Julia Stieglmeier: Nora – ein Palimpsest? Transtextualität bei Elfriede Jelinek

Bachelorarbeit

Texte entstehen nicht in einem luftleeren Raum – ausgehend von dieser Annahme werden im Folgenden die Transtextualitätsbezüge in Elfriede Jelineks Erstlingsdramas Was geschah nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften sowie der sich darauf explizit beziehende Epilog Nach Nora untersucht. Hierzu werden die strukturalistischen Werkzeuge, welche uns Gérard Genette in seiner Abhandlung Palimpseste. Literatur auf zweiter Stufe zur Hand gibt, herangezogen. Anhand der Analyse des Transtextualitäsgeechtes soll Elfriede Jelinek dramentheoretisch eingeordnet werden, wodurch sichtbar wird, dass sie sich auch hier der Methodik der „Nachahmung“ bedient. Es wird sich herausstellen, dass sich die Autorin durch das bewusste Reproduzieren und Rekontextualisieren von Texten und Diskursen in ein Geecht derselben eintritt, dieses visulisiert und kritisch hinterfragt.

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25.2.2016

Asako Fukuoka: Nicht erlebte Katastrophen erzählen. Narrative Strategien in der österreichischen Gegenwartsliteratur, insbesondere bei Elfriede Jelinek

Forschungsprojekt

Unter mehreren Zäsuren wie 1989/90 sowie 2000 fanden in der Gegenwartsliteratur verschiedene Generationswechsel statt. Da „gilt die Nachkriegsliteraturgeschichte als abgeschlossen“ 1), wobei „sich die Frage nach den adäquaten Ausdrucksmitteln und der ,richtigen‘ Darstellung für die zweite und dritte Generation“ 2) stellt. Hinsichtlich dessen zielt mein Projekt darauf ab, anhand von Texten Elfriede Jelineks und anderer österreichischer AutorInnen wie u.a. Ransmayr, Methoden der literarischen Darstellung der jüngeren Generation zu erörtern, wobei sich verschiedene Modelle herauskristallisieren sollen. 
Das geplante Referat beim Workshop will anhand zweier Theatertexte, nämlich Rechnitz (Der Würgeengel) (2009) und Kein Licht (2011), Jelineks Verfahren von Transmedialität und Zitat untersuchen. Die Auseinandersetzung mit zeitlich resp. geografisch entfernten und demzufolge selbst unerlebten Katastrophen gilt als einer der zentralen Aspekte von Jelineks Literatur. Die oben genannten Texte, in denen das Massaker von Rechnitz 1945 sowie das Reaktorunglück in Fukushima 2011 thematisiert sind, erweisen sich als exemplarische Beispiele für diese Verfahren, was sich anhand signifikanter literarischer Methoden belegen lässt.
 Von besonderer Bedeutung erscheint hierfür Jelineks Umgang mit Transmedialität und Zitatverfahren: Sowohl bei Rechnitz als auch bei Kein Licht sind Bezüge auf Film und (Presse-)Fotografie und zugleich auch intertextuelle Bezüge zu betrachten, wobei man diese beiden Methoden, also Transmedialität und Zitierverfahren, durch ein Prinzip von Zusammensein einander fremder Aussagen, Logiken und Stimmen charakterisieren kann.
 Ich analysiere diese beiden Verfahren, indem ich mich auf Sibylle Krämers Mediumsmodell der „Übersetzung“ berufe, wobei die Tätigkeit nicht auf „Aussagegehalt verschiedener Sprachen“, sondern auf „Differenz in ihren ›Arten des Meinens‹ gerichtet sei. Mittels dieser Untersuchung wird argumentiert, dass Jelineks Verfahren die fremden Momente ›übersetzend‹ aufgreifen und somit abseits beliebiger Abstandsbewältigung eine literarische Darstellungsart unerlebter Katastrophen ermöglichen.

Das Projekt wird von JSPS KAKENHI (15K16713) gefördert.

