet. Im Zuge dieser Seminararbeit sollen daher die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern in Jelineks Stück Krankheit oder moderne Frauen ausführlich betrachtet und diskutiert werden. Jelineks Auffassung des stereotypen Gesellschaftsbildes von Weiblichkeit wird anhand der Darstellung der beiden Protagonistinnen Emily und Carmilla erörtert. Die Analyse der Figuren zeigt ihren Status als Objekte und lässt auf die Unmoglichkeit einer Subjektwerdung der Frau schließen. Allerdings werden auch die subversiven Praktiken Jelineks, mit denen sie verschiedenste Binaritaten im Stück dekonstruiert, erläutert. Eine potentielle Subjektwerdung der Protagonistinnen sowie deren gescheiterter Versuch, einen Gegendiskurs zu etablieren, werden adressiert. Zuletzt wird die Metapher des Vampirismus ausführlich behandelt, um so Parallelen zwischen der Subjektlosigkeit des Vampirs und jener der Frau ziehen zu können.

14.9.2015

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Julia Purgina: Von einer Generation zur nächsten. Literarische Frauenschicksale im Wandel von Zeit und Gesellschaft – Intertextuelle Analogien und Differenzen in den beiden Romanen „Die Liebhaberinnen“ von Elfriede Jelinek und „Über Nacht“ von Sabine Gruber

Seminararbeit

In der vorliegenden Seminarbeit werden die Frauenfiguren, die in den beiden Romanen Die Liebhaberinnen von Elfriede Jelinek und Über Nacht von Sabine Gruber entworfen werden, hinsichtlich spezifischer zeitgeschichtlicher Aspekte vergleichend analysiert. Die Grundannahme dabei ist, dass die fiktiven Schicksale auch Aufschluss über die gesellschaftlichen Veränderungen geben können, die die ältere Generation von der jüngeren trennt. Jene Veränderungen betreffen nicht nur das Frauenbild selbst, sondern spiegeln sich auch in rechtlichen Rahmenbedingungen, etwa zum Eherecht, und in Diskursen und gesellschaftlichen Bewegungen, z.B. der Frauenrechtsbewegung und Homosexuelleninitiativen, wieder. Unter dieser Prämisse werden in der Seminararbeit die Aspekte von Körperlichkeit, Sexualität und Beziehung bei Jelinek und Gruber vergleichend betrachtet und als fiktive Realitäten betrachtet, die in engem Zusammenhang mit zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen stehen. Weiters wird auf formale Aspekte eingegangen, wie etwa einen doppelten Erzählstrang und den Erzählrahmen, der die beiden Romane auf dieser Ebene miteinander verknüpft.

2.9.2015

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Priska Seisenbacher: Neue Götter, alte Patriarchen. Die Griechenlandkrise als Ausgangspunkt einer Kapitalismuskritik bei Jelinek und Streeruwitz

Diplomarbeit

Die Griechenlandkrise als brisantes Politikum der Gegenwart wurde von beiden Autorinnen aufgegriffen, um über die konkrete Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen in Griechenland hinaus eine Kritik am geltenden Wirtschaftssystem zu markieren. In den ausgewählten Werken Jelineks und Streeruwitz‘ wird der neue Mut zum Unmoralischen in einer zunehmend ökonomisierten Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft entlarvt und entpuppt sich als Resultat des Wirtschaftssystems und seiner Glaubensgrundsätze. Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit im Kapitalismus ist ein tragendes Element der Kritik beider Autorinnen. Angesichts des marktwirtschaftlichem Prinzips und kapitalistischer Interessen, denen sich ganze Staaten samt ihrer Einwohner/Einwohnerinnen beugen müssen, steht schließlich die Frage nach der Demokratie im Raum. Tatsächlich ist die Thematisierung einer Demokratieaushöhlung eine Gemeinsamkeit der Kapitalismuskritik beider Autorinnen.
Die Kapitalismuskritik Jelineks und Streeruwitz‘ zeigt sich zudem feministisch motiviert. So zeigen die Autorinnen, dass die patriarchalische Gesellschaft ein fester Bestandteil des kapitalistischen Systems ist. Die Ökonomie bietet in der kapitalistischen Welt den Raum für eine institutionalisierte Männerherrschaft, die über einfache patriarchale Strukturen hinausgeht. In Opposition zur männlich dominierten Finanzmarktwirtschaft steht die Reproduktionsfunktion der Frau im Kapitalismus.
Jelinek und Streeruwitz sind beide bekannt für ihre Kritik am Christentum oder an der katholischen Kirche. Demnach ist es auch als ein Teil der Kapitalismuskritik anzusehen, wenn zwischen dem geltenden Wirtschaftssystem und der Religion Verknüpfungen hergestellt und Ähnlichkeiten herausgearbeitet werden. Die Zurschaustellung des religiösen Charakters, den der Kapitalismus nunmehr einnimmt, dient als Mittel der Infragestellung der uneingeschränkten Machtposition und –strukturen des Wirtschaftssystems.
Anzumerken bleibt, dass die Literaturästhetik beider Autorinnen unweigerlich im Zusammenhang mit der inhaltlichen Kritik steht. Während Streeruwitz ausgehend von dem Einzelschicksal der Figur Nelia schließlich über die großen Schicksale des Literaturbetriebes und Griechenlands spricht, entwirft Jelinek Sprechinstanzen, deren unverblümte Sprache Strukturen und Gedanken freilegen, die sonst im Verborgenen bleiben.