Fußnoten
1) Caduff, Corina /Vedder, Ulrike (Hg.): Chiffre 2000 – Neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur. München: Fink 2005, S. 9.
2) Stephan, Inge / Tacke, Alexandra (Hg.): NachBilder des Holocaust. Köln: Böhlau 2007 (Literatur – Kultur – Geschlecht; Kleine Reihe 23), S. 8.
3) Krämer, Sybille: Medium, Bote, Übertragung – Kleine Metaphysik der Medialität. Frankfurt: Suhrkamp 2008, S. 191.

9.11.2015

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Janik Hauser: Auf den Spuren Freuds? Zur Frage der Schnitzlerschen Freud-Rezeption als Spur in der delirierenden Rede ausgewählter Theatertexte Elfriede

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Es ist literaturwissenschaftlicher Konsens, dass die Sprechinstanzen aus den Theatertexten Elfriede Jelineks die klassisch-aristotelische Dramaturgie unterlaufen, sich einem psychologisierenden Zugang verwehren und in Richtung polyphoner Gebilde rücken, welche viel eher einen Diskurs als Urheber haben, als eine charakterisierbare Dramatis Persona. Auch wird immer wieder hervorgehoben, dass sich Jelineks Hang zum Sprachspiel aus einer reichhaltigen österreichischen Tradition (Karl Kraus, Johann Nestroy) speisen würde, hauptsächlich jedoch um Oberflächenphänomenen wie Kalauer und Sprachspiel eine griffige Quelle zuordnen zu können, die es erlaubt, den scheinbaren Widerspruch zwischen Jelineks thematischer Komplexität und ihrer bisweilen Effekthascherisch wirkenden Sprachpraxis vereinfachend zu überbrücken.
Der Aufsatz möchte einer anderen Quelle der österreichischen Tradition nachgehen, um die Beschaffenheit des „Jelinek-Sounds“ einzukreisen. Indem er sich auf die Suche nach Rudimenten des Schnitzlerschen Inneren Monologs in den Theatertexten macht, will er einer Aussage Jelinkes Rechnung tragen, dass sie beim Verfassen ihrer Texte „gewissermaßen als Triebtäterin“ arbeite. Assoziative Themenübergänge, Motivketten und gedankliche Irrwege werden demnach durch die Verlagerung der Psychologie von der Figurenebene in die Art und Weise der Narration plausibel, welche Jelinek im oben genannten Zitat eindeutig mit freudscher Terminologie kontaminiert. In Anbetracht der Tatsache, dass Arthur Schnitzler in regem Austausch mit Freud stand und mit dem Inneren Monolog gleichsam eine literarisches Äquivalent zur Psychoanalyse versuchen wollte, scheint eine Untersuchung des delirierenden Sprechduktus der Theatertexte Schatten (Eurydike sagt), Raststätte oder Sie machens alle, Bambiland von Elfriede Jelinek vor der Folie Schnitzlerscher Freud-Rezeption ein Aufschluss versprechendes Unterfangen zu sein.
Es soll dabei als Ausgangspunkt gefragt werden, wie die Sprechstimme aus Schatten (Eurydike sagt) mit Fragmenten klassischer Theaterpraxis wie Mauerschau, Offenbarungsmonolog, dialogischem Sprechen hantiert und auf welche Weise ihr eine Kohärenzbildung dennoch misslingt. Diese Passagen sollen sodann mit der Monolognovelle Fräulein Else von Arthur Schnitzler gegengelesen werden, um strukturelle Parallelen zu erweisen. In einem zweiten Schritt sollen Wurzeln von dem Jelinekschen Verfahren des entstellenden Zitats in der vernachlässigten Briefnovelle Schnitzlers Andreas Thameyers letzter Brief aufgezeigt werden, um es in einem weiteren Schritt mit dem Text Die Schutzbefohlenen gegenzulesen. Dies eignet sich besonders, da sowohl das Werk Schnitzlers als auch Jelineks Theatertext das intertextuelle Verfahren zur Kritik/Persiflage kolonialistischer Diskurse verwendet. In einem letzten Schritt sollen Schnitzlers affirmative Verwertung Freudscher Ansätze mit deren kritischer Lesart durch Jelinek in den jeweiligen Werken kontrastierend erschlossen werden.

13.10.2015

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Franz-Michael Mock: Über Realität und unprägsame Figuren. Elfriede Jelineks Rezeption von Wolfgang Bauers dramatischen Werk

Obwohl Wolfgang Bauer als einer der produktivsten und populärsten Dramatiker der 1960er und 70er Jahre gilt, findet sein Gesamtwerk im öffentlichen und akademischen Diskurs nur noch am Rande Beachtung. Dabei handelt es sich bei Bauer um einen Autor, der sich einer eindeutigen literaturwissenschaftlichen Kategorisierung konsequent zu widersetzen scheint und somit ein schier unerschöpfliches Repertoire für die Forschung bereithält. Elfriede Jelinek wagt dieses Unterfangen in ihrem 2005 in den manuskripten publizierten Aufsatz Ausgeronnen und hat damit einen der ergiebigsten Texte zu Bauers Schaffen verfasst. Jelinek analysiert darin nicht nur Bauers dramatisches Werk an sich, sondern auch die Figuren und deren Sprache, die oftmals fälschlicherweise als Abbildung der Wirklichkeit verstanden wurde.
Der vorliegende Aufsatz soll nicht nur dazu beitragen, Jelineks Text aktiv in die Bauer-Forschung einzubeziehen. Es sollen auch anhand ausgewählter Textpassagen Gemeinsamkeiten der beiden großen österreichischen Autoren aufgezeigt und beleuchtet werden. Neben dem zentralen Text Ausgeronnen wurden unter anderem Bauers Change und Magic Afternoon sowie Jelineks Burgtheater und Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften als Grundlage für die Analyse gewählt.

12.10.2015

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Natia Saginadze: Komik als Grenzerfahrung im österreichischen und georgischen Gegenwartsdrama. Exzessiv-komische Überschreitungen beim Umgang mit der Vergangenheit am Beispiel ausgewählter Theatertexte von Elfriede Jelinek und Lascha Bugadze

Teilaspekt der Dissertation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

„Es hat nichts Erstaunliches, wenn ein Volk in periodischen Abständen die Gegenstände aus seiner Vergangenheit wieder vornimmt und sie aufs neue beschreibt, um festzustellen, was es damit anfangen kann: das sind Einschätzungen, die von Zeit zu Zeit fällig oder doch wünschenswert sind. Das nennt man ‚neue Kritik‘.“ 1)

Zwischen dem modernen georgischen Schriftsteller Lascha Bugadze und der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek liegen auf den ersten Blick die Welten. Näher betrachtet, gibt es aber gemeinsame Textfelder, die man bei diesen AutorInnen ausfindig machen kann. Es ist nämlich die Tendenz auszumachen, dass die Werke sowohl der österreichischen als auch georgischen Autorinnen auf inhaltlicher Ebene stark von den Erfahrungen ihrer Heimat geprägt sind. Im Falle von Elfriede Jelinek geht es um Nationalsozialismus. Laut einer These wurde das österreichische Tabu um die nationalsozialistische Vergangenheit von den KünstlerInnen gebrochen. Elfriede Jelinek wurde dabei als Autorin rezipiert, die politische und auch moralische Tabus kenntlich macht und überschreitet. 2) Das Anliegen des Referates ist es, am Beispiel des Theaterstückes Burgtheater zu analysieren, wie diese Überschreitung im literarischen Diskurs stattfindet. Bekanntlich setzte sich Burgtheater mit der mangelhaften Vergangenheitsbewältigung in Österreich auseinander und dabei vor allem mit der Vergangenheit einer berühmten österreichischen Schauspielerfamilie.
Auch in Georgien ist die sowjetische Vergangenheit schon lange tabu. Es gab immer noch keine Auseinandersetzung von den GeschichtswissenschaftlerInnen. Niemand stellt Fragen, kaum jemand spricht offen über die Fehler und die Opferdoktrin (Georgien als Opfer des sowjetischen Regimes) lebt weiter. Die Handlung des Theaterstückes Die letzte Nacht von Lascha Bugadze spielt während des zweiten Weltkrieges und mit der Darstellung der Figur Stalins thematisiert sie sowjetische Verstrickungen.
Man kann sich auf verschiedene Arten dem Thema annähern. Bei diesen Autorinnen ist aber die Art der Annährung Komik. Komik schafft Distanz, durch die dann die Grenzen überschritten werden. Das Komische ist zwar grundsätzlich harmlos, es kann aber eine subversive Wirkung haben. Es bricht verfestigte Grenzlinien auf und kann damit auch als eine Öffnung zu Neuem interpretiert werden. 3)