8.6.2015

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Hannah Wölfl: Wertlosigkeit und Entwertung. Kapitalismuskritik in Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ und Elfriede Jelineks weiterführende Bearbeitung in „Rein Gold“ anhand der Darstellung und Funktionalisierung der Frau als Kapital

Bachelorarbeit

Elfriede Jelineks Bühnenessay Rein Gold ist eine Auseinandersetzung mit Richard Wagners Ring des Nibelungen, in dem der Ring-Stoff im Kontext des 21. Jahrhunderts neu – gar radikal – verhandelt wird, wobei besonders die Kritik an Kapitalismus und dessen Auswirkung auf die Gesellschaft vordergründig ist. Ziel dieser Arbeit ist es, einen Vergleich zwischen Rein Gold und dem Ring des Nibelungen zu ermöglichen, der sich auf der Ebene der Kapitalismuskritik bewegt und anhand des Aspekts der Funktionalisierung der Frau als Kapital dargestellt werden soll. Zentral ist die Frage, ob die Narrative im Ring Anlangen von Kritik an der Funktionalisierung der Frauenfiguren als Kapitel beinhält, inwiefern solche Handlungsmomente (un)refklektiert sind, und wie im Kontrast dazu in Rein Gold mit dem Themenkomplex „Die Frau als/in Warenform“ umgegangen wird.

8.5.2015

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Catherine Lemieux: Das Eigentliche und das Uneigentliche: Das Problem der Metapher und ihrer Ironien bei Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Sylvia Plath und Marguerite Duras

Dissertation

Abstract

Anliegen dieses Dissertationsprojekts ist es, eine paradoxe Haltung gegenüber der Sprache zu analysieren. Ein strategischer Missbrauch der Metapher wird bei vier Schriftstellerinnen problematisiert. Metaphern nehmen traditionellerweise eine Stellung im philosophischen Diskurs ein: als Materialität unterdrückt und aufgehoben im Geist, als das lebende ursprüngliche Substrat einer toten konzeptuellen Sprache. In diesem Sinne sind Metaphern das Uneigentliche oder das Andere, die von Philosophen ausgesperrt und idealisiert wurden. Trügerisch, vage, oberflächlich, verführerisch, bilden sie den femininen Aspekt der Sprache, die das Gegenstück zum autoritären, vernünftigen, institutionellen, männlichen Aspekt der Sprache darstellen. Zu diesen zwei dialektischen Polen der Sprache gehört Eros mit seinen besonderen Machtverhältnissen. Dieser Dualismus wird reflektiert, verändert und gestört im Dilemma der schreibenden Frau, die nicht ganz mit dem einen oder dem anderen Pol der Sprache identifiziert werden will, weder als williges Opfer des sogenannten Phallo(go)zentrismus, noch als scheiternde „phallische Anmaßung“.
Es ist allgemein bekannt, dass dieses Dilemma, ja sogar eine Aporie, im „femininen Ich“ des Romans Malina von Ingeborg Bachmann verkörpert wird. Bachmanns außergewöhnliche Beziehung zur bildhaften Sprache wird untersucht, um die folgende Analyse zu grundieren. Von Jelineks Metaphernwucherung, über Plaths Metaphernverzerrung, bis zu Duras Metaphernausrottung wird eine ambivalente Schriftstellerinnenpose vorgestellt. Ihr Schreiben korreliert zwischen einer künstlichen, exzessiven und affektierten Prosa und einem skeptischen Ethos, der „den schönen Schein“ verweigert.
Durch die Untersuchung des diese Schriftstellerinnen verbindenden Metaphern-Komplexes wird eine Art des „schlechten Schreibens“ interpretiert und als Sprachkritik behandelt. Ein „uneigentliches“ Engagement für die Sprache und den Umgang mit ihr wird „feminin“ genannt werden, obwohl diese Sprachhaltung nicht unbedingt nur von Frauen an den Tag gelegt wird. Solche Ironisierungen der Metapher und zu hinterfragende Begriffe wie „écriture féminine“ oder „Frauenliteratur“ werden mit einer modernen Sprachmystik am Beispiel der Sprachtheorien von Karl Kraus, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin verbunden.