Fußnoten
1) Barthes, Roland: Kritik und Wahrheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988. S. 68.
2) Vgl. Janke, Pia (Hg.): Jelinek-Handbuch. Stuttgart: Metzler  2013, S. 335-340.
3) Lohse, Rolf: Überlegungen zu einer Theorie des Komischen. In: Philologie in Netz 4 (1998), S. 37.

8.10.2015

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Asako Fukuoka: Erzählen der unerlebten Katastrophen. Übersetzen als literarisches Modell bei Elfriede Jelinek und Autoren der ›zweiten Generation‹

Teilaspekt des Forschungsprojekts
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Unter mehreren Zäsuren wie 1989/90 sowie 2000 fanden in der Gegenwartsliteratur verschiedene Generationswechsel statt. Da „gilt die Nachkriegsliteraturgeschichte als abgeschlossen“ (Corina Caduff und Ulrike Vedder [Hg.]: Chiffre 2000 – Neue Paradigmen der Gegenwartsliteratur 2005, S. 9), wobei „sich die Frage nach den adäquaten Ausdrucksmitteln und der ,richtigen‘ Darstellung für die zweite und dritte Generation“ (Inge Stephan und Alexandra Tacke [hg.] Nachbilder des Holocaust. 2007, S. 8) stellt. Hinsichtlich dessen zielt mein Projekt darauf ab, anhand von Texten Elfriede Jelineks und anderer österreichischer AutorInnen wie u.a. Ransmayr, Methoden der literarischen Darstellung der jüngeren Generation zu erörtern, wobei sich verschiedene Modelle herauskristallisieren sollen.
Das geplante Referat beim Workshop will anhand zweier Theatertexte, nämlich Rechnitz (Der Würgeengel) (2009) und Kein Licht (2011), Jelineks Verfahren von Transmedialität und Zitat untersuchen. Die Auseinandersetzung mit zeitlich resp. geografisch entfernten und demzufolge selbst unerlebten Katastrophen gilt als einer der zentralen Aspekte von Jelineks Literatur. Die oben genannten Texte, in denen das Massaker von Rechnitz 1945 sowie das Reaktorunglück in Fukushima 2011 thematisiert sind, erweisen sich als exemplarische Beispiele für diese Verfahren, was sich anhand signifikanter literarischer Methoden belegen lässt.
Von besonderer Bedeutung erscheint hierfür Jelineks Umgang mit Transmedialität und Zitatverfahren: Sowohl bei Rechnitz als auch bei Kein Licht sind Bezüge auf Film und (Presse-)Fotografie und zugleich auch intertextuelle Bezüge zu betrachten, wobei man diese beiden Methoden, also Transmedialität und Zitierverfahren, durch ein Prinzip von Zusammensein einander fremder Aussagen, Logiken und Stimmen charakterisieren kann.
Ich analysiere diese beiden Verfahren, indem ich mich auf Sibylle Krämers Mediumsmodell der „Übersetzung“ berufe, wobei die Tätigkeit nicht auf „Aussagegehalt verschiedener Sprachen“, sondern auf „Differenz in ihren ›Arten des Meinens‹ gerichtet (Medium, Bote, Übertragung – Kleine Metaphysik der Medialität 2008, S. 191) sei. Mittels dieser Untersuchung wird argumentiert, dass Jelineks Verfahren die fremden Momente ›übersetzend‹ aufgreifen und somit abseits beliebiger Abstandsbewältigung eine literarische Darstellungsart unerlebter Katastrophen ermöglichen.

8.10.2015

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Brigitte Stocker: Elfriede Jelineks intertextuelle Bezüge zum Werk von Paul Celan

Teilaspekt der Habilitation
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Mein Habilitationsvorhaben beschäftigt sich mit referentiellen Schreibverfahren in satirischen Texten. Ausgewählte Werke, die entweder als Satiren klassifiziert werden oder starke satirische Elemente aufweisen, werden auf ihre Referentialität hin untersucht; Traditionslinien polemischen Denkens sollen dabei nachverfolgt werden. Im Fokus stehen dabei besonders die Werke von Elfriede Jelinek und Karl Kraus, die auf ihre Zitattechnik hin untersucht werden. Ein Teilaspekt der Arbeit widmet sich jenen Texten Jelineks, in denen Bezüge auf das Werk von Paul Celan festgestellt werden können. Zitate und Allusionen, die Jelinek aus Texten von Celan verwendet, sollen nicht nur aufgespürt und aufgelistet, sondern vor allem auf ihre Funktionalität im Text hin analysiert werden. Relevant für diesen Teilaspekt meines Forschungsvorhabens sind im Speziellen Jelineks Texte Die Kinder der Toten und Die Ausgesperrten, die Bezüge auf Celans berühmtestes Gedicht Todesfuge aufweisen und vor allem das Werk In den Alpen mit seinen Referenzen auf Celans Gespräch im Gebirg.
Es soll untersucht werden, wie die fremden Textsegmente und auch die stilistischen Allusionen dem ursprünglichen Zusammenhang entnommen und in einen neuen Kontext gebettet werden, wodurch sich ein Dialog mit den anderen, (fremden) Textsegmenten ergibt.
Wie schon bei den Referenzen auf das satirische Oeuvre von Karl Kraus ist auch im Fall der Bezüge auf Celan eine Traditionslinie kritischen (jüdischen) Denkens wahrnehmbar, die hier zusätzlich noch Österreichs Verstrickung in den Holocaust und den danach geschaffenen Opfermythos kritisch reflektiert.

8.10.2015

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Beate Schirrmacher: Macht und Musik/Gewalt und Körper in Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ (1983) und Anthony Burgess’ „A Clockwork Orange“ (1962)

Teilaspekt des Forschungsprojekts
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

In Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin und Anthony Burgess’ A Clockwork Orange verbindet sich in der Kombination von Musik und Gewalt die Kritik gesellschaftlicher Machtstrukturen mit performativer Körperlichkeit. Gesellschaftliche Machtstrukturen werden sicht- und gestaltbar, gleichzeitig wird die symbolische Bedeutung und Funktion der Sprache in Frage gestellt und herausgefordert.
Im Zentrum der Verbindung von Musik und Gewalt steht in der Klavierspielerin der Körper der Musikerin. In einer Interaktion von Spiel, (Gender-)Performanz und sprachlicher Performativität wird der Körper mit Gewalt in den Musikdiskurs eingeschrieben (Schirrmacher, i.E.). Zentrale Motive, wie die Mechanisierung und Immobilisierung des Körpers, Disziplinierung, Voyeurismus, Objektivierung des Subjekts, finden sich in anderer Kombination in A Clockwork Orange wieder. So ist das Mechanik-Motiv in A Clockwork Orange zentral, aber auch in der Klavierspielerin zu finden. Der Zwang zum Sehen findet sich in Alex Konditionierungsprozess aber auch in völlig anderer Weise in Erikas Voyeurismus. Die Bedeutung von Genderrollen und Herrschaftsstrukturen in der Klavierspielerin ermöglicht es, nicht nur diese Themen in A Clockwork Orange hervorzuheben (deRiosa), sondern sie in einen Zusammenhang mit dem Musikdiskurs des Romans bringen, der bislang lediglich auf sein gesellschaftskritisches Potential befragt worden ist und meist nur in Hinblick auf Kubricks Verfilmung (s.u.a. Höyng).
Eine gemeinsame Analyse dieser Texte in einem europäischen Kontext, jenseits etablierter literaturhistorischer Entwicklungslinien kann nicht nur im Rahmen des Postdok-Projektes die Bedeutung des Nexus Musik/Gewalt hervorheben, sondern kann gerade aufgrund der unterschiedlichen Gestaltung und Gewichtung ähnlicher Motive neue Erkenntnisse für beide Texte und Autorschaften bieten.

8.10.2015

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Darius Watolla: Jenseits der (deutschen) Sprache – Themen und Kontexte in Jelineks „Im Verlassenen“

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Elfriede Jelinek veröffentlicht auf ihrer Homepage regelmäßig auch Texte, die auf aktuelle Ereignisse und Entwicklungen, häufig Unglücke, Bezug nehmen. So wird beispielsweise in Nach Nora die Katastrophe von Dhaka thematisiert., bei der am 24.04.2013 über 1100 Menschen starben, Kein Licht stellt eine Auseinandersetzung mit der Katastrophe von Fukushima dar. Diese Texte basieren einerseits auf konkreten Geschehnisse, Katastrophen und Skandalen, sind aber andererseits in ihrer Aussageabsicht „universal“ auf globale Entstehungsmuster und Zusammenhängegerichtet. Dadurch wird ein zwischen Konkretion und Abstraktion, Nähe und Ferne wechselnder Blick erzwungen. Er wird zum einen geographisch nach Europa zurück-, zum anderen intratextuell auf frühere Texte Jelineks zurückgelenkt (oft durch den Zusatz „Epilog zu…“).
Die Verbindung von aktuellen Anlässen mit wiederkehrenden Themen, Topoi und Verfahren, die in Jelineks Werk eine besondere Rolle spielen (wie Unterdrückung von Frauen, sexuelle Gewalt, Kapitalismuskritik), lässt sich in vielen der Online-Texte nachweisen. Die Polyrelevanz dieser Texte erwächst gerade aus ihrer mangelnden inhaltlichen Restriktion. Es ist deswegen auch vorstellbar, dass die Texte aufgrund ihrer globalen Bedeutung international ähnlich rezipiert werden.
Bei dem Text Im Verlassenen, der eine relativ zeitnah erfolgte Auseinandersetzung mit dem Missbrauchsfall von Amstetten (bekanntgeworden 2008) darstellt, ist die Analyse übergeordneter Zusammenhänge wie auch der Reaktionen auf den Kriminalfall spezifischer und exklusiver – fokussiert auf Österreich. An diesem Text, ebenfalls auf der Homepage der Autorin veröffentlicht, soll exemplarisch dargelegt werden, welche Themen und Themenkomplexe Eingang in den Text gefunden haben und wie dadurch ursächliche Zusammenhänge zwischen der Tat eines Einzelnen und der österreichischen Gesellschaft insgesamt belegt werden sollen. Ausgehend von der inhaltlichen Dichte des relativ kurzen Textes wird der Frage nachgegangen, ob die zahlreichen historischen, kulturellen, politischen und auch religiösen Kontexte sich in anderen europäischen Ländern überhaupt erschließen lassen oder erst mit Hilfe eines Kommentars die Rezeption ermöglicht oder erweitert wird. Anhand der im Text identifizierbaren Diskurse soll außerdem die Frage verfolgt werden, ob eine philologische Kommentierung von Im Verlassenen ihre rezeptionsunterstützende Wirkung in unterschiedlichen Sprach-­‐ und Kulturräumen gleichermaßen entfalten kann, obwohl Im Verlassenen ein spezifisch österreichischer Text ist. Dieser Aspekt wird komparatistisch untersucht, indem exemplarisch in der polnischen Gegenwartsliteratur (z.B. im Werk von Manuela Gretkowska) Entsprechungen jener Diskurse aufgezeigt werden, die in Jelineks Text Im Verlassenen vorzufinden sind. Ihre Analyse soll verdeutlichen, ob sie auf die gleiche oder ähnliche Weise miteinander verknüpft werden, wie es im Originaltext der Fall ist, und inwiefern ein philologischer Kommentar dieses Textes intertextuelle Differenzen berücksichtigen muss.