9.4.2015

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Björn Hayer: Das Verräumen der Sprache. Bericht zur internationalen Tagung „Jelineks Räume“ im Österreichischen Kulturforum Warschau

Tagungsbericht

Die Tagung Jelineks Räume, organisiert von Monika Szczepaniak (Universität Bydgoszcz), Agnieszka Jezierska (Universität Warschau), Pia Janke (Forschungsplattform Elfriede Jelinek der Universität Wien) fand vom 19.03.2015 bis 21.03.2015 am Österreichischen Kulturforum in Warschau statt und befasste sich mit den ästhetischen Entwürfen raumgestalterischer Dimensionen im Œuvre der Österreichischen Literaturnobelpreisträgerin.
Bereits mit ihrem Eröffnungsvortrag „Ihr Geld lebt auf einer schönen Insel.“ Topos und globale Welten in Elfriede Jelineks neueren Dramen stellte Dagmar von Hoff (Mainz) ein wesentliches Charakteristikum der postdramatischen Topografien Jelineks heraus: Sie kennzeichnete, ausgehend von Strahlende Verfolger und Die Kontrakte des Kaufmanns, die Verflüssigungstendenz als Signatur der jüngeren Bühnenstücke, woran insbesondere auch die Vorträge von Artur Pełka (Łódź) und Monika Szczepaniak (Bydgoszcz) zu Landschaftsentwürfen anknüpften. Wohingegen auf der einen Seite immaterielle Kapitalströme die Flüchtigkeit und Abstraktion einer globalisierten, spätmodernen Welt erkennen ließen, dienten der Autorin Wasser- und Schneelandschaften zu philosophischen Reflexionen über Gender, Spur und Gedächtnis. Um die Deixis der Theaterautorin in ihren Widersprüchen und Relativitäten zu erfassen, deutete Ulrike Haß (Bochum) deren Bühnenräume vor dem Hintergrund des aristotelischen Ortsverständnisses, ausgehend von der Stoffbeziehung zwischen Krug und Wein. Allen voran an der intertextuellen Verarbeitung der Aischylos-Tragödie in Die Schutzbefohlenen träten „Räume des Äußersten“ zutage, die stets aufs Neue fluide Grenzziehungen zu reflektieren scheinen.
Dass Jelineks Räume allen voran „postoptischer“ Natur seien, belegten anschaulich die Beiträge von Uta Degner (Salzburg) und Inge Arteel (Brüssel). Indem erstere die produktive Rezeption der Werke Valie Exports innerhalb der dramatischen Anlagen Jelineks nachvollzog, markierte sie deren ästhetische Formationen als polyvalente Diskursräume und verwies auf das breite Bezugsnetz in deren literarischem Kunstraum. Auch Arteel verfolgte in ihrem Beitrag Szenisches Schreiben. Theatralität und Räumlichkeit in Jelineks ‚Bühnenessay „Rein Gold“ einen ähnlichen Ansatz, indem sie Jelineks dramatische Settings als „Denkräume“ sowie als „mehrschichtige[r] intertextuelle[r] Echor[ä]um[e]“ zu veranschaulichen suchte.
Neben den Versuchen, adäquate Beschreibungsparadigmen zwischen Vertikaler und Horizontaler, Fläche und Dreidimensionalität zu finden, elaborierte die Diskussion somit zunehmend das Bewusstsein für ausstrahlende Diskurstopografien, welche ideologische Versatzstücke aus den Bereichen der Konsum- und Marktgesellschaft mit gleichsam neokolonialen und faschistischen Elementen amalgamieren.
Dass solcherlei Überlagerungen respektive Schichtungen zu charakteristischen Ausgrenzungsmechanismen beitragen, machten mehrere Referenten an Jelineks Die Schutzbefohlenen fest. So nutzte Silke Felber (Wien) in ihrem Vortrag „Die von des Bachs Ufern, des Meeres Küste, den Waldbüschen der Heimat Verscheuchten“. Ver-ortungen des Marginalisierten in Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ Terminologien von Agamben, Foucault und der Geschichtswissenschaften, um das Bild des Anderen zwischen In- und Exklusion zu verhandeln und somit eine Lokalisierung von Randgruppen in den Werken Jelineks vorzunehmen.