8.10.2015

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Informationen zu Darius Watolla

Susanne Teutsch: „Ich bin in der Welt enthalten, aber die Welt ist auch in mir enthalten“: Pierre Bourdieu, Mircea Cărtărescu und Elfriede Jelinek

Forschungsprojekt
(für den Nachwuchsworkshop 2016)

Das gemeinsame Dilemma europäischer Literaturen ist ihre Beschränkung auf nationale Kriterien. Pierre Bourdieu hat mit seiner Theorie des literarischen Feldes eine Makrostruktur geschaffen, in der sich Literatur nach transnationalen Kriterien verorten lässt. Das literarische Feld erstreckt sich soweit, wie die Wirkung eines bestimmten Werkes, Übersetzungen überwinden die Sprachbarrieren ihres ursprünglichen Raumes und treten dadurch mit anderen Werken in Beziehungen, die durch ihre Kräfteverhältnisse bestimmt werden. Dabei ist es notwendig, nicht nur sichtbare Interaktionen zu betrachten, sondern vielmehr jene Raumstruktur zu berücksichtigen, die den Interaktionen Form und Gestalt verleiht. Es geht darum, den Raum der Stellungen oder Positionen zum Raum der Stellunggnahmen oder Dispositionen ins Verhältnis zu setzen, d.h. die Beziehung von Feld und Habitus zu erforschen. Nach Bourdieu ist der Habitus die sozialisierte Subjektivität, er leitet die Praxis an, determiniert sie aber nicht. Die strengsten sozialen Befehle richten sich dabei nicht an den Intellekt, sondern an den Körper.
Sowohl in Elfriede Jelineks Roman Die Kinder der Toten als auch Mircea Cărtărescus erstem Teil der Orbitor-Trilogie Die Wissenden dominiert eine transformative Körperlichkeit, die sowohl Figuren als auch Orte und Gebäude erfasst und in einem realen Verhältnis zu Vergangenheits- und Erinnerungsdiskursen steht. Ziel ist es, die beiden Werke, die als jeweiliges Opus Magnum gelten, basierend auf Bourdieus soziologischen Ausführungen in Bezug zueinander zu setzen. Als Grundannahme gehe ich davon aus, dass die soziale Realität dabei zweimal existiert; in den Sachen und in den Köpfen, in den Feldern und im Habitus: der Autor / die Autorin ist demnach Teil des Textes und der Text Teil des Autors / der Autorin. Das Feld der Macht sind deswegen die Texte selbst, die als Raum der Kräftebeziehungen zwischen ProtagonistInnen und Institutionen dienen. Im Fokus stehen ihre Interessen und Auseinandersetzungen, die der Bewahrung oder Veränderung des relativen Wertes ihrer Machttitel bzw. Kapitalsorten gelten, was sich schlussendlich auch auf die Autonomie der literarischen Ordnung auswirkt und in welchem Verhältnis sie zur ökonomischen Welt steht.

7.10.2015

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