Bezieht die Autorin Spezifika der Hate Speech in ihre Texte ein, demaskiere sie, gemäß Brigitte E. Jirkus (Valencia) Auffassung, Gewaltverhältnisse in der Sprache. Worin Macht und Ohnmacht des Sprechens liegen, ließe sich insbesondere am chorischen „Wir“ beobachten, dem die Referentin exemplarisch in Die Schutzbefohlenen nachging. So grenzte sie die erste Person Plural allen voran als „Wir“ der Empörten ein und negierte dessen allzu offensichtliche Zuschreibung als Repräsentationspronomen der Asylsuchenden.
Die Sprachräume zeugen von Herrschaftsstrukturen, schließen in unterschiedlichen Aggregatzuständen (Wasser, Schnee, Eis) Verdrängtes ein und verstehen sich, wie Verena Meis (Düsseldorf) darlegen konnte, als Deponien für „taubes Material“, das „abgeräumt, ‚verräumt‘, ausgelagert wurde und (noch) keine neue Bewandtnis erhielt.“
Während Jelineks literarische Ausarbeitungen demzufolge in analytischer Präzision Marginalisierungsprozesse und Abräume widerspiegelten, stellte sich in den Gesprächen zugleich die Frage heraus, inwiefern deren zugrunde liegenden sprachlichen Konstruktionen nicht auch Alternativräume zuließen. Entgegen der Annahme, Jelineks Sprachspiele demonstrierten einzig und allein entleerte Signifizierungen, argumentierte Joanna Drynda (Poznan) in ihrer Interpretation Gefühlsräume im Prosawerk Elfriede Jelineks am Beispiel des Romans „Gier“ für eine Untersuchung der emotionalen Tiefenstruktur jenseits der Zeichenoberfläche. Sie vertrat die These, die Werke der in Wien und München lebenden Literatin changierten permanent zwischen „Ausleben und Unterdrücken von Gefühlen“, die ihrerseits neue Gender-Kodifizierungsebenen zu erkennen gäben.
Die Vorträge von Alexandra Tacke (Bremen/ Bydgoszcz), Björn Hayer (Koblenz-Landau) und Agnieszka Jezierska (Warschau) erweiterten die Raumphänomenologie um materielle, immaterielle und rezeptionsspezifische Aspekte. Indem Erstere Jelineks Prinzessinnendrama Der Tod und das Mädchen V (Die Wand) im Zeichen einer kulturgeschichtlichen Anknüpfung an die Traditionslinie der Wandmetaphorik deutete, lotete sie die damit verbundenen Gender-Artikulationen aus. Dass die topografischen Anlagen immerzu in Zusammenhang mit Jelineks geschundenen „Kippfiguren“ (Annuß) stünden, war ebenso Gegenstand in Hayers Analyse des echoartigen Cyberspaces in Jelineks dramatischem Tableau. Diese seien vor allem als Zwischenreiche abgesonderter Geschichtsreste und vergangenheitsloser Untoter zu verstehen. Abgerundet wurden die wissenschaftlichen Werkexegesen durch Jezierskas reflexive Darlegung der polnischen und insbesondere refraktären Wahrnehmung bzw. Verarbeitung durch weibliche und männliche Gegenwartsschriftsteller. Welche Schwierigkeiten und Potenziale sich im Hinblick auf eine sowohl sprachliche als auch kulturelle Translationsfähigkeit ergeben, war auch Gegenstand der Podiumsdiskussion am Institut für Germanistik der Universität Warschau. Hierin setzten Ulrike Haß, Rita Thiele (Chefdramaturgie am Schauspielhaus Hamburg), Karolina Bikont (Übersetzerin), Łukasz Chotkowski (Dramaturg, Regisseur) und Maja Kleczewska (Regisseurin) unter der Moderation von Pia Janke praktisch-inszenatorische mit wissenschaftlich-theoretischen Zugriffen auf Jelineks facettenreiche Bühnensettings in Beziehung.
In Summa ist zu konstatieren, dass sich diese grundsätzlich einer Repräsentionslogik entziehen. Vielmehr performieren sie mehrfachcodierte Diskursfolien, hinterfragen moralische und gesellschaftliche Grenzzonen und setzen Impulse für eine Dramatik der bedeutungskonstitutiven Raumästhetik. Die daraus resultierenden Möglichkeiten für das Theater könnten zukünftig noch Anlass für weitere Vertiefungen des Themas sein.

8.4.2015

Björn Hayer ist Akademischer Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau). Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Mainz. Seit 2012 Arbeit an der Promotion: „Wir sind das große Google“. Existenzielle Medien – Mediale Existenzen. Zur Rezeption der digitalen Medien in der Gegenwartsliteratur“